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„Wir gehen nicht jeden Preisschritt mit“

Der KPMG-Deutschlandchef Klaus Becker spricht über die Rotation der Prüfer, mögliche Übernahmen und Trends im Beratungsgeschäft.

Herr Becker, die Rotationspflicht in der Abschlussprüfung hat die heiße Phase erreicht. KPMG muss viele Mandate abgeben. Können und wollen Sie Ihre Führungsposition im Dax-30 verteidigen?
Entscheidend für uns ist, dass wir für die Dax-Unternehmen ein relevanter Partner sind, sei es in der Prüfung, in der Steuer- und Rechtsberatung oder in der digitalen Transformation. Und das sind wir.

Viele bezeichnen KPMG schon als Verlierer der Rotation.
Wir konzentrieren uns auf die Chancen aus der Rotation. Jedes Dax-Unternehmen, das wir nicht mehr prüfen, beraten wir jetzt. Wir gewinnen zudem viele Prüfungsmandate unter den großen Privatunternehmen und im MDax. Auch im Dax: Der Aufsichtsrat von Eon wird der Hauptversammlung KPMG als neuen Prüfer ab 2021 vorschlagen.

Kämpfen Sie um jedes neu ausgeschriebene Prüfungsmandat?
Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Unternehmen und dem Kapitalmarkt. Deshalb beteiligen wir uns grundsätzlich an Ausschreibungen. Am Ende kommt es aber darauf an, mit der Gesamtheit unserer Dienstleistungen eine marktführende Rolle einzunehmen. Schauen Sie, wir machen mit einem großen Kunden derzeit wesentlich mehr Umsatz, als dessen Abschlussprüfung jemals gebracht hätte. Zudem setzen wir uns Grenzen. Wir gehen nicht jeden Preisschritt mit.

Führt die Rotationspflicht etwa dazu, dass sich die Prüfer eine Preisschlacht liefern?
Ausschreibungen haben schon immer dafür gesorgt, dass die Prüfungshonorare unter Druck geraten. Aber Qualität hat ihren Preis.

Ihr Wettbewerber Deloitte will Ihnen unbedingt Platz drei im Markt streitig machen und bald an KPMG vorbeiziehen. Lässt Sie das kalt oder ficht Sie das an?
Mich interessiert das ehrlich gesagt nicht. Wir schauen auf uns und auf unseren eigenen Erfolg.

Mit einem Wachstum im abgelaufenen Geschäftsjahr von fünf Prozent rangieren Sie aber am unteren Rand der „Big Four“.
Wir sind sehr zufrieden mit dem abgelaufenen Geschäftsjahr, weil wir bei den 100 größten deutschen Unternehmen wieder stark zugelegt haben. Für uns zählt, dass wir profitabel wachsen. Wir wollen nicht um jeden Preis ein immer größeres Rad drehen und dabei womöglich schwache Margen haben. Wir wachsen nachhaltig und nutzen unsere Profitabilität für weitere Investitionen.

Planen Sie weitere Übernahmen im Consulting?
Wenn sich eine Chance bietet, werden wir zugreifen. Allerdings zahlen wir keine Mondpreise. Ganz wichtig ist, dass die Persönlichkeiten zu unserer Partnerschaft und Kultur passen. Das gelingt oft besser, wenn man einzelne Partner und Teams integriert. Die klopfen zunehmend bei uns an.

Welche Beratungsgeschäfte sind bei den Kunden derzeit besonders gefragt?
Alles, was sich um Digitalthemen und Cybersecurity dreht. Angesichts der konjunkturellen Lage kommt verstärkt die Restrukturierungs-Expertise hinzu, also alles, was mit Neuaufstellung und Kostensenkung zu tun hat. Ein neuer Zukunftsmarkt entsteht durch das intensivere Nachhaltigkeits-Reporting der Wirtschaft. Das wird nicht ohne die Wirtschaftsprüfer gehen.

Das Consulting hat auch bei KPMG das Prüfungsgeschäft gemessen am Volumen überholt. Welche Rolle spielt das traditionelle Geschäft künftig überhaupt noch bei Ihnen?
Eine große, denn die Wirtschaftsprüfung ist unser Markenkern. Prüfung ist ein sehr kulturbildendes Element bei uns. Die Unabhängigkeit, zu der wir in der Prüfung verpflichtet sind, haben wir auch in der Beratung. Das ist eine Haltung, und die werden wir bestimmt nicht aufgeben.

Manche Ihrer Konkurrenten bezweifeln, dass die Arbeitgebermarke KPMG noch stark genug ist im harten Wettbewerb um die besten Talente.
Im letzten Jahr haben wir 62.300 Bewerbungen bekommen und 2800 Mitarbeiter eingestellt. Darunter sind auch viele Physiker, Ingenieure oder Mathematiker. Das zeigt doch deutlich, wie stark unsere Marke ist.