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Elektroautos boomen – doch deutsche Hersteller stehen nur in der zweiten Reihe

·Lesedauer: 9 Min.
Mit einer so schnell steigenden Nachfrage hatten deutsche Autobauer nicht gerechnet. Foto: dpa
Mit einer so schnell steigenden Nachfrage hatten deutsche Autobauer nicht gerechnet. Foto: dpa

Die staatliche Kaufprämie treibt die Verkaufszahlen für E-Autos nach oben. Aber können gerade die hiesigen Produzenten davon überhaupt profitieren?

Die Coronakrise hat die Autobranche schwer erwischt. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind zwischen Januar und Juli um 30 Prozent eingebrochen. Nur für ein Segment gilt das nicht: Der Elektroauto-Absatz boomt. Die Frage ist nur: Wer profitiert davon am meisten?

BMW-Chef Oliver Zipse sprach am Mittwoch von einem „regelrechten Push“, den sein Konzern im Juli bei der Nachfrage nach Elektromodellen erlebt habe. „Die Märkte ziehen an.“ Tatsächlich befeuert die Kaufprämie der Bundesregierung die Nachfrage. Allein im Juli ist die Anzahl neu zugelassener Plug-in-Hybride laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) um fast 485 Prozent gestiegen. Bei reinen Elektroautos sind die Zulassungen im Vergleich zum Vorjahr um 182 Prozent auf knapp 17.000 Einheiten geklettert.

Insgesamt rechnet das Center of Automotive Management (CAM) für 2020 mit einem Absatz von 250.000 E-Autos in Deutschland. Das entspräche einem Marktanteil von 8,9 Prozent. 2020 kann den Durchbruch bringen. „Es wird in diesem Jahr einen E-Auto-Boom geben“, ist CAM-Leiter Stefan Bratzel überzeugt.

Doch ausgerechnet die heimischen Hersteller könnten weniger vom staatlich geförderten Wandel profitieren. Der Grund: Ihr Angebot an günstigen E-Autos ist noch überschaubar, verfügbare Modelle wie der VW e-up haben teilweise Lieferzeiten von bis zu einem Jahr. In den nächsten Jahren würden zwar neue Modelle kommen, so Bratzel. Es könnte aber sein, dass von den deutschen Prämien am Ende vor allem ausländische Anbieter profitieren.

An Ladesäulen lässt sich derzeit Interessantes beobachten. Menschen stehen vor den lange von ihnen ignorierten Stromtankstellen, machen Fotos, lesen die Betriebsanleitung durch und gehen wieder. Sie wollen wissen, wie sie ihr Fahrzeug künftig „tanken“ werden.

Ladeinfrakstruktur wächst: So kommt der Strom ins E-Auto

Ausgelöst hat dieses Verhalten zweifellos die Bundesregierung mit ihrer Kaufprämie. Im Juli sind nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mehr Anträge auf eine Elektroauto-Kaufprämie gestellt worden als jemals zuvor. Insgesamt wurden seit Jahresbeginn über 69.600 Anträge eingereicht. Und in den kommenden Monaten dürften es noch viel mehr werden.

Schließlich hat die Bundesregierung zum ersten Juli mit dem Corona-Hilfspaket die Prämie aufgestockt, die Nachfrage noch einmal angekurbelt - und die Förderung kann erst nach der Zulassung beantragt werden. Die Auftragseingänge für E-Autos seien sehr hoch, bestätigte BMW-Chef Zipse bei der Vorlage des Zwischenberichts für das erste Halbjahr. Diverse Förderprogramme in Deutschland und Europa „helfen hier natürlich enorm“, sagte der 56-Jährige.

Lange Lieferzeiten

Mit Prämien von Bund, Ländern und Herstellern lassen sich je nach Bundesland und Automodell bis zu 12.000 Euro beim Kauf eines E-Autos inklusive heimischer Ladestation sparen: 6000 Euro gibt es vom Staat, 3000 Euro vom Hersteller, und derzeit schlägt auch die Mehrwertsteuer nur mit 16 Prozent zu Buche.

Einzelne Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen fördern außerdem den Einbau einer Wallbox im eigenen Heim. Und eine Kfz-Steuer muss der umweltbewusste Autokäufer ohnehin zehn Jahre lang nicht zahlen. Die Prämien gelten auch fürs Leasing.

Eigentlich ein Grund zur Freude für die Autokonzerne – schließlich hat die Coronakrise auch ihre Branche schwer getroffen. Aber während ausländische Hersteller wie Nissan, Hyundai oder Renault den Ansturm einigermaßen bewältigen können, müssen zukünftige E-Autofahrer bei deutschen Anbietern wie Daimler, Volkswagen und Audi teilweise mit Lieferzeiten von bis zu einem Jahr rechnen. Sie kommen mit der Produktion nicht hinterher.

Nun rächt sich, dass die deutsche Autoindustrie zu lange an der alten Verbrennertechnologie festgehalten und die Elektromobilität vernachlässigt hat. Die Folge: Reine Elektromodelle sind bei deutschen Autoherstellern noch Mangelware und die Lieferzeiten zum Teil sehr lang. „Die deutschen Hersteller haben bei den rein elektrischen Modellen große Defizite“, sagt Experte Bratzel.

Auch deswegen wurde die aktuelle Kaufprämie für Elektro- und Hybridfahrzeuge von der Branche wochenlang kritisiert. Autobauer und -zulieferer hatten auch eine Subventionierung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren gefordert und darauf hingewiesen, dass eine reine Elektro-Prämie der Autoindustrie nicht die erhoffte Erholung bringe und kaum Arbeitsplätze rette.

Doch offenbar haben die Autobauer die Effekte der Kaufprämie unterschätzt. Das Interesse an Stromautos zieht massiv an, und obwohl die deutschen Hersteller laut dem Verband deutscher Automobilkonzerne (VDA) im Jahresverlauf mit 73.000 Elektrofahrzeugen die Produktion schon um 21 Prozent steigern konnten und die Produktion von Hybridfahrzeugen sogar um 52 Prozent auf 115.000 Stück, reicht die Menge nicht, um die Nachfrage zu bedienen.

Fortschritt im Ladenetz

Dabei waren die Voraussetzungen für den Hochlauf der E-Mobilität noch nie so gut wie jetzt. Die Batterien werden immer leistungsstärker, Reichweiten von 400 Kilometern und mehr sind zum neuen Standard geworden. Und spätestens ab dem nächsten Jahr können sich nicht nur Besserverdiener ein Elektroauto leisten.

Mit dem Spring bringt der rumänische Autobauer Dacia ein E-Auto auf den Markt, dass ab Werk nur noch 10.000 Euro kosten soll. Die Reichweite soll für den Preis zwar nur bei 200 Kilometern liegen, für die Stadt ist das aber völlig ausreichend. Andere bereits erhältliche Modelle kosten kaum mehr als 25.000 Euro und sind damit nicht mehr viel teurer als ein VW Golf mit Verbrennungsmotor — und das vor Abzug der Prämie.

Das dritte große Problem, was viele Kunden bislang noch vom Kauf eines E-Autos abschreckt: die Ladeinfrastruktur. Vor zwei Jahren wurde Deutschland noch die Ladewüste Europas genannt. Seitdem hat sich einiges getan. Laut dem Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gibt es mittlerweile fast 30.000 öffentliche Ladepunkte im ganzen Land. „Die bundesweite Abdeckung ist sehr gut – insbesondere vor dem Hintergrund, dass 85 Prozent der Ladevorgänge zu Hause oder am Arbeitsplatz stattfinden“, konstatiert der BDEW.

(Bild: Agron Beqiri/NurPhoto via Getty Images)
Ladestation in Stuttgart (Bild: Agron Beqiri/NurPhoto via Getty Images)

Eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Trendresearch geht sogar noch einen Schritt weiter. Bei einer theoretisch angenommenen vollständigen Nutzung, so rechnen die Autoren, könnten an den Ladepunkten allein nach Kapazität mehrere Millionen Pkw geladen werden. „Im Moment gibt es eigentlich eine zu gute Ladeinfrastruktur für die Anzahl der E-Autos auf der Straße“, sagt Mitautor Dirk Briese.

Und auch die Ladedauer schmilzt nur so dahin. Mittlerweile können die Stromer je nach Ladeleistung innerhalb von 15 Minuten fast 100 Kilometer tanken. Gegen die Alltagstauglichkeit von Stromern spricht somit kaum noch etwas. „Die Fahrzeuge müssen aber jetzt auch schneller auf die Straße kommen“, fordert Briese. Das wäre vor allem auch im Interesse der E-Autokäufer.

Wer die Kaufprämie für Elektroautos will, sollte sich beeilen

Die müssen sich je nach Modell schon jetzt entscheiden, ob sie einen Elektrowagen kaufen möchten, wenn sie von der erhöhten Prämie auch wirklich profitieren wollen. Denn die gilt nur bis Ende 2021 und fließt erst, wenn das Fahrzeug zugelassen ist. Wer da zum Beispiel einen VW E-Up kaufen will, für den könnte die Zeit jetzt knapp werden. Die Lieferzeit für den kleinen Elektrowagen des Wolfsburger Autobauers wird derzeit mit elf Monaten angegeben.

Volkswagen teilt auf Anfrage mit, dass coronabedingte Lieferengpässe und der Produktionsstillstand zu längeren Wartezeiten beim E-Up geführt hätten. Beim baugleichen Skoda Citigo sind es immerhin „nur“ sechs Monate. Der Seat Mii Electric wiederum ist schon gar nicht mehr erhältlich. Der Opel Corsa-e hat eine Lieferzeit von zehn Monaten.

Bei Daimler übertraf das Kundeninteresse an E- und Hybrid-Autos die Produktionsplanung. Die täglichen Auftragseingänge für den Smart EQ fortwo und forfour sowie für den Plug-in-Hybrid A250e hatten sich im Verlauf des Juni 2020 versiebenfacht. Der Autobauer hatte deswegen zwischenzeitlich einen Verkaufsstopp für diese Modelle verhängt. Der Mini Cooper mit Elektroantrieb von BMW wiederum braucht auf seinem Weg zum Kunden ebenfalls bis zu elf Monate. „Beim Thema E-Auto werden vor allem Importeure wie Tesla oder Hyundai profitieren“, ist Experte Bratzel deswegen überzeugt.

Doch es sind nicht nur deutsche Autohersteller, die von der explodierenden Nachfrage überrascht wurden. Am längsten müssen Kunden derzeit auf einen Volvo XC40 Recharge warten. Erst ein Jahr nach Bestellung wird das Plug-in-SUV an die Kunden ausgeliefert. Und auch der Peugeot e-208 hat eine Lieferzeit von rund acht Monaten.

Hyundai, Nissan und Renault sind besser vorbereitet

Besser vorbereitet hingegen scheint der südkoreanische Autobauer Hyundai. Seit Anfang März läuft der Kona, das neueste Strom-Modell, auch im tschechischen Werk Nosovice vom Band. Hyundai verspricht den europäischen Kunden eine Wartezeit von nur wenigen Wochen. „Mit den zusätzlichen Einheiten aus tschechischer Produktion können wir sehr viel schneller die stark wachsende Nachfrage in Deutschland und Europa nach dem Kona Elektro befriedigen“, sagte Jürgen Keller, Geschäftsführer von Hyundai Deutschland zu der Umstellung. Rund 30.000 Einheiten des Kona Elektro sollen 2020 vom Band laufen.

Auch Nissan und Renault garantieren für ihre Vorzeigemodelle Leaf und Zoe Lieferzeiten von drei Monaten und sind damit deutlich schneller als die meisten deutschen Autobauer. Allein im Juni sind für das meistverkaufte Elektroauto Europas, den Zoe, 11.000 Bestellungen bei Renault eingegangen. Trotzdem scheinen die Franzosen keine Lieferprobleme zu haben.

Umfrage: Interesse an E-Autos steigt

Genauso wie VW beim ID.3. Die Elektroauto-Hoffnung der Wolfsburger ist eines der wenigen deutschen Modelle, bei denen sich die Wartezeiten noch in Grenzen halten. „Die langen Lieferzeiten beim E-Up beeinflussen die Auslieferungen des ID.3 nicht, da dieser in unserem eigens für E-Mobilität umgerüsteten Werk in Zwickau produziert wird und andere Bauteile hat“, erklärt eine VW-Sprecherin. Bis Ende des Jahres plant VW rund 60.000 ID.3-Modelle auszuliefern. Auch auf den Audi e-tron müssen Kunden nur zwölf Wochen warten.

Doch die Lieferzeiten sind nur eines von vielen Problemen. Schwerer wiegt die Trägheit der Hersteller: Zahlreiche günstige Fabrikate werden erst in den kommenden Jahren auf den Markt kommen. Bei BMW zum Beispiel wird der i1 im Sommer 2021 erwartet. Der ID.1, das günstigste Elektromodell der ID-Reihe von VW, kommt wahrscheinlich erst in zwei Jahren – wenn es die volle Kaufprämie nicht mehr geben wird. Für viele Modelle deutscher Autobauer kommt die reine Elektrokaufprämie schlichtweg zu früh.

VIDEO: So funktioniert ein Elektroauto