Deutsche Märkte schließen in 7 Stunden 1 Minuten

Die Galerie Zwirner wird ein Medienunternehmen

Rudolf Zwirner hat eine der großen Galerien geschaffen und sie mit seinem Sohn David zur Weltmacht im Kunstbetrieb aufgebaut. Mit dessen Sohn Lucas planen sie nun den nächsten Coup.

Köln, Albertusstraße. Fast 30 Jahre lang residierte hier einer der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands: Rudolf Zwirner, 86. Er verkaufte Werke der größten Gegenwartskünstler wie Baselitz, Richter, Warhol – noch bevor sie Weltstars wurden. Eine „Puffgegend“ sei das anfangs gewesen, sagt Zwirner heute. Nachdem nur einige Häuser weiter der Kunstbuchhändler und -verleger Walther König seinen Stammsitz eröffnete, wurde es „langsam besser“.

Einige Leute sagen, die Albertusstraße sei für die Kunst das, was die Abbey Road für die Musik bedeute. Jene Straße, in der die Beatles ihr bekanntestes Album aufnahmen.

Vor wenigen Wochen war die Straße im Belgischen Viertel von Köln wieder Schauplatz eines besonderes Festes. Zwirner feierte „die Taufe eines Buchs“, seine Autobiografie „Ich wollte immer Gegenwart“. Für die Premiere hat Zwirner seine ehemalige Galerie ausgesucht. Seit er in Berlin lebt, als Ruheständler, vermietet er das Haus an eine Kollegin. Die ganze Familie ist gekommen, Zwirner hat sechs Kinder aus drei Ehen. Der älteste Sohn David, 55, lebt in New York und ist einer der erfolgreichsten Galeristen der Welt. Dessen Sohn Lucas, 28, ist mit der Hollywoodschauspielerin Sienna Miller liiert und gilt als legitimer Nachfolger.

Drei Kunsthändler-Generationen unter einem Dach – kaum ein Stammbaum erzählt mehr über die Veränderungen des Kunstmarkts im letzten halben Jahrhundert. Der Senior hat den Kunstbetrieb monetarisiert, der Mittlere internationalisiert und der Jüngste will ihn digitalisieren. Kritiker werfen der Sippe eine Verrohung der Geschäftssitten vor. Ihnen selbst ist ihre Macht ein wenig unheimlich geworden. Sie machen dennoch weiter wie bisher.

Deutsche Kunsthändler spielen weltweit eine bedeutende Rolle. Das zeigt der Erfolg der Zwirner-Dynastie eindrucksvoll – einerseits. Andererseits zeigt der Aufstieg der Kunstfamilie auch, dass der deutsche Kunstmarkt international an Bedeutung verloren hat.

„So, Sie fragen, ich antworte“ lautet das Kommando von Zwirner senior für das Interview. Er feuert seine Sätze entschlossen ab, ohne Pausen, wie aus einer Maschinenpistole. Das ist respekteinflößend. Auch äußerlich ist er eine beeindruckende Erscheinung: 1,95 groß, sehr schlank. Es dürfte kaum einen 86-Jährigen geben, an dem das Alter weniger Spuren hinterlassen hat.

Als der Patriarch anfing, war der Kunstmarkt winzig und provinziell, weltweit wurde eine Milliarde Dollar umgesetzt. Zuletzt war es das 67-Fache. Der alte Zwirner zählte seine Sammler in den Sechzigerjahren an zwei Händen ab, ein Richter-Gemälde kostete ein paar Tausend Mark. „Ema – Akt auf einer Treppe“, das Bild mit dem Gerhard Richters Weltkarriere begann, hat Zwirner 1968 an den Schokoladenfabrikanten Peter Ludwig verkauft. Für 3600 DM, die Ludwig als Werbekosten abgesetzt haben soll.

1967 gründete Zwirner den Kölner Kunstmarkt, der später in „Art Cologne“ umbenannt wurde, eine der weltweit ältesten Messen für moderne und zeitgenössische Kunst. Sie war ein Skandal, weil Kunst wie auf einem Basar präsentiert wurde – inklusive Preisschildchen. Kurzfristig habe die Messe ihm und seine Kollegen gewaltige Umsätze beschert. Doch bald konnten die Deutschen auf dem internationalen Kunstmarkt nicht mehr mitmischen. Mit der öffentlichen Auspreisung der Werke begann der Wettkampf um Höchstsummen. Ende der Achtziger war Kunst zum Spielfeld der Superreichen geworden.

Es ist das Feld von David Zwirner, dem Sohn. Er hat auf der Art Basel 2019 ebenfalls einen Richter verkauft, aus dem selben Jahr wie „Ema“. Allerdings für 20 Millionen Dollar. Der Supergalerist vertritt 60 der weltweit wichtigsten Künstler, darunter Jeff Koons aus den USA, der Alltagsgegenstände verfremdet, und der deutsche Maler Neo Rauch. David Zwirner steht im Untergeschoss der Galerie, etwas abseits der Gäste, zieht eine Schublade aus einem der Schränke, in dem Bilder gelagert werden, und scheint zu inspizieren, ob noch alles da ist.

5 Jahre Wachstum – keine Krise

Zwirner strahlt eine Bodenständigkeit aus, die im irren Kunstbetrieb einzigartig sein dürfte. Stets gleich gekleidet, Jeans, hellblaues Hemd, Sportsakko, der Haarschnitt, alles an ihm steht für Praktikabilität. Sein Gesichtsausdruck ist verkniffen, leicht mürrisch, als betrachte er den Kunstzirkus mit Skepsis. Hier unten habe David Schlagzeug geübt, erinnert sich einer der Anwesenden. Später studierte er in New York Musik, in die Fußstapfen des Vaters wollte er nie treten – und tat es doch. 1993 eröffnete er seine erste Galerie im Stadtteil Soho. Seither ist er unaufhaltsam gewachsen, auch weil es im Kunstmarkt in 25 Jahren keine Krise gab.

2018 wählte das Magazin ArtReview David Zwirner zur einflussreichsten Persönlichkeit der Kunstwelt. Im aktuellen Ranking rutschte er auf Platz 5 ab. Es dürfte ihn kaum schmerzen. Sein Jahresumsatz liegt bei geschätzt einer halben Milliarde Dollar. Er betreibt sechs Galeriefilialen in bester Lage: etwa New York, London, Hong Kong, Paris.

Weltweit gibt es nur ein halbes Dutzend Galerien, die so groß sind wie Zwirners. Allmählich wird die Marktdominanz aber zum Problem. Er und andere Betreiber von Mega-Galerien sind so mächtig, dass sie den kleineren Konkurrenten das Wasser abgraben. Die kämpfen ohnehin schon mit kaum bezahlbaren Mieten in attraktiven Gegenden und überteuerten Gebühren für Messen. Der Kunstmarkt ist ein Spiegel der weltweiten Vermögensverteilung, die Mittelschicht bricht weg und damit jene Sammler, die früher bei kleineren Galerien junge Talente einkauften. Nur: Wenn es keine aufstrebenden Galerien mehr gibt, wer baut dann künftig noch Künstler auf?

Normalerweise läuft es nämlich so: Eine kleine Galerie kümmert sich um die Karriere eines Künstlers, bis er von einer größeren übernommen wird, so geht es weiter nach oben. Vergangenes Jahr auf dem Art Leaders Network, einem Gipfeltreffen der Branche, wurde Zwirner gefragt, ob er sich für den Niedergang kleinerer Galerien verantwortlich fühle. Zwirner sagte, er habe das Gefühl, dass etwas mit dem gegenwärtigen System nicht stimme, und deshalb vor, die Kleineren zu unterstützen. Etwa indem er künftig höhere Gebühren für Messen zahle, um die Teilnahme der kleineren Galerien zu subventionieren.

Der deutsche Kunstmarkt ist für David Zwirner dabei kaum noch von Bedeutung. Senior Rudolf sagt über seinen Nachwuchs: „Meinen Sohn David interessiert keine Stadt in Deutschland als Standort für seine Galerie.“ Er sei in London und Paris. „Die wirklich großen Sammler aus Deutschland kaufen dort. Neuerdings auch in Hongkong.“ Der deutsche Kunstmarkt habe „für die großen, internationalen Galerien nur wenig Bedeutung.“ Auch wegen der viel zu hohen Mehrwertsteuer in Deutschland. Im Ausland sind es im Schnitt sieben Prozent weniger. „Mit Künstlersozialabgaben liegen wir im Schnitt bei 25 bis 30 Prozent, die in Deutschland auf ein Bild oben drauf kommen.“

Inzwischen verlagert sich das Territorium der Zwirners über Grenzen hinweg: ins Netz. 2017 eröffnete David Zwirner seine erste virtuelle Kunstausstellung, einen „Online Viewing Room“ auf der Webseite seiner Galerie. Kaufanfragen laufen per Klick. Auf der Art Basel 2019 präsentierte Zwirner einen Teil des Angebots in der Halle, den Rest im Internet, dort reichte die Preisspanne bis 1,8 Millionen Dollar. Insgesamt wurde 2018 Kunst im Wert von mehr als 4,6 Milliarden Dollar übers Internet verkauft. Wie hoch der Onlineumsatz bei Zwirner war, verrät er nicht. Nur, dass die Zahl der verkauften Werke in der ersten Hälfte 2019 über 50 Prozent höher lag als im Gesamtjahr 2018. Über die Hälfte der Anfragen seien Neukunden.

Für die ist der Jüngste zuständig: Lucas Zwirner. Er trägt einen unförmigen Pulli, die Haare verwuschelt, als wäre er gerade aufgestanden. Abgesehen davon, dass er seinen Großvater um in paar Zentimeter überragt, sieht er harmlos aus. Er ist Chef des hauseigenen Verlags David Zwirner Books. Als „Head of Content“, ein Posten, der im Juni eigens für ihn geschaffen wurde, betreut er alle publizistischen Inhalte der Galerie. „Wir sind eine Galerie, die andere Sachen machen will – und die auf allerhöchstem Niveau“, sagt er selbstbewusst.

Anders wollen sie die Dinge macht, das bedeutet hier vor allem auch: moderner. In sozialen Medien, etwa auf der Fotoplattform Instagram, hat die Galerie bereits mehrere hunderttausend Abonnenten. Die großen Galerien wandeln sich zu Medienunternehmen. Sie veröffentlichen Bücher und Magazine, drehen Kurzfilme über ihre Künstler, produzieren eigene Podcast-Formate. Die erste Staffel des Zwirner-Podcasts wurde 280.000 mal heruntergeladen – ein gewaltiges Potenzial. Zwirner junior sagt, das seien „mehr als die Gesamtzahl der Besucher einer Galeriefiliale im gesamten Jahr“.