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Warum das Coronavirus die Versicherer kaum belastet

Die Versicherer-Branche beobachtet das Fortschreiten der neuen Lungenkrankheit. Für den Fall von Betriebsunterbrechungen in China sind sie abgesichert.

Crewmitglieder in Schutzkleidung und Mundschutz messen in Singapur die Temperatur von Passagieren vor dem Boarding. Foto: dpa

Die Meldungen rund um die Folgen des Coronavirus sind noch immer beängstigend. Auch wenn der Krankheitsverlauf bei vielen Betroffenen im Moment häufig schnell wieder abklingt. Bis Montag sind dennoch allein in China über 900 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben, mehr als 40.000 Menschen sind infiziert.

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Fluggesellschaften wie die Lufthansa arbeiten deshalb weiter mit Sonderflugplänen von und nach China. Und für viele Unternehmen ist noch nicht absehbar, wie sehr die Entwicklung des neuen Coronavirusstamms 2019-nCoV ihr Geschäft in diesem Jahr belasten wird.

Die großen Versicherer beobachten die Lage derzeit ebenso gespannt. Belastungen durch größere Schadenzahlungen erwarten sie dennoch nicht. Denn anders als bei anderen Großereignissen wie Wirbelstürmen, Bränden oder der schweren Krise beim Flugzeugbauer Boeing um das Modell 737 Max sind die finanziellen Auswirkungen der neuen Krankheit auf die Versicherer bisher gering.

“Es ist noch zu früh, um belastbare Aussagen zu den finanziellen Folgen der Lungenkrankheit zu treffen”, sagt der neue Vorstandschef der Hannover RE, Jean-Jacques Henchoz. Bisher gebe nur wenige Schadenmeldungen.

Dennoch zeichnen sich Parallelen zu früheren Epidemien wie beispielsweise Sars ab. Gerade im Anfangsstudium entwickelt sich die Ausbreitung der Krankheit dynamisch, das mediale Interesse ist groß. Im weiteren Verlauf werden die Schätzungen und Informationen genauer. Für die Versicherer entsteht dann ein genaues Bild über den Krankheitserreger selbst, dessen Übertragungswege, die Sterblichkeitsrate sowie die Anzahl der bislang noch unbeobachteten Fälle.

Hinzu kommen die Inkubationszeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit, die Art der Übertragung auf andere Menschen sowie die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Todesfolge. “Epidemien können oft viele Wochen oder Monate dauern“, heißt es von Seiten der Munich Re. Eine abschließende Beurteilung sei erst im Nachhinein möglich.

Versicherungen gegen Betriebsunterbrechungen

Ein Thema sind für Versicherer die Schäden bei ihren Industriekunden durch Betriebsunterbrechungen oder durch den Wegfall von Aufträgen. Die Branche spricht hier von indirekten Kosten der neuen Lungenkrankheit.

In der Region um Wuhan sind das öffentliche Leben und die Produktion beinahe zum Stillstand gekommen. Erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft zeichnen sich bereits ab. So soll der nationale Volkskongress mit seinen rund 3000 Delegierten Anfang März womöglich verschoben werden. Auch das Formel1-Rennen im April in Schanghai könnte auf einen späteren Termin wandern.

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Für die Versicherer ergeben sich dadurch jedoch nur geringe Belastungen. So sei bei Versicherungen gegen Betriebsunterbrechungen in China der Schutz vor den Folgen von Infektionskrankheiten ausgenommen, heißt es von Hannover Re. “Wir haben bisher keine Bedenken, dass signifikante Schäden in Folge von stillstehenden Fabriken wegen des Coronavirus entstehen“, gibt sich Vorstand Sven Althoff gelassen. Genaueres lasse sich aber auch hier erst sagen, wenn die Fabriken nach dem Stillstand wieder hochgefahren werden.

Auch beim Wettbewerber Munich Re spricht man von einer gängigen Praxis, dass die Risiken eines Epidemieausbruchs von der Deckung ausgeschlossen werden. Deswegen haben sie in München eine eigene Einheit mit Namen Epidemic Risk Solutions gegründet, um auch Lösungen in diesem Bereich anbieten zu können. Dass es die bisher nicht gab, lag daran, dass solche Risiken und ihre finanziellen Konsequenzen schwer einzuschätzen waren. Nun gibt es je nach Branche spezifische Lösungen.

Wachsende Zahl von Reiserücktritten

Deutlichere Konsequenzen spürt die Reisebranche. Beispielsweise stehen im Moment hunderte Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen unter Quarantäne. Im Geschäft mit Privatkunden stellen sich die Versicherer deshalb auf eine wachsende Zahl von Reiserücktritten ein.

Betroffene müssen dabei aber beachten, ob eine offizielle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die entsprechende Region vorliegt. In China gibt es die im Moment nur für die Provinz Hubei. Allerdings wird von nicht notwendigen Reisen in das übrige Staatsgebiet mit Ausnahme der Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macao bis auf weiteres abgeraten.

Kostenlose Reiserücktritte sind somit offiziell nur in der Provinz Hubei möglich. Andernorts können sich Urlauber jedoch auf öffentliche Einschränkungen berufen, die die Durchführung einer Reise erschweren. Bei der Allianz beobachtet man im Moment zwar einen erhöhten Schadenverlauf bei Reiseversicherungen, das Gesamtvolumen sei mit einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag jedoch überschaubar.

Große Gesundheitsreformen in Asien

Direkt gefordert ist ein Versicherer, wenn Menschen an dem Virus erkranken oder gar sterben. Gesundheitsbezogene Kosten wie die medizinische Versorgung werden von der Krankenversicherung übernommen, im Todesfall helfen Lebensversicherer. Das gilt allerdings nur dann, wenn die Betroffenen auch tatsächlich versichert sind. Gerade in Schwellenländern ist das noch immer in unterdurchschnittlichem Maß der Fall.

Nach einem Todesfall können die Betroffenen dort nur weniger als 30 Prozent ihres bisherigen Lebensstandards durch Versicherungen und Ersparnisse aufrechterhalten. Das haben die Experten des Swiss Re Institute errechnet. In absoluten Zahlen beträgt die so genannte Mortality and Health Protection Gap, also die Deckungslücke für Todesfälle und Gesundheit, weltweit etwa 1000 Milliarden Dollar.

Dabei haben sich besonders in China und Indien die Deckungslücken in den vergangenen 15 Jahren vergrößert. Der wesentliche Grund dafür ist, dass die persönliche Absicherung der Bevölkerung in dieser Zeit nicht mit dem deutlich gewachsenen Lebensstandard gestiegen ist.

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Anders sieht es in der Krankenversicherung aus. Hier gab es in China, Indien, Indonesien, den Philippinen, Thailand und Vietnam in den vergangenen Jahren große Reformen des Gesundheitssystems. Diese Länder betrachten die Krankenversicherung inzwischen als sozialpolitische Notwendigkeit, sodass der von Swiss Re errechnete Index zur Gesundheitsversorgung in der Region seit der Jahrtausendwende von 52 Prozent auf inzwischen über 70 Prozent gestiegen ist.

Dabei zeigt das Gesundheitssystem durch wachsende Versorgungskosten und eine alternde Bevölkerung inzwischen jedoch ähnliche Probleme wie in Europa. Außergewöhnliche Belastungen wie jetzt durch das Corona-Virus verstärken den Druck deutlich.

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