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Inside Curevac: Poker um Daten, Macht und Millionen bei Deutschlands einstiger Impfstoff-Hoffnung

·Lesedauer: 9 Min.
Der Firmensitz der Curevac AG in Tübingen.
Der Firmensitz der Curevac AG in Tübingen.

Curevac, das war lange Zeit die große Impfstoff-Hoffnung im Kampf gegen Corona. Nachdem das Management vergangene Woche die finalen und weiterhin schlechten Ergebnisse des Impfstoffs mit 48 Prozent Wirksamkeit vermeldet hatte, ging das Unternehmen erst einmal auf Tauchstation. Jetzt erfuhr Business Insider aus Branchenkreisen, dass seit Wochen ein interner Machtkampf in der Tübinger Zentrale tobt.

Dabei geht es unter anderem darum, wie die schlechten Daten interpretiert und nach außen kommuniziert werden sollen. Ziel des Managements von Curevac ist, trotz der spärlichen Wirksamkeitsdaten, den Impfstoff unbedingt durch die Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zu bringen. Es ist der letzte Strohhalm, an den sich alle klammern.

Dass der Impfstoff den Konkurrenten Biontech/Pfizer und Moderna meilenweit unterlegen ist, steht seit längerem fest. Und es ist auch seit längerer Zeit intern bekannt, dass es erhebliche Schwierigkeiten mit dem Tübinger Vakzin und der Zulassungsstudie gibt. Studienleiter Peter Kremsner von der Universität Tübingen, den Business Insider nach dem Grund für das schlechte Abschneiden des mRNA-Vakzins fragte, erklärt: „Wir konnten einfach nicht hoch genug dosieren.“ Niemand hat in Europa mehr Probanden geimpft als Kremsner. Da der mRNA-Impfstoff im Gegensatz zu dem von Biontech/Pfizer und Moderna chemisch unmodifiziert ist, führte eine höhere Dosis zu starken Immunreaktionen. Zu Beginn hatten die Ärzte laut Kremsner auch Dosierungen mit 16 und 20 Mikrogramm getestet. Die Unverträglichkeiten war dann nicht mehr tolerabel.

Ein weiteres Problem des Curevac-Vakzins besteht darin, dass er Älteren offenbar kaum zu schützen vermag. „Es wirkt praktisch überhaupt nicht bei Älteren, man kann zumindest sagen, wir haben zu wenig Fälle“, erklärt Studienleiter Kremsner. Insgesamt traten in der Phase-3-Studie 21 Fälle von Covid-19-Infektionen bei den über 60-Jährigen auf. Schlechter hätte es kaum laufen können. Auch wenn dies nicht statistisch signifikant ist, heißt es doch vorläufig, dass die Impfung gerade in derjenigen Altersgruppe seine Wirkung verfehlt, die sie besonders dringend benötigt.

Was heißt dies nun für Menschen, die zwischen 55 und 60 Jahre alt sind? Die komplette Wirkungslosigkeit setzt ja nicht schlagartig mit dem runden Geburtstag ein, bei der eine „60“ auf der Torte prangt?

Aufgrund dieser Daten fahndet das Unternehmen nun nach einer geeigneten Untergruppe, für die es eine Notzulassung oder Zulassung beantragen könnte und für die die EMA mit viel guten Willen dann grünes Licht geben würde. Zumindest hypothetisch. „Wir sind noch in der Analyse und in Gesprächen mit der Europäischen Arzneimittelagentur", erklärt CEO Franz-Werner Haas gegenüber Businessinsider.

Bei der Präsentation der Studien-Endergebnisse vertrat Haas vergangene Woche hingegen eine komplett andere These. Die zirkulierenden Virusvarianten hätten dazu geführt, dass ihr Vakzin schlechter abgeschnitten habe. Die finale Messung ergab 48 Prozent Wirksamkeit.

Tatsächlich war im europäischen Teil der Studie praktisch nur eine einzige Variante anzutreffen: 92 Prozent der Proben bestanden aus Alpha, also der britischen Variante. Bei den unter 60-Jährigen wirkt das Curevac-Vakzin laut Präsentation gegen Alpha zu 55 Prozent. Addiert man die Gesamtpopulation mit den Älteren hinzu, müsste man noch ein paar Prozentpunkte von der Wirksamkeit abziehen und landete wieder bei etwa 48 oder 50 Prozent.

Auf die Frage, wie hoch die Wirksamkeit im europäischen Part in der Studie insgesamt war und wie hoch damit der Schutz vor der Alpha-Variante, sagte eine Sprecherin von Curevac: „Diese spezifischen Zahlen nach Kontinenten gesplittet haben wir nicht kommuniziert, lediglich jeweils immer bezogen auf die Gesamtanzahl.“

Es fällt ebenfalls auf, dass die Curevac-Untersuchung vom ursprünglichen Studienprotokoll stark abweicht. In der ursprünglichen Version mussten 160 Fälle von Covid-19 erreicht werden, damit das Data Safety Monitoring Board die finalen Datenanalyse vornehmen kann. Festgelegt wurde, dass bei 160 Fällen mit einer 50,5 Prozent Wirksamkeit der Studienerfolg eingetreten wäre. Doch anstatt den Erfolg bei 160 fällen zu vermelden, hat das Unternehmen weitere 68 Fälle abgewartet. 228 Fälle in der Präsentation. Die Gesamtwirksamkeit beträgt 48 Prozent. Damit gilt die Studie nach wissenschaftlichen Kriterien als gescheitert, da sie die Hürde, den so genannten primären Endpunkt, nicht erreicht hat. Studienleiter Kremser wollte dies nicht kommentieren.

Damit würde das Unternehmen dann nicht nach ein paar Tagen einen Zulassungsantrag einreichen, sondern bespricht vielmehr erst mit den Arzneimittelbehörden, für welche Untergruppe eine Zulassung noch möglich wäre. Das kann dauern.

Zurück zu den Varianten. Alpha war und ist hingegen nicht einmal die Variante, vor der nun alle Angst haben. Dies ist vielmehr die hochansteckende Delta-Variante, die aus Indien stammt und die nun im Zentrum der Debatte steht. Es könnte jederzeit auch eine neue sein.

Bei den 10 000 europäischen Probanden der Phase-3-Studie spielte Delta noch gar keine Rolle. Curevac identifizierte in der gesamten Studie insgesamt nur ein Prozent. Denn die Delta-Variante zirkulierte während der Studie noch nicht. Sie verbreitete sich erst rasant nach der Auswertung der Daten.

In Südamerika traten neben dem Ursprungstyp aus dem chinesischen Wuhan fünf namentlich aufgeführte Varianten auf. Hinzu kommen 13 Prozent „Sonstige“. Zählt man Delta aus dem europäischen Teil hinzu, kommt man rechnerisch insgesamt auf den Urspungstyp und sechs häufigere Varianten. Die Grafik in der Präsentation von Vorstandsvorsitzendem Haas nennt hingegen 15 Varianten. Die fehlenden neun Varianten verbergen sich unter den dreizehn Prozent „Sonstige“, spielen daher zahlenmäßig für das Gesamtgeschehen eine eher untergeordnete Rolle. Nur sechs Varianten und 13 Prozent „Sonstige“, davon ein einziges Prozent Delta, kamen in der Studie vor. Die These, welche die niedrige Wirksamkeit hauptsächlich auf das schwierige Variantenumfeld schiebt, wirkt auf der Grundlage dieser Zahlenanalyse weit hergeholt.

Noch dazu steht nun fest: Die anderen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna wirken gut gegen die Varianten. Hier büßt die Effektivität einige Prozentpunkte ihrer 95-prozentigen beziehungsweise 94-prozentigen Wirksamkeit ein. Nur Delta scheint die Wirksamkeit der Impfstoffe möglicherweise empfindlich zu senken.

Aktuell verschleiert nun Curevac offenbar das Problem und sagt, sie hätten die erste Studie mit validen Daten zu den Varianten präsentiert. Erst die umfassende Veröffentlichung der Endergebnisse dürfte Klarheit schaffen, was das Curevac-Vakzin kann und was nicht. „Die Studiendaten werden wie für klinische Studien üblich demnächst im Rahmen einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit.

Wie kam es zu den Fehlern? Man habe am Anfang Zeit verloren, sagt ein Brancheninsider gegenüber Business Insider, und sei viel zu spät mit der Phase-3-Studie gestartet. Als die Studie im Dezember vergangenen Jahres dann begann, wurde der erste Impfstoff von Biontech/Pfizer in der EU bereits zugelassen. So zögerten viele potentielle Probanden, da die Leute hofften, auf irgendeinem Weg an das wirksame Biontech/Pfizer-Vakzin heranzukommen. In der Curevac-Studie bestand ja eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, statt des Impfstoffs eine unwirksame Scheinimpfung zu erhalten. Nur schleppend konnte Curevac daher die nötigen Probanden rekrutieren.

Interessant wird sein, ob die EU der Firma das Vakzin überhaupt abnehmen wird. In der Online-Pressekonferenz vergangene Woche gab sich Vorstandschef Haas selbstbewußt und sagte, es gäbe eine Abnahmeverpflichtung der EU für den Impfstoff, wenn die EMA eine Zulassung erteilen würde. Doch das stimmt so nicht.

Der Vertrag über 225 Millionen Dosen plus eine Option auf weitere 180 Millionen Dosen zwischen Kommission und Curevac enthält eine wichtige Klausel. Auf Seite 31 wird detailliert aufgeführt, wann der Vertrag nichtig wird. Zum einen ist dies der Fall, wenn es keine Zulassung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) gibt. Zum anderen enthält das Schriftstück einen Stichtag, bis wann eine EMA-Zulassung spätestens vorliegen muss. Lässt das Unternehmen die Frist verstreichen, kann der Vertrag von Seiten der EU beendet werden. Es würden keine Dosen abgenommen und keine Milliarden in die Kassen von Curevac gespült. Nach 20 Jahren Firmengeschichte sollte dieses erste Produkt die Firma und ihre Anteilseigner reich machen. Man wollte nach der langen Durststrecke endlich Geld verdienen. „Wir stehen auf Basis der letzten Studiendaten in enger Abstimmung mit der EU, u.a. hinsichtlich der vertraglich festgelegten Liefermengen", so CEO Haas zu Business Insider.

Wenn das nicht klappt, verliert das Curevac-Management, der Aufsichtsrat sowie die Geschäftsführer von divinie Hopp Biotech Holding Millionen, da dieser Personenkreis zahlreiche Anteile an Curevac hält. Dietmar Hopp selbst würde sogar Milliarden verlieren. Verständlich, dass man nun versucht, alles zu tun, um den Vertrag zu erfüllen.

Der Part mit dem Stichtag ist in dem Vertrag auf der Webseite der Kommission geschwärzt. Wann läuft dieses Ultimatum ab oder geht es in der Verlängerung, was ebenfalls vertraglich möglich wäre? Die EU könnte theoretisch der Firma Aufschub gewähren. Man kann die Nervosität bei den Gesprächen mit der EMA und der Kommission hinter den Kulissen förmlich mit Händen greifen.

Biontech/Pfizers Vertrag enthält ebenfalls eine solche Stichtags-Klausel. Die Kommission billigte den Firmen damals einen äußerst knappen Zeitraum von rund sechs Monaten zwischen dem Start der Phase-3-Studie und der EMA-Zulassung zu, wie aus Unternehmenskreisen bekannt wurde. Diese Frist hat die Kommission damals verlängert. Dies geschah natürlich vor dem Hintergrund, dass es im Herbst vergangenen Jahres noch keinen einzigen zugelassenen Impfstoff gab und die EU kein Interesse hatte, den Vertrag platzen zu lassen.

Die Lage hat sich aber nun geändert. Erstens gibt in diesem Sommer genügend Impfstoff. Im August werden wohl die Lieferungen sämtlicher Hersteller den Bedarf übersteigen. Schon jetzt klagen Ärzte, dass viele angemeldete Bürger ihren Impftermin nicht wahrnehmen. In den Kühlschränken stapeln sich die Impfdosen.

Zweitens wird der Impfstoff von Novavax, der in seiner Zulassungsstudie vor kurzem eine Wirksamkeit von 90 Prozent gezeigt hat, in wenigen Wochen wohl eine EMA-Zulassung erhalten. Auch er ist damit dem Serum von Curevac haushoch überlegen.

Der französische Pharmariese Sanofi arbeitet ebenfalls an einem Stoff. Und die Franzosen sowie ihr Präsident Marcon werden sicher alles Nötige dafür tun, dass ihr Vakzin einen Platz in Europa bekommen wird. Die Zwischenauswertung einer frühen Studie ergab eine Wirksamkeit zwischen 95 und 100 Prozent. Ende Mai startete die große Phase-3-Studie mit dem Partner GlaxoSmithKline.

Bleibt die Frage, für wen der Impfstoff von Curevac dann noch gedacht sein könnte. In Europa wird er wohl keine Rolle mehr spielen, darin sind sich Experten einig.

Bleibt die Dritte Welt, zum Beispiel Afrika, die dringend Impfstoff benötigt. Kommt Curevac hier zum Einsatz, obwohl Ältere damit keine Protektion vor dem Virus hätten? Zahlt die EU 10 Euro pro Dosis, wie ursprünglich vereinbart, obwohl AstraZeneca nur 1,84 kostet? AstraZeneca hatte von vornherein einen günstigen Impfstoff für die Welt entwickeln wollen. Viele Fragen bleiben offen.

Die Entscheidung liegt nun bei der Europäischen Arzneimittelagentur und bei der Europäischen Kommission, die in den nächsten Wochen über die Zukunft bei Curevac entscheiden.

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