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Gas-Umlage ab 1. Oktober: So viel Geld müsst ihr zusätzlich für Energie bezahlen

Für Familien mit Kind und rund 18.000 Kilowattstunden Verbrauch könnten die Gas-Rechnungen bis zu dreimal mehr kosten. - Copyright: Getty Images, Yana Iskayeva
Für Familien mit Kind und rund 18.000 Kilowattstunden Verbrauch könnten die Gas-Rechnungen bis zu dreimal mehr kosten. - Copyright: Getty Images, Yana Iskayeva

Eine staatliche Gasumlage sorgt ab Herbst für Mehrkosten für Millionen von Kunden – seit diesem Montag steht fest, wie teuer es wird.

Das Bundeswirtschaftsministerium ging zuletzt von einer Spanne von 1,5 bis fünf Cent je Kilowattstunde aus, das würde erhebliche Mehrkosten für die Kunden bedeuten. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte gesagt, er rechne pro Jahr mit "einigen Hundert Euro pro Haushalt".

Nun steht fest: Mit der Gas-Umlage zahlen Verbraucher zusätzlich 2,419 Cent je Kilowattstunde. Berechnet hat das der sogenannte Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe, ein Gemeinschaftsunternehmen der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber in Deutschland. Die Gas-Umlage soll voraussichtlich ab dem 1. Oktober für alle Gaskunden gelten. Glück haben Kunden der Energieunternehmen RWE und Shell. Beide hatten bereits angekündigt, zunächst auf Geld aus der Umlage verzichten zu wollen. Kunden anderer Unternehmen müssen jedoch mit erheblichen Umlage-Mehrkosten rechnen.

Privathaushalte zahlen einige Hundert Euro mehr für Gasrechnungen

Schon ohne die Mehrkosten aus der Uniper-Umlage drohen sich die Gaspreise für deutsche Haushalte für dieses Jahr im Vergleich zu 2021 zu vervierfachen. Aus durchschnittlich rund 6,5 Cent pro Kilowattstunde im vergangenen Jahr könnten so bis zu 25 Cent pro Kilowattstunde werden.

Für ein Einfamilienhaus, in dem in Deutschland durchschnittlich etwa 20.000 Kilowattstunden (kWh) Gas pro Jahr verbraucht werden, sind das Mehrkosten von etwa 4000 Euro. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von etwa 10.000 kWh wären es knapp 1850 Euro; für einen Singlehaushalt mit etwa 6000 kWh Verbrauch stünden Mehrkosten von etwa 800 Euro an.

Auf diese Summen kommt dann noch die Gas-Umlage obendrauf. Konkret müssen sich Verbraucher laut des Vergleichsportals Check24 und ähnlichen Schätzungen des Konkurrenten Verifox noch auf folgende zusätzliche Kosten einstellen: Gelten weiterhin 19 Prozent Mehrwertsteuer, wird ein Singlehaushalt bei einem Jahresverbrauch von 5000 Kilowattstunden bei rund 2,5 Cent Umlage etwa 149 Euro mehr pro Jahr zahlen. Familien mit zwei Kindern, rund 180 Quadratmetern Wohnfläche und beispielsweise einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden pro Jahr, zahlen bei den rund 2,5 Cent Umlage rund 595 Euro mehr pro Jahr. Ein Pärchen mit etwa 100 Quadratmetern Wohnfläche und einem Gasverbrauch von 12.000 Kilowattstunden pro Jahr wiederum zahlt bei rund 2,5 Cent Umlage etwas weniger als 357 Euro pro Jahr.

Wenn allerdings wie von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorgeschlagen die Mehrwertsteuer herabgesetzt wird, fallen die Kosten für Privathaushalte deutlich geringer aus. So oder so wird die Umlage aber nicht schon Anfang Oktober auf den Rechnungen sichtbar, sondern mit etwas Zeitverzug, kündigte das Wirtschaftsministerium an. Es gebe aus Verbraucherschutzgründen Ankündigungsfristen im Energiewirtschaftsgesetz von vier bis sechs Wochen, die eingehalten werden müssten. Daher werde die Umlage wahrscheinlich erstmals im November/Dezember auf den Rechnungen ausgewiesen werden. Der finanzielle Ausgleich für betroffene Gasimporteure ist jedoch vorerst zeitlich beschränkt, nämlich bis zum 1. April 2024.

Industrie wird laut Institut der deutschen Wirtschaft 5,7 Milliarden mehr für Gas zahlen müssen

Doch die Gas-Umlage wird nicht nur Privathaushalte treffen: Für die Industrie rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit Mehrkosten für die Industrie von 5,7 Milliarden Euro. Am stärksten betroffen seien energieintensive Grundstoffindustrien, erklärte IW-Energieexperte Thilo Schaefer. "Weil hier besonders viel Gas benötigt wird, auch als Rohstoff, wird die Gas-Umlage dort am härtesten zu spüren sein." Dazu zählten etwa die Chemie- und Metallindustrie und die Hersteller und Verarbeiter von Glas, Keramik, Steinen und Erden. "Alleine diese drei Branchen tragen mehr als die Hälfte der Mehrkosten.", so Schaefer.

Aus Unternehmensreihen wird deshalb schon Kritik und die Forderung nach Unterstützung laut: "Für viele Betriebe dürfte das eine existenzielle Bedrohung bedeuten", sagt etwa Carsten Brönstrup, Sprecher der Vereinigung für Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg. Es dürfe auf keinen Fall dazu kommen, dass Bereiche wie Chemie, Papier oder Glas über kurz oder lang ins Ausland abwanderten. Brönstrup fordert deshalb, dass die Wirtschaft nicht mit diesen zusätzlichen Belastungen allein gelassen werden solle.

Die Umlage ermöglicht es Gasversorgern, höhere Einkaufspreise an die Verbraucher weiterzugeben

Zum Hintergrund der Umlage: Sie soll Gasversorgern zugutekommen, die zu hohen Preisen Ersatz für ausbleibende, günstigere Gasmengen aus Russland kaufen müssen. Denn: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die ohnehin angespannte Lage auf den Energiemärkten drastisch verschärft. Russland habe seit Mitte Juni seine Gasimportmengen nach Deutschland in unberechenbarer Weise reduziert, damit eine künstliche Energieknappheit geschaffen und die Preise in die Höhe getrieben, erklärt das Wirtschaftsministerium. Dieser "externe Schock" treffe Deutschland, das bislang stark von günstigem Gas aus Russland abhängig war, besonders. Viele Gaslieferungen aus Russland, die bisher vertraglich zugesichert waren, fielen weg.

Gasimporteure aber haben Lieferpflichten gegenüber ihren Kunden, vor allem gegenüber Stadtwerken. Die Importeure können diesen Lieferpflichten nur gerecht werden, indem sie die ausgefallenen Mengen aus Russland durch den Kauf deutlich teurerer Mengen am Kurzfrist-Markt ersetzen. Bisher können diese Mehrkosten nicht weitergegeben werden. Die Folge: Bei Importeuren sind erhebliche Verluste entstanden. Deswegen hat der Bund mit dem Versorger Uniper ein milliardenschweres Rettungspaket vereinbart – und im Zuge dessen auch die Gasumlage. Diese kommt zusätzlich zu marktbedingten Preissteigerungen, die schrittweise bei den Kunden ankommen.

Bundesfinanzminister Lindner will die Mehrwertsteuer auf die Gasumlage aussetzen

Unklar ist noch, ob auf die Gasumlage die Mehrwertsteuer fällig wird. Zwar will die Bundesregierung das verhindern, das ist aber rechtlich nicht einfach. Laut Finanzministerium sind solche Ausnahmen im Europarecht nicht vorgesehen. Finanzminister Christian Lindner (FDP) hat aber auf EU-Ebene um eine Ausnahme gebeten: In einem Brief an EU-Finanzkommissar Paolo Gentiloni bat Lindner ihn, sein Initiativrecht zu nutzen und den EU-Staaten die Möglichkeit zu geben, auf staatliche Abgaben im Energiebereich für eine Weile keine Mehrwertsteuer zu erheben. Unabhängig davon werde Deutschland nach Artikel 395 der Mehrwertsteuerrichtlinie eine Ausnahme beantragen, hieß es.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte den Bürgerinnen und Bürgern angesichts der stark gestiegenen Energiepreise zusätzliche Entlastungen zugesichert. Es werde niemand alleine gelassen. Dabei hat die Energiewirtschaft bereits einen konkreten Entlastungsvorschlag gemacht: Angesichts der explodierenden Energiepreise fordert sie eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas und Strom. Die Abgabe auf den Gas- und Strompreis solle ab dem 1. Januar 2023 von 19 Prozent auf den ermäßigten Satz von sieben Prozent gesenkt werden, heißt es in einem Papier des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), das der Deutschen Presse-Agentur (DPA) vorliegt. Der ermäßigte Satz solle zunächst für mindestens zwei Jahre gelten, heißt es in dem Papier.

Den Berechnungen des BDEW zufolge läge die Entlastungswirkung beim Gaspreis für ein Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden im Jahr zwischen 356 Euro und 516 Euro pro Jahr. Bei einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit einem Verbrauch von 13.333 Kilowattstunden wären es zwischen 237 Euro und 344 Euro. Mit einer Streichung oder Senkung der Mehrwertsteuer auf die Gasumlagen beliefe sich die Entlastung dem BDEW zufolge auf zwischen 57 Euro und 190 Euro pro Jahr für ein Einfamilienhaus, 38 Euro und 127 Euro pro Jahr für eine Wohnung.

Mit Material der DPA / jel