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Die Dauerläufer: Welche Aktien jetzt das Depot stabilisieren können

Kurzfristig könnte den Aktienkursen die Puste ausgehen, meinen Strategen. Papiere mit solidem Wachstum könnten daher beim nächsten Kursrutsch zu Kaufgelegenheiten werden.

Das Unternehmen Symrise gilt als Aufstiegskandidat für den Dax. Und im Gegensatz zu Wirecard als solides Investmentziel. Foto: dpa

Rasant um gut 40 Prozent runter und ebenso viel und nahezu gleich schnell wieder rauf – und jetzt? Angesichts der schwachen Konjunktur bezweifeln viele Anleger, dass es an den Aktienmärkten nun einfach so weitergeht. Viele Strategen rechnen ebenfalls damit, dass führende Aktienindizes vorerst wenig Kurspotenzial haben und etwa der deutsche Leitindex Dax wieder absacken kann

Längerfristig gehen sie aber davon aus, dass die Kurse mit einer Erholung der Konjunktur weiterklettern. Daher ist es für Aktienanleger an der Zeit, nach Papieren zu schauen, die Säulen für ein langfristig ausgerichtetes Depot sein könnten, meint Michael Bissinger, Analyst der DZ Bank. Solche Aktien verfügen über starke Geschäftsmodelle, höhere Markteintrittsbarrieren für Konkurrenten und ein stabiles Wachstum von Umsatz und Gewinn.

Typischerweise lassen sich solche Unternehmen vor allem in Branchen finden, die gesellschaftliche Umbrüche prägen wie Technologie und Gesundheit. Zwar bringen die USA mit ihrer als besonders flexibel und innovativ geltenden Wirtschaft viele solcher Firmen hervor, es gibt sie aber auch in Deutschland.

In einer Studie hat die DZ Bank 31 solcher Unternehmen identifiziert und neun hervorgehoben. Die Studie liegt dem Handelsblatt vor. Wenn diese eher teuren Aktien bei einem Kurseinbruch billiger werden, können sie Kaufchancen bieten.

„Kurzfristig zeigt der Aktienmarkt zu viel Optimismus“, stellt Joachim Schallmayer, leitender Kapitalmarktstratege der Sparkassenfondstochter Deka fest. In den kommenden Wochen rechnet er mit „Ernüchterung“ – mit Kursrücksetzern beim Dax bis auf 10.500 Punkte. Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS hält das Kurspotenzial für den Dax und andere wichtige Indizes sogar in diesem Jahr für ausgereizt: „Der Dax hat sein Kursziel von 12.000 Punkten schon „überschossen“, meint er.

Indikatoren auf Krisenniveau

Die massive Unterstützung durch Notenbanken und Staaten, aber auch die rasche Lockerung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stillstands haben Investoren zuversichtlich gemacht, dass sich die eingebrochenen Gewinne der Firmen schnell erholen und die Wirtschaft aus der Rezession herausfindet.

Das muss nun aber auch passieren, damit sich diese Hoffnung an den Börsen nicht zerschlägt: In jüngsten Konjunkturindikatoren wie dem Ifo-Geschäftsklimaindex oder den Einkaufsmanagerindizes haben Firmenmanager zwar zuletzt Besserung signalisiert. Doch wichtige Indizes befinden sich noch „auf dem Niveau einer massiven Wirtschaftskrise“, sagt Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Längerfristig sollten die Kurse aber von sich erholenden Firmengewinnen gestützt werden. Auch in Europa rechnet Kreuzkamp damit, dass die Firmengewinne 2021 wieder steigen und bis 2022 fast wieder ihr Niveau von vor der Krise erreichen können.

Wie viele Experten erwartet er, dass auf die tiefe Rezession der Weltwirtschaft in diesem Jahr 2021 eine moderate Erholung folgt. Zudem werden die Aktienkurse von Anlegern gestützt, die im andauernden Zinstief kaum Alternativen zu Aktien finden und ihr jetzt noch geparktes Geld wieder investieren.

Auf der Suche nach wenig schwankungsanfälligen, soliden Aktien von Unternehmen am deutschen Markt hat DZ-Banker Bissinger 235 potenzielle Wachstumskandidaten unter die Lupe genommen. 31 mit stabilem strukturellen Wachstum hat er herausgefiltert, neun davon sind ihm mit besonders soliden Kennzahlen aufgefallen. Für „Marathon“-Aktien, wie der Analyst die Papiere bezeichnet, leitet er gute „Kondition“ ab, also Aussichten auf langfristige Kursgewinne.

Abgeprüft haben Bissinger und Kollegen bei den Unternehmen vier Schlüsselkennzahlen: Das Wachstum des Umsatzes und des Gewinns in den vergangenen zehn Jahren, die Entwicklung des Firmenwertes – Börsenwert abzüglich Schulden – und des Buchwertes – Eigenkapital minus Schulden – je Aktie. Die längerfristige Betrachtung des Umsatzes zeigt, ob ein Unternehmen in unterschiedlichen Phasen der Konjunktur stabil wächst und seine Geschäftstätigkeit ausweiten kann, erläutert der Analyst.

Als Grundlage dienten die veröffentlichten Geschäftsberichte, die bis zum Geschäftsjahr 2019 vorliegen. So sind auch schwierigere wirtschaftliche Phasen untersucht worden wie die Euro-Schuldenkrise 2011/2012 und im Jahr 2018 der durch den eskalierenden Handelsstreit unter Druck geratene Welthandel. Die Coronakrise konnte allerdings noch nicht erfasst werden.

Profitables Wachstum gesucht

Ein stabiler operativer Gewinn und hohe Margen dokumentieren profitables Wachstum. Dahinter stehe in der Regel ein besonderes Geschäftsmodell für Produkte oder Dienstleistungen, mit denen sich die Unternehmen eine führende Marktstellung erarbeitet hätten, sagt Bissinger. Oft stützen der Untersuchung zufolge Patente, Netzwerke, starke Marken, eine Kostenführerschaft wie auch intensive Beziehungen zu den Kunden und hohe Kosten beim Lieferantenwechsel eine lokale marktbeherrschende Position.

Ein steigender Firmenwert zeigt zudem, dass Anleger am Kapitalmarkt die „Wachstumsstory“ schätzen. Der Buchwert je Aktie schließlich dokumentiert, inwieweit vom erwirtschafteten Ertrag zusätzliches Eigenkapital für die Investoren geschaffen wurde.

Nach Sektoren wurden die DZ Banker besonders in den Sparten Technologie und Gesundheit fündig. Die Gründe sind bekannt: Die Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft lasse die IT-Sparten strukturell boomen, erklärt Bissinger. Und der zunehmende Wohlstand einer immer älter werdenden Weltbevölkerung sowie technischer Fortschritt in der Medizin macht „Gesundheit“ zu einer der gefragtesten Branchen. Kein Wunder, dass diese Sektoren bei Marktstrategen stets zu den Kernanlagesparten zählen.

Interessant ist nun, dass nicht nur die USA, sondern auch Deutschland mit einer ganzen Menge solcher erfolgreicher Firmen aufwartet. Am Kapitalmarkt gehören viele allerdings eher zu den mittelgroßen oder kleineren Firmen wie das IT-Systemhaus Bechtle, der Spezialist für Augendiagnostikgeräte Carl Zeiss Meditec – beide aus dem Nebenwerteindex MDax – oder der Softwarehersteller für Krankenhausinformationssysteme Nexus.

Dafür sieht Analyst Bissinger mehrere Gründe: „In Deutschland gibt es viele Spezialisten, die in ihrer Nische mitunter weltweit Marktführer sind – sogenannte Hidden Champions“, erklärt er. Die Firmen sind daher der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt, auch weil hierzulande eher wenige Menschen Aktien besitzen. Allerdings gibt es auch Firmen, deren Finanzierungsstruktur nicht primär auf den Aktienmarkt ausgerichtet sei, etwa wenn eine Stiftung im Hintergrund stehe.

Neun Unternehmen unterschiedlicher Größe hebt die DZ-Bank-Studie hervor als diejenigen mit ausgesprochen starker Kondition. Aus dem Dax gehört der private Klinikbetreiber und Hersteller von Flüssigarzneien Fresenius dazu, dem Bissinger besonders stabiles Wachstum bei Umsatz und Buchwert bescheinigt.

Genau das lobt der Analyst auch beim Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise aus dem MDax, der nach der Insolvenz des Zahlungsabwicklers Wirecard als Aufsteiger für den Dax gilt. Der Spezialchemiehersteller steht für eine weitere Branche, die viele Strategen mit Blick auf eine Konjunkturerholung empfehlen.

Große wie kleine Firmen fallen auf

Zu den mittelgroßen Firmen der DZ-Bank-Auswahl gehört neben Carl Zeiss Meditec und Bechtle noch der Anbieter von Automatisierungslösungen bei industrieller Bildverarbeitung Isra Vision. Bei Bechtle und Isra Vision lobt Bissinger neben Umsatz- und Buchwertzuwachs vor allem das Gewinnwachstum, bei Carl Zeiss Meditec den gestiegenen Firmenwert.

Unter den kleineren Unternehmen fielen den Analysten neben Nexus noch besonders der Unternehmensberater für strategische Prozesse und Technologie für den Handel- und Konsumgütersektor KPS auf, außerdem der Gewerbeimmobilienbesitzer Hamborner Reit und der Zeitarbeit- und Personalvermittler Amadeus Fire. Beide Aktien notieren im Kleinwerteindex SDax.

Allen ist demnach ein starkes Umsatzwachstum gemein. Bei Hamborner Reit und Nexus ragte unter anderem noch das Gewinnplus heraus, bei KPS und Amadeus besonders die Buchwertzunahme.
Unter den Firmen, die in den vergangenen drei Jahren nach diesen Kennzahlen schwächer abschnitten, finden sich unter anderem Banken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank sowie Druckmaschinenhersteller wie Heidelberger Druck und SLM Solutions.

In einem zweiten Schritt lohnt es nach Ansicht von Analyst Bissinger zu schauen, wie teuer die wachstumsstarken Aktien sind. So hat er den Abstand vom Höchstkurs seit 2017 und den Aktienkurs gemessen an den Firmengewinnen, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), betrachtet.

Sein Resümee: Viele seiner Marathon-Aktien sind nicht billig. Die KGVs liegen oft 50 bis knapp 100 Prozent über ihrem Fünf-Jahres-Durchschnitt. Auch notieren viele der Unternehmen bereits wieder nahe ihrer Höchstkurse – trotz Corona-bedingtem Kurssturz. Dies zeigt sich auch in Analystenurteilen, in die der Preis der Aktien mit einfließt.

So gibt es nach Zahlen des Nachrichtenanbieters Bloomberg für Fresenius 20 Kaufen- und fünf Halten-Voten. Auch KPS wird mit fünf Kauf-Urteilen und zwei „Halten“-Einschätzungen überwiegend empfohlen. Amadeus Fire hat nur ein Votum bekommen, zum Kauf.

Bei den anderen Aktien sind Bewertungen unterschiedlich: Symrise wird zehnmal zum Kauf, 14-mal zum Halten und fünfmal zum Verkauf empfohlen. Carl Zeiss Meditec vereint sechs Kauf-, vier Halten- und fünf Verkaufen-Urteile auf sich. Bei Bechtle dominiert Halten, bei Isra Vision ebenfalls. Für Hamborner Reit gibt es je drei und für Nexus je drei Kaufen- und Halten-Urteile.

Bissingers Fazit: „Ein günstiger Einstiegszeitpunkt bestimmt die Renditeaussichten im Depot mit“, sagt er. Anleger müssen also entscheiden, ob sie die zum Teil ambitionierten Kurse bezahlen wollen – oder ob sie auf Kursrücksetzer und damit günstigere Kaufgelegenheiten warten wollen.