Deutsche Märkte schließen in 4 Stunden 10 Minuten

Für die Kapitalpuffer der Banken droht Gefahr

In der Corona-Rezession wird die schwache Profitabilität zum Problem für die Geldhäuser. Sie müssen die Risikovorsorge eventuell deutlich aufstocken.

Die Coronakrise dürfte die Sicherheitspuffer der Banken empfindlich zusammenschmelzen lassen. Foto: dpa

Die Euro-Zone muss sich auf die härteste Rezession der Nachkriegsgeschichte gefasst machen. In ihrer aktuellen Schätzung geht die Europäische Zentralbank (EZB) davon aus, dass die Wirtschaft in der Währungsunion in diesem Jahr um 8,7 Prozent einbricht, bevor sie sich 2021 um 5,2 und 2022 um 3,3 Prozent erholt.

Diese Schätzung wird auch massive Auswirkungen auf die Banken haben, denn die Notenbank hat die großen Finanzinstitute bereits im April aufgefordert, bei der Berechnung ihrer Risikovorsorge „die makroökonomischen Vorhersagen der EZB zu berücksichtigen“. Die Folge: Wenn Banken bisher von optimistischeren Annahmen ausgegangen sind als die Notenbank, müssen sie die Risikovorsorge im zweiten Quartal möglicherweise deutlich aufstocken.

Die Beratung Strategy & , eine Tochter von PwC, hat ausgerechnet, was der Konjunkturpessimismus der EZB für die deutschen Banken bedeuten würde: Die Kernkapitalquoten (CET1) der heimischen Banken würden im Rahmen der EZB-Szenarien um rund 4,2 bis 5,3 Prozentpunkte schrumpfen. Die gegenläufigen positiven Auswirkungen staatlicher Stabilisierungsmaßnahmen sind bei diesen Berechnungen allerdings noch nicht berücksichtigt.

Die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts spielt bei der Risikovorsorge eine wichtige Rolle. Allerdings gibt es auch zahlreiche andere Einflussfaktoren. Dazu gehören unter anderem die Anzahl an leistungsgestörten Krediten sowie die Zusammensetzung des Kreditportfolios.

Für die deutschen Banken gibt es, was die Kapitalquoten angeht, eine gute und eine schlechte Nachricht: Die Experten gehen davon aus, dass die Geldhäuser die wegen der Pandemie temporär abgesenkten regulatorischen Kapitalanforderungen trotzdem erfüllen können.

Stabilität verbessert

„Die Auswirkung eines solchen Szenarios auf die Eigenkapitalausstattung ist schmerzhaft, wobei die Institute aufgrund ihrer verbesserten Kapitalposition zunächst gut gerüstet sind“, meint Philipp Wackerbeck, Partner bei PwC Strategy & . Die aktuelle Krise verdeutliche, dass die schärfere Regulierung die Stabilität der Branche verbessert habe.

Die schlechte Nachricht lautet, dass sich die Banken schwertun werden, ihre Kapitalquoten wieder auf das Vorkrisenniveau aufzustocken. „Wie in früheren Stresstests zeigt sich die niedrige Profitabilität erneut als Achillesferse deutscher Banken“, warnt Wackerbeck. Das Wiederauffüllen der Kapitalpolster aus den Gewinnen des operativen Geschäfts werde für die Institute „ein erneuter und großer Kraftakt“.

Vor Kurzem warnte der prominente Banker und Finanzprofessor Axel Wieandt im Handelsblatt, dass die europäischen Banken für die Coronakrise schlecht gerüstet seien. Nach seiner Meinung hätten die Geldhäuser nach der Finanzkrise 2008 deutlich mehr Kapital aufbauen müssen. Wieandt fürchtet, dass die Risiken der Pandemie für die Stabilität des europäischen Finanzsystems unterschätzt werden.

Die Belastungen durch die negativen Wirtschaftsszenarien der EZB dürften für die einzelnen Banken unterschiedlich ausfallen, denn die Kalkulationen der europäischen Geldhäuser weichen im ersten Quartal zum Teil stark voneinander ab. Während die Deutsche Bank und die Commerzbank für 2020 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Euro-Zone von 6,9 beziehungsweise sieben Prozent rechnen, unterstellte die italienische Großbank Unicredit einen Einbruch um 13 Prozent.

Die Analysten des Hamburger Bankhauses Berenberg gehen davon aus, dass sich die Einschätzungen der europäischen Banken zum Ausmaß der Rezession im zweiten Quartal annähern werden – auch aufgrund der Schätzung der EZB. „Wir gehen davon aus, dass dies dazu führen wird, dass die Risikokosten hoch bleiben werden – besonders bei Banken, die im ersten Quartal weniger harte Annahmen verwendet haben“, erklärten die Analysten in einer Studie. Große zusätzliche Belastungen könnten deshalb aus ihrer Sicht unter anderem auf ABN Amro, Handelsbanken, Lloyds, SEB und Nordea zukommen.

Unsichere Prognosen

Manche Analysten haben auch die Annahmen der deutschen Großbanken als zu optimistisch kritisiert. Und Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp hat offen eingeräumt, dass alle Prognosen derzeit mit großer Unsicherheit behaftet sind. „Wir alle wissen, dass die Lage sich zurzeit sehr schnell verändern kann.“

Für das Gesamtjahr rechnet die Commerzbank mit einem Anstieg der Risikovorsorge auf 1,0 bis 1,4 Milliarden Euro. Dieser Prognose liegt die Annahme zugrunde, „dass einem zweimonatigen Lockdown sukzessive Lockerungsmaßnahmen in den nächsten Monaten bis zum Jahresende folgen werden“, sagte Orlopp Mitte Mai auf der Hauptversammlung. „Dabei gehen wir auch davon aus, dass es nicht zu einem erneuten Lockdown kommt.“ Derzeit liegt die harte Kernkapitalquote der Commerzbank bei 13,2 Prozent.

Die Deutsche Bank hat im ersten Quartal ihre Risikovorsorge um 500 Millionen Euro aufgestockt, deutlich weniger als europäische Konkurrenten wie die italienische Unicredit oder die spanische Santander. Berücksichtigt man die mittlerweile negativeren Wirtschaftsprognosen, wäre die Risikovorsorge Finanzvorstand James von Moltke zufolge bereits im ersten Quartal 100 Millionen Euro höher ausgefallen.

Dennoch ist der Vorstand der Deutschen Bank zuversichtlich, mit weniger Risikovorsorge als während der Finanzkrise auszukommen. Im Jahr 2009 musste die Bank 2,6 Milliarden Euro für faule Kredite zurücklegen. Das Gros der Risikovorsorge 2020 werde in der ersten Jahreshälfte anfallen und im zweiten Halbjahr nachlassen, hieß es vor Kurzem.

Ende des ersten Quartals lag die harte Kernkapitalquote der Deutschen Bank bei 12,8 Prozent – das Institut räumt ein, dass die Quote zeitweise unter den Zielwert von 12,5 Prozent fallen könnte.

Für Strategy & -Experte Wackerbeck sind die Konsequenzen der Corona-Belastungen für die Banken bereits klar. Er rechnet mit neuen schmerzhaften Sparrunden: „Einige Institute werden sich erneut deutliche Kostensenkungsprogramme verordnen, die vormals unberührte Potenziale nun zwingend heben müssen.“

Die Krise sieht er als „Katalysator für den notwendigen Wandel in der Branche“. Außerdem gelte es bereits jetzt, die Geschäftsstrategien auf die Zeit nach der Pandemie auszurichten, da „Marktanteile dann relativ schnell neu verteilt werden“.