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Kommentar: Darts ist genau der Sport, den wir 2020 brauchen

Ben Barthmann
Sports Editor

Ja, die Darts-WM ist “komisch” und mag bei manchem Außenstehenden für Kopfschütteln sorgen. Aber wer das Turnier in den letzten Wochen verfolgt hat, weiß: Darts ist genau der Sport, den wir 2020 brauchen. Ein Kommentar von Yahoo-Redakteur Ben Barthmann.

Peter Wright gewann das Finale der Darts-WM am 1. Januar. (Bild: Getty Images)

Wer sich als Darts-Fan outet, weiß, dass er sich anschließend ein paar kritischen Fragen stellen muss. Ist das überhaupt Sport? Wie kann man sich das ohne Langeweile ansehen? Das ist doch immer das Gleiche? Sitzen da nicht nur Betrunkene im Publikum?

Ich weiß inzwischen auf alle diese Fragen eine standardisierte Antwort, wirklich erklären kann ich es aber nicht, warum mich der Sport so fasziniert. Das macht aber auch nichts, denn jeder soll sich den Sport aussuchen, der eben für eigene Begeisterung sorgt. Kein Problem, wenn die Darts-WM nicht alle Geschmäcker befriedigt.

Aber - großes Aber - 2020 könnten doch alle Sportarten vom Darts lernen. Denn die letzten Wochen haben abermals unter Beweis gestellt, was der Darts für ein toller Sport abseits des Boards und des Oches sein kann.

Fallon Sherrock - oder wie die Darts-WM Gleichberechtigung lebt

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Punkt: Bei der Darts-WM spielten zwei Frauen uneingeschränkt gegen Männer. Fallon Sherrock (mit großem Erfolg) und Mikuru Suzuku (mit wenig Erfolg) warfen über die gleiche Distanz in das gleiche Board für die Chance auf das gleiche Preisgeld wie ihre männlichen Kontrahenten.

Das ist natürlich nicht einfach so in jede andere Sportart zu übertragen. Aber wie der Alexandra Palace und das gesamte Turnier mitsamt Fans den weiblichen Sportlerinnen entgegenkamen, darf beispielhaft für weiteren Sport in 2020 und den kommenden Jahren stehen.

Natürlich sind auch hier die Gräben noch groß, das zeigt nicht zuletzt der Vergleich mit der bald startenden Weltmeisterschaft der Frauen, die monetär kaum lohnenswert ist. Erste Schritte sind aber getan. Nicht zuletzt Sherrock entfachte mit ihren Siegen einen riesigen Wirbel und wurde vom Publikum durchgehend unterstützt - das darf sich gerne normalisieren.

Fairness und Respekt werden im Darts großgeschrieben

Die “Gleichberechtigung” im Darts ist dabei nicht alles, was anderen Sportarten als Fingerzeig dienen darf. Wer unfair spielt, sich respektlos verhält oder provoziert - *hust* Gerwyn Price *hust* - wird vom Publikum gnadenlos ausgebuht.

Was zum Beispiel im Fußball gerne als “taktisch klug” abgetan wird, ist hier nicht akzeptiert. Natürlich kommt es bei den vielen ehrgeizigen Kandidaten, man sollte Badboy Price hier auch nicht Unrecht tun, zu Reibungen. Letztlich werden diese aber in der Regel schnell beigelegt.

Ebenfalls ganz großartig: Der faire Umgang der Sportler untereinander. Das bewiesen nicht zuletzt Michael van Gerwen und Peter Wright im Finale. Van Gerwen war sichtlich enttäuscht, gratulierte, applaudierte und lobte aber den Sieger in einem fairen und hochklassigen Spiel. Die Fans feierten beide Spieler abwechselnd mit Sprechgesängen.

“#IStandWithOzil” ist kein Problem

Die Interaktion zwischen den Stars auf der Bühne sowie zwischen Fans und Sportlern ist ein großer Faktor für die Attraktivität des Darts. Dass im Publikum viel Alkohol fließt ist derweil noch lange kein Garant für Gewalt oder Auseinandersetzungen - ganz im Gegenteil.

Das Ally Pally ist derart bunt, dass jeder seinen Platz findet. So etwa auch mehrere Fans, die ihre “#IStandWithOzil”-Plakate in die Kamera hielten. Dort wo große Unternehmen, wie etwa der englische Fußball-Verband, vor China einknickten, hielt die Regie der PDC noch voll drauf.

Erfrischend angenehm sind auch die klaren Aussagen der Dartsprofis. Halbfinalist Nathan Aspinall redete nicht lange um den heißen Brei herum als er bekannt machte, dass ihn vor allem das Geld juckt. Die Stars des Sports sind gefühlt noch etwas näher am “normalen” Fan dran als in vielen anderen Sportarten.

Könnte ich mir ein ganzes Jahr Darts ansehen? Vermutlich nicht. Aber wenn ich im neuen Jahr mehr Darts in anderen Sportarten sehen würde, wäre ich mehr als glücklich.