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Woher kommt Long Covid? Wissenschaftler sehen Symptome zunehmend als Zeichen einer Autoimmunerkrankung

·Lesedauer: 5 Min.
Maria Romero, eine LongCovid-Patientin, im Dezember 2020.
Maria Romero, eine LongCovid-Patientin, im Dezember 2020.

Patientinnen und Patienten mit Long Covid könnten die lang ersehnte Antwort auf ihre Frage, warum sie immer noch an den Folgen einer Corona-Infektion leiden, womöglich bald erhalten. Die National Institutes of Health (NHI), eine Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums, will nun in einer 470 Millionen Dollar schweren Studie die Ursachen von Long Covid zu erforschen. Allerdings verdichten sich einige Hinweise zu den möglichen Ursprüngen bereits jetzt: Das Virus könnte eine Autoimmunreaktion auslösen – die dann anhaltende Symptome wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Geruchsverlust, Muskelschmerzen oder Gehirnnebel verursacht.

"Wir können noch nicht mit vollständiger Sicherheit sagen, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, aber es sieht langsam danach aus", sagte der Mediziner John Arthur von der Universität of Arkansas in einem Gespräch zu Business Insider. Arthur und sein Forschungsteam haben gerade eine Studie in der Fachzeitschrift "Plos One" veröffentlicht.

Die Vermutung der Forschenden, die sich in der Studie bestätigte: Einige Patientinnen und Patienten mit Long Covid entwickeln während der Infektion sogenannte Auto-Antikörper. Diese greifen körpereigene Proteine an, was wiederum zu gesundheitsschädlichen Entzündungen führen kann. Eine solche Reaktion ist typisch für Autoimmunerkrankungen – und könnte auch der Auslöser für Long Covid sein, so das Forschungsteam. "Bisher passt irgendwie alles zusammen. Wir sind nur noch nicht ganz am Ziel, was unser Verständnis für die Hintergründe angeht", so Arthur.

Sollte sich die Theorie der Forscher um John Arthur bestätigen, hätte dies Auswirkungen darauf, wie Long Covid-Patienten behandelt werden. Bestimmte Blutdruckmedikamente könnten dann beispielsweise eingesetzt werden, um die schädliche Entzündungsreaktion zu unterbinden. Darüber hinaus deuten einige Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass auch die Corona-Impfstoffe dazu beitragen könnten, die langwierigen Symptome zu lindern. Möglicherweise könne das auf die Regulierung der Antikörper mithilfe der Impfstoffe zurückzuführen sein, so die Vermutung des Forscherteams.

Bei vielen Long Covid-Patienten scheint das Immunsystem die eigenen Antikörper zu bekämpfen

Ein genesener Covid-19-Patient wird in der Abteilung für rehabilitative Kardiologie in Genua, Italien, untersucht.
Ein genesener Covid-19-Patient wird in der Abteilung für rehabilitative Kardiologie in Genua, Italien, untersucht.

Mindestens ein Drittel aller Corona-Patienten weisen mindestens ein anhaltendes Symptom von Covid-19 über zwölf Wochen oder länger auf. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die noch durch unabhängige Experten überprüft werden muss. Wissenschaftler beschäftigen sich seit über einem Jahr damit, was die Gründe für Long Covid sein könnten.

„Ich sehe viele jüngere Patientinnen und Patienten mit chronischen Covid-Symptomen. Viele von ihnen hatten vor der Corona-Infektion jedoch keine gesundheitlichen Probleme, vor allem keine Lungenerkrankungen“, sagt etwa Dixie Harris. Sie ist Lungenärztin bei Intermountain Healthcare im US-Bundesstaat Utah. "Sie waren vorher total aktiv, liefen Marathon und trieben Sport. Jetzt sind sie auf externen Sauerstoff angewiesen."

Forscher wissen, dass die Körper erkrankter Personen Antikörper entwickeln, um das Coronavirus zu neutralisieren. Bei vielen Long Covid-Patienten scheint das Immunsystem jedoch diese Antikörper fälschlicherweise für eine fremde Bedrohung zu halten. Daraufhin bildet der Körper Auto-Antikörper, um die eigenen vermeintlich schädlichen Antikörper zu bekämpfen.

Arthurs Team analysierte Blutproben von 32 Long Covid-Patienten, die an der Universität von Arkansas Plasma gespendet hatten. Weitere 15, die im örtlichen Krankenhaus behandelt worden waren, wurden ebenfalls in die Untersuchung einbezogen. Die Analyse zeigt, dass etwa 81 Prozent der Plasmaspender sowie 93 Prozent der hospitalisierten Erkrankten eine bestimmte Art Auto-Antiköper entwickelt hatten. Diese hemmten die sogenannten ACE2-Enzyme, die als "Eintrittspforte" für das Coronavirus dienen, um in die Zellen einzudringen. Gleichzeitig sind diese Enzyme jedoch essenziell, um das Immunsystem zu beruhigen. Sind nicht genügend Enzyme dieser Art vorhanden, kann das Immunsystem zu viele Entzündungen hervorrufen. "Die Hemmung des ACE2-Enzyms verstopft im Grunde das gesamte System", erläutert Arthur. "Es ist, als hätte man ein Büschel Haare im Abflussrohr. Das Wasser kann nicht mehr abfließen und beginnt, sich oben anzusammeln."

Für eine eindeutige Erklärung sind allerdings weitere Forschungsarbeiten erforderlich. Noch sei nicht mit Gewissheit zu sagen, ob diese ACE2-Antikörper tatsächlich Long Covid verursachen, so die Forscher. Es sei zum Beispiel noch nicht sicher, ob schwere Infektionen mehr Auto-Antikörper produzieren als leichte Krankheitsverläufe. Ergebnisse einer im Mai veröffentlichten Studie in "Nature" hatte auf diese Möglichkeit hingedeutet. John Arthur betont jedoch, dass Long Covid auch bei Menschen mit mildem Krankheitsverlauf vorzufinden sei.

Wissenschaftler erwägen Blutdruckmedikamente als mögliche Behandlung

Die Long Covid-Patientin Rosalee Jones aus Irvington, New Jersey, hält ihre täglichen Medikamente.
Die Long Covid-Patientin Rosalee Jones aus Irvington, New Jersey, hält ihre täglichen Medikamente.

Die Ergebnisse der Untersuchung von Arthurs Team legen aber nahe, dass es potenziell andere Behandlungsmöglichkeiten für Long Covid-Patienten gibt als jene, die bisher angewandt werden – etwa die schon erwähnten Medikamente, die normalerweise zur Behandlung von Bluthochdruck verwendet werden.

Der Grund: ACE2-Enzyme tragen normalerweise zur Regulierung des Blutdrucks bei. Sie wandeln eine den Blutdruck erhöhende Substanz in eine um, die die Durchblutung verbessert. Long Covid könnte diesen Umwandlungsprozess verhindern, sodass die den Blutdruck erhöhende Substanz schädliche Entzündungswerte hervorrufen könne, so die Annahme. Womöglich könnten Medikamente gegen hohen Blutdruck diese Entzündungsreaktion daher abschwächen.

Gleichzeitig deutet die von Arthur durchgeführte Studie darauf hin, dass Corona-Impfstoffe die Mengen an Covid-Antikörpern und Auto-Antikörpern bei Patienten mit Long Covid ausgleichen könnten. Eine im März veröffentlichte britische Studie ergab, dass sich Symptome bei 57 Prozent der von Long Covid Betroffenen nach einer Impfung verbesserten. Die Studie und deren Ergebnisse müssen allerdings noch durch unabhängige Experten überprüft werden. Dazu will auch das Team um Arthur forschen. "Das ist einer der Sachverhalte, die wir in der nächsten Phase untersuchen werden", sagt er. "Wir möchten Erkenntnis darüber erhalten, wie sich der Impfstatus auf die Häufigkeit der ACE2-Antikörper auswirkt."

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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