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Nestlé: Darum hat der Konzern einen so schlechten Ruf

Antonia Wallner
Freie Autorin

Nestlé. Schon die Erwähnung des weltweit größten Lebensmittelkonzerns reicht aus, um eine Flut an negativen Assoziationen zu wecken. In seiner 153-jährigen Geschichte wurde der Schweizer Konzern mehr mit Kritik als mit Ruhm überhäuft. Doch woher kommt Nestlés schlechter Ruf? Wie reagiert das Unternehmen darauf? Yahoo Finance gibt einen Überblick über die größten Skandale der letzten Jahre.

Nestlé ist der größte Lebensmittelkonzern weltweit. (Bild: Getty Images)

Ob gepanschtes Milchpulver, habgierige Wasserlobby oder die generelle Ausbeutung von Mensch und Natur: Nestlé ist für viele ein Synonym für das Böse schlechthin. Und wer sich öffentlich zu den Schweizern bekennt, ertrinkt in einem Shitstorm von Tornado-Ausmaßen.

Die Erfahrung machte auch kürzlich die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Auf Twitter postete sie ein Video, dass sie im Gespräch mit dem aktuellen Deutschland-Chef von Nestlé zeigt.

Darin lobt die Ministerin das Unternehmen dafür, dass es den Zucker-, Salz- und Fettgehalt in “Produkten, die die Bürger gerne essen“ reduzieren will.

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Es dauerte nicht lange, bis Klöckners Feed unter Dauerbeschuss stand. Es hagelte massive Kritik, Häme und Spott für ihr angebliches “Werbevideo“ mit Nestlé. Sogar die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg ermahnte die Ministerin für ihren leichtfertigen Post.

Nestlé: Die größten Skandale der letzten Jahre

Protest gegen Nestlés Plastikverpackungen in Nairobi im April 2019. (Bild: Getty Images)

Was hat Nestlé getan, um sich solch einen schlechten Ruf zu erarbeiten? So einiges. Ein paar der Fehltritte des Konzerns der letzten Jahre:

Milchpulver in den 70er-Jahren

Alles begann mit Säuglingsnahrung in den Entwicklungsländern. In den 70er-Jahren startete Nestlé dort eine groß angelegte Kampagne für Muttermilch-Ersatzprodukte, die angeblich die Kindersterblichkeit verringern sollten. Doch die Praktiken waren mehr als fragwürdig: Nestlé-Mitarbeiterinnen “verkleideten“ sich als Krankenschwestern und verteilten die Ersatzprodukte auch an Mütter, die problemlos stillen konnten. Dass oft die Hygiene für die unbedenkliche Zubereitung der Pulver nicht gegeben war, ignorierte der Konzern. Kritiker liefen daraufhin Sturm gegen Nestlé: Denn oft wurde verunreinigtes Wasser für die Säuglingsnahrung benutzt und viele Kinder starben damals an den Folgen.

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Nestlé wehrte sich zunächst gegen die Vorwürfe. Doch einige Jahre später unterstützte der Konzern als einer der ersten Hersteller den WHO-Verhaltenskodex, der für die Vermarktung von Babynahrung strenge Regeln vorgibt. "Brustmilch ist der beste Start für ein Neugeborenes", schreibt der Konzern heute auf seiner Website.

Nestlé – der Umweltsünder Nr. 1

Für die Umweltschutzorganisation Greenpeace ist Nestlé einer der größten Plastikverschmutzer weltweit. "Nestlé produzierte letztes Jahr 1,7 Millionen Tonnen Plastik, 13 Prozent mehr als im Vorjahr", so der Vorwurf von Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan, die mit einer Gruppe Aktivisten die diesjährige Nestlé-Hauptversammlung in Lausanne stürmte.

Das Problem ist nicht neu für den Konzern. Spätestens seit den beliebten “Nespresso“-Kapseln aus Aluminium, die durch ihren immensen Verpackungsmüll in Verruf kamen, muss sich Nestlé immer wieder mit den Vorwürfen der Umweltverschmutzung auseinandersetzen. Doch der Konzern reagierte auf die Kritik und startete Initiativen in eigener Sache. “Keine unserer Verpackungen soll als Abfall auf Deponien oder in der Umwelt, in Flüssen und Meeren enden. Wir haben 2018 die Gründung des Nestlé Institute of Packaging Sciences bekannt gegeben, das funktionelle, sichere und umweltfreundliche Verpackungen erforscht und entwickelt. Damit kommen wir dem Ziel näher, alle Verpackungen bis 2025 recyclingfähig oder wiederverwendbar zu machen“, schreibt Nestlé dazu auf seiner Website.

Gleichzeitig stellt der Konzern aber auch klar, dass es – vorerst – nicht ganz ohne Plastik gehen wird: “Verpackungen aus Plastik sind bei Lebensmitteln nach wie vor wichtig, da sie diese sicher schützen und länger haltbar machen.“ Nicht nur bei der Verpackung, sondern auch beim Inhalt erheben sich Stimmen. Wieder ist es vor allem die Umweltschutzorganisation Greenpeace, die im Jahr 2010 die Menge an Palmöl kritisierten, die Nestlé etwa in seinem Riegel Kitkat verwenden würde. Daraufhin initiierte die Organisation eine große Boykott-Kampagne gegen den Schokoriegel und den dadurch abgeholzten Regenwald auf Youtube.

Nestlé versprach bessere Lieferketten und mehr Nachhaltigkeit, woran sie immer noch arbeiten. Eine Sprecherin des Unternehmens sagte dazu gegenüber der britischen Zeitung “The Guardian“, dass man derzeit 90 Prozent des Palmöls bis zur Ölmühle zurückverfolgen könne – aber nur etwa zwei Drittel bis zur Plantage.

Nestlé und Trinkwasser – Ausbeutung von Afrika bis Frankreich?

Die Diskussion um Nestlés Trinkwasser-Privatisierung ist in den meisten Köpfen wohl die präsenteste. Der Vorwurf: Die Schweizer würden in insgesamt 36 armen Regionen der Welt das Grundwasser monopolisieren, abpumpen und teuer in anderen Ländern weiterverkaufen. Für Kritiker ist die Praxis nichts anderes als Ausbeutung: Durch das Abpumpen würde der Grundwasserspiegel sinken, was wiederum dazu führt, dass Brunnen austrocknen. Nestlé widerspricht: Sie würden sich im Gegenteil für einen “verantwortungsvollen Umgang mit Wasser engagieren“, heißt es online. Durch wissenschaftliche Kontrollen und stetiger Verbesserung der Wassereffizienz sei die Wasserversorgung in allen Ländern, in denen Nestlé Brunnen besitzt, gesichert.

Die Wassermarke “Vittel“ gehört zum Sortiment von Nestlé Waters. (Bild: Getty Images)

Verschärft wurde die Thematik 2018 noch durch die französische Kleinstadt Vittel, in der jedes Jahr durch Nestlé der Grundwasserspiegel um 30 Zentimeter sinkt. Der Konzern füllt dort täglich Millionen Liter Wasser für seine bekannte und gleichnamige Marke “Vittel“ ab. Die Folgen für die Gemeinde waren drastisch, der Bürgermeister musste in Vittel im Sommer 2018 Trinkwasser mit einem Tankwagen aus anderen Regionen heranschaffen. Frankreich ist nicht Afrika, wo die Probleme weit weg schienen.

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Der Konzern musste reagieren und nach einer Lösung suchen. “Freiwillig haben wir die Wasserentnahme schrittweise um 20 Prozent reduziert“, hieß es in einem Statement gegenüber dem Nachrichtenmagazin “Focus“. Auf seiner Website schreibt der Konzern zur Vittel-Problematik: “Damit nutzen wir nur 65% der Menge, die uns die Regierungsbehörde genehmigt hat. So schützen wir die Quelle, bis eine übergreifende Lösung umgesetzt werden kann.“ Angeblich will Nestlé eine Wasser-Pipeline für den Ort bauen, um die Grundwasser-Versorgung aus anderen Regionen in Vittel wieder aufzufüllen.

Die Kritik an Nestlé wird nicht abreißen

Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Unterstützung von Kinderarbeit, Tierversuche in Kosmetik, aggressive Kinderwerbung für nicht gerade kinderfreundliche Produkte und nicht zuletzt die für die Gesundheit problematische Zusammensetzung der Produkte von Nestlé stehen immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit.

Nun stellt man sich aber auch die Frage: Warum steht immer nur Nestlé und kein anderer Lebensmittelkonzern im Fokus, wie etwa Konkurrent Unilever? Zum einen liegt es sicherlich daran, dass Nestlé die Liste als Platzhirsch mit rund 300.000 Mitarbeitern auf dem Markt und 400 Fabriken weltweit anführt. Dann setzt Nestlé auch, im Gegensatz zu Unilever, auf einen präsenten Markennamen bei vielen Produkten. Nesquik, Nestea, Nescafé, Nespresso – um nur einige davon zu nennen.