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Corona-Krise: Wie schlimm kann ein neuer Bärenmarkt werden?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Stürzt das Coronavirus die Weltwirtschaft in die Rezession? (Foto: John Nacion/STAR MAX/IPx)

Das Ausmaß der Corona-Krise nimmt dramatischere Züge an, wie die Ausschläge an den Weltbörsen beweisen. Vor allem an den deutschen Aktienmärkten geht die Panik um. Sind eine Rezession und ein Bärenmarkt noch zu vermeiden?

Es spitzt sich weiter zu. Fast im Minutentakt prasseln die schlechten Nachrichten über die Ticker: Über 1000 Corona-Infizierte in Deutschland, über 7000 in Italien und Südkorea, mehr als 110.000 Corona-Fälle in der ganzen Welt – und das sind lediglich die dokumentierten Fälle. Angesichts der – wie ausgerechnet in den USA – vielfach fehlenden Testmöglichkeiten dürfte die Dunkelziffer der mit dem Coronavirus infizierten Personen um ein Vielfaches höher sein. 

Was vor zwei Monaten in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan begann und im Februar nach Europa und den Rest der Welt herüberschwappte, hat sich in explosiver Geschwindigkeit zum globalen Virus entwickelt, das längst auch die Weltbörsen infiziert hat. Auf die schlechteste Börsenwoche seit der Finanzkrise folgten in der vergangenen Handelswoche extrem volatile Ausschläge in beide Richtungen: Auf Panikverkäufe folgten Panikkäufe und vice versa. 

Weltbörsen lediglich im Korrekturmodus

Angesichts der potenziellen Bedrohung für die Weltwirtschaft erscheint das Ausmaß der Verkäufe jedoch noch nahezu rational. Von den im Februar aufgestellten Allzeithochs haben die US-Leitindizes Dow Jones, S&P 500 und der Nasdaq-100 lediglich um 12 bis 13 Prozent korrigiert und befinden sich damit weiter im Korrekturmodus, nicht aber im Bärenmarkt. Das Gleiche gilt für Tech- und Internet-Schwergewichte wie Apple (–12 Prozent), Amazon (–13 Prozent) oder Microsoft und Alphabet (–15 Prozent).  

Dow Jones Langfristchart

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Angesichts der enormen Kurszuwächse in der vergangenen Dekade, in der der Dow Jones um mehr als 400 Prozent, der Nasdaq-100 um mehr als 500 Prozent und GAFA-Konzerne wie Apple und Amazon um mehr als 1000 Prozent zugelegt haben, erscheint der Corona-Kursrutsch lediglich wie eine kleine Delle. 

Dax kurz vor Bärenmarkt

Etwas fortgeschrittener sind die Abverkäufe unterdessen an den deutschen Aktienmärkten. Der Leitindex Dax ging am Freitag um 16,5 Prozent unter den erst zweieinhalb Wochen zuvor aufgestellten Allzeithochs aus dem Handel, während der Nebenwerteindex MDax um 16 Prozent rasiert wurde. Damit sind die beiden wichtigsten deutschen Indizes nur noch wenige Prozent vom Beginn eines Bärenmarktes entfernt, der bekanntlich bei Kursverlusten von 20 Prozent beginnt. 

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Angesichts des vollkommen offenen Ausgangs der Coronakrise erscheint gänzlich offen, wie tief der Absturz in den Bärenmarkt am Ende gehen könnte. Gemessen an den vorangegangenen Krisen hätten die Märkte möglicherweise viel Luft nach unten.

Hohe Verluste bei schweren Krisen in den vergangenen Jahrzehnten 

Allein während der Griechenlandkrise im Sommer 2011, die am Ende nicht annähernd die befürchtete Entwicklung nahm, verlor der deutsche Bluechip-Index mehr als 25 Prozent an Wert. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 büßte der Dax von seinen Höchstständen in der Spitze mehr als 40 Prozent an Wert ein. 

Wirklich ans Eingemachte ging es unterdessen in der Finanzkrise 2008/09, als sich der wichtigste deutsche Aktienindex binnen eines Jahres halbierte bzw. auf Sicht von fünf Quartalen fast 60 Prozent einbüßte. An die Mutter aller Wertvernichtungen werden sich erfahrenere Anleger noch erinnern. In den drei Jahren nach dem Platzen der Internetblase kollabierte der Dax von über 8000 auf unter 2200 Punkte und löschte damit fast 75 Prozent der Aktienvermögen im deutschen Bluechip-Index aus. Es sollte mehr als 13 Jahre dauern, bis Anleger die Höchstkurse zu Beginn des Jahrtausends entscheidend überbieten konnten. 

Notfall-Leitzinssenkung der Fed verunsichert

Gemessen an den historischen Krisen der vergangenen zwei Jahrzehnte erscheinen die aktuellen Verluste im Zuge der Coronakrise damit nahezu marginal. Und doch greifen bereits die alten Mechanismen wie in vorangegangen Bärenmärkten. Vergangenen Dienstag entschloss sich die US-Notenbank zu einer überraschenden Notfall-Leitzinssenkung, dem sogenannten „emergency rate cut“.

Es war das erste Mal seit der Finanzkrise 2009, dass der oberste Geldhüter der USA zu der Maßnahme griff, die an den Märkten statt zur Beruhigung für Verunsicherung sorgte. „Ich denke, dass die Zinssenkung der Notenbank in vielfacher Hinsicht nach hinten losgegangen ist“, erklärte etwa Michael Arone, Chief Investment Stratege bei State Street Global Advisors, gegenüber dem Finanzportal Marketwatch. „Es hat die schlimmsten Anlegersorgen entfacht.“

Rezessionssorgen immer größer

Börse im Abschwung (Photo by David Dee Delgado/Getty Images)

Anleger dürften sich sorgenvoll an vergangene Notfallinterventionen der Notenbank erinnert fühlen, der wie bei der Finanzkrise 2008/09 weitere Kursverluste folgten, bevor der Boden tatsächlich erreicht schien, wie auch Morgan Stanley am Sonntag in Kurzstudie herausarbeitet.

„Notfallzinssenkungen der Fed waren, historisch betrachtet, für die Aktienmärkte in den folgenden 6 bis 12 Monaten nicht hilfreich, von Rallies über ein bis drei Monate abgesehen“, gibt der leitende Aktienmarktstratege der Wall Street-Institution zu bedenken. In sieben von acht Fällen folgte auf eine Notfallzinssenkung eine Rezession, merkte Morgan Stanley an.

In Reaktion auf die alarmierende Nachrichtenlage vom Wochenende fielen die Dow Jones Futures in der Nacht zum Montag um 1000 Punkte und deuten damit die Fortsetzung einer weiteren Ausverkaufswelle zu Wochenbeginn an.