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Coronavirus: Unterschätzen die Märkte das Black Swan-Risiko?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 5 Min.
Zwingt das Coronavirus den Bullenmarkt in die Knie? (AP Photo/Ng Han Guan)
Zwingt das Coronavirus den Bullenmarkt in die Knie? (AP Photo/Ng Han Guan)

Die Angst vor dem Coronavirus hält die Welt seit Jahresbeginn in Atem. Nur an den Finanzmärkten werden die möglichen Folgen einer Pandemie bislang praktisch komplett ausgeblendet. Sind Anleger wie am Vorabend der Finanzkrise zu sorglos?


Die Alarmsignale sind nicht zu überhören und zu übersehen. Mehr als 70.000 Menschen haben sich laut offiziellen Angaben inzwischen mit dem tückischen Coronavirus infiziert, mehr als 1700 Menschen sind an den Folgen der Lungenkrankheit bislang gestorben – allein binnen zwei Wochen hat sich die Zahl der Opfer und Infizierten mehr als verfünffacht.

Und ein Ende der Seuche scheint nicht annähernd in Sicht. Die Hoffnung, dass der Höhepunkt überschritten sein könnte und sich die Verbreitung rückentwickelt, hat sich nicht bewahrheitet – im Gegenteil. Ein Impfstoff scheint noch mindestens 18 Monate entfernt, während deutlich wird, dass die Quarantäne-Maßnahmen nicht die erhoffte, eindämmende Wirkung haben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie lange sich Metropolen wie die mit 11 Millionen Menschen besiedelte Hightech-Stadt Wuhan eigentlich abriegeln lassen?

Covid-19: Potenzial, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zu infizieren?

Tatsächlich könnte längst der sogenannte „Tipping Point“ überschritten sein – der Augenblick, in dem die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten scheint. Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die bereits Ende Januar den weltweiten Notfall ausrief, erklärte in der vergangenen Woche, die Infektionen von Personen, die nie nach China gefahren waren, stelle „die Spitze des Eisbergs“ da.

Bill Gates warnte unterdessen, dass die Ausbreitung des Coronavirus zu einer „sehr schlimmen Lage“ führen könnte – vor allem, wenn sich das Virus in Afrika ausbreitet. Nach Einschätzung des Microsoft-Gründers wären mehr als 10 Millionen Menschenleben in Gefahr. WHO-Berater Gabriel Leung, Professor für Gesundheitswesen an der Universität Hongkong, geht noch einen Schritt weiter: Nach seiner Meinung besitzt Covid-19 am Ende gar das Potenzial, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zu infizieren.

Allzeithochs überall: Börse blendet Coronavirus komplett aus

Keine Frage: Zumindest in der zweitgrößten Weltwirtschaft herrscht seit Wochen der totale Ausnahmezustand, doch an den Finanzmärkten wird die Entwicklung überraschenderweise praktisch komplett ausgeblendet. Erst am Freitag markierte der Dax bei 13.789 Punkten ein neues Allzeithoch, während der Dow Jones in den USA im Wochenverlauf ebenfalls auf neuen Rekordständen notierte und nur noch zwei Prozent vom Durchbruch durch die historische 30.000-Punktemarke entfernt ist.

Die Börseneuphorie passt damit so gar nicht mit der Zuspitzung der Virusverbreitung zusammen. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte das weltweite Wirtschaftswachstum wegen der Folgen von Covid-19 einen Rückgang von 0,1 oder 0,2 Prozentpunkten erfahren.

Beunruhigende Signale aus Asien

Aus Singapur sind unterdessen bereits beunruhigendere Signale zu vernehmen. So könnte der Tigerstaat, der durch seine enge Verbindung zu China, aber auch vom ausbleibenden Tourismus betroffen sein dürfte, in diesem Jahr erstmals seit der Finanzkrise 2008 wieder in die Rezession rutschen.

Konzernchefs rund um die Welt warnten zuletzt in ungewohnt deutlichen Worten vor den bislang völlig unklaren Folgen der neuartigen Erkrankung. Apple-CEO Tim Cook erklärte etwa Ende Januar am Rande der jüngsten Quartalsbilanz: “Es gibt mehr Unklarheit, es ist eine sehr ungewisse Situation”, sagte Cook in Bezug auf das neuartige Virus, für das der wertvollste Tech-Konzern der Welt aufgrund seiner engmaschigen Lieferkette nach China in der Produktion besonders anfällig erscheint.

Alibaba-CEO Daniel Zhang: Coronavirus kann zum „Black Swan-Event“ werden

Auch Alibaba-CEO Daniel Zhang wählte in der vergangenen Woche bei der Bilanzvorlage deutliche Worte. So warnte der Vorstandschef des wertvollsten Konzerns aus dem Reich der Mitte davor, dass die Ausbreitung des Coronavirus “signifikante Folgen für Chinas Volkswirtschaft” haben und den E-Commerce-Gigant selbst kurzfristig vor “neue Herausforderungen” stellen dürfte.

Der Nachfolger von Jack Ma ging sogar noch einen Schritt weiter und sprach von einem möglichen „Black Swan-Event“ – einem an sich höchst unwahrscheinlichen Ereignis, das beim Eintreten drastische Folgen für die Weltwirtschaft haben könnte.

Parallelen zur Finanzkrise 2008

Das letzte Mal, als der schwarze Schwan an den Weltbörsen gesichtet wurde, ging die Investmentbank Lehman Brothers 2008 pleite, und die Finanzwelt blickte in den Abgrund. Binnen wenigen Wochen war aus einem singulären Ereignis, das niemand im Vorfeld für möglich gehalten hätte, eine System-, dann Finanz- und schließlich eine regelrechte Weltkrise geworden, die am Ende zu einem dramatischen Börsencrash, einer Wertvernichtung von acht Billionen Dollar und zahlreichen Zwangsverstaatlichungen von Banken führte. Auch seinerzeit ignorierte der Markt die anhaltenden Alarmsignale der aufziehenden Immobilienkrise, was das von Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb getaufte Phänomen erst begünstigte.

Die Parallelen zu 2020 scheinen zumindest frappierend: Die Finanzmärkte haben ein traumhaftes Börsenjahr 2019 hinter sich und zeigen auch 2020 offenkundig keine Ermüdungserscheinungen. Der Bullenmarkt läuft immer weiter und zeigt dabei teilweise – wie zuletzt bei der schier unendlichen Tesla-Rally – bereits exzessive Auswüchse, die an die Millenniumshausse erinnern.

Marktexperten beunruhigt

Auf die Gefahr wird von hochkarätigen Marktbeobachtern immer wieder hingewiesen. „Das chinesische Verbrauchervertrauen wird vermutlich deutlich länger eingebeult sein als die Weltbörsen derzeit glauben“, gibt etwa der Vermögensverwalter Jim Collins beim Finanzinformationsdienst RealMoney zu bedenken.

Erste Effekte sind unterdessen unmittelbar spürbar. Die Auslieferungen von Volkswagen in China – dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt – sind im Januar um gleich mehr als 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt eingebrochen. Trotzdem notiert die Aktie des größten deutschen Autoherstellers gerade mal fünf Prozent tiefer als noch zu Jahresbeginn.

Wenn der schwarze Schwan diesmal im Handelssaal aufkreuzt, können Anleger zumindest nicht behaupten, sie wären nicht gewarnt gewesen.