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Die Coronakrise beschleunigt das Ende der Ära der Filialen

·Lesedauer: 6 Min.

Die Deutsche Bank gibt jede fünfte Geschäftsstelle auf. Auch die Commerzbank plant einen drastischen Filialabbau. Grund dafür sind vor allem zwei Entwicklungen.

Genau 511 Filialen zählt die Deutsche Bank derzeit. In der Coronakrise hatte sie rund 200 vorübergehend geschlossen, längst sind alle wieder geöffnet. Doch dabei bleibt es nicht: Das größte deutsche Geldhaus will zeitnah jede fünfte Geschäftsstelle aufgeben – und dieses Mal dauerhaft.

Die Pläne des größten heimischen Geldhauses verdeutlichen, dass die Coronakrise den ohnehin seit Jahren anhaltenden Filialschwund noch einmal beschleunigt. Auch von anderen Geldhäusern ist bekannt, dass sie im großen Stil Filialen schließen – und damit auf die Pandemie reagieren. Ralph Hientzsch, Geschäftsführer der Beratungsfirma Consileon, geht davon aus, dass der Trend weiterhin „ganz klar in Richtung weniger Filialen“ geht.

Für die Deutsche Bank gilt das auf jeden Fall: Ziel sei die Zahl von 400 Filialen, erläuterte Philipp Gossow, Leiter des Privatkundengeschäfts der Marke Deutsche Bank, am Dienstag auf der Handelsblatt-Tagung „Zukunft Retail Banking“. Bei den geplanten Schließungen von rund 20 Prozent aller Geschäftsstellen geht es Gossow zufolge vor allem um Innenstädte, wo die Deutsche Bank mit mehreren Filialen präsent ist. Dort sehe man „Konsolidierungschancen“.

Das Geldhaus strebe den Filialabbau „so schnell wie möglich“ an, betonte der Manager. Zur Frage, wie viele Jobs durch die neuerlichen Filialstreichungen wegfallen können, wollte sich Gossow nicht äußern.

Nach Einschätzung von Consileon-Chef Hientzsch hätte die Deutsche Bank sogar noch weiter gehen können. Andere private Geldhäuser kämen in Deutschland mit weniger als 400 Filialen aus. Mit gut 300 Geschäftsstellen sei man „gut unterwegs“ und könne die flächendeckende Versorgung sicherstellen.

Immer mehr Kunden nutzen Onlinebanking

Für die Tempoverschärfung der Banken beim Filialabbau gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen steigt der Kostendruck immer weiter, weil die Geldhäuser infolge der Corona-Pandemie mit mehr faulen Krediten und schrumpfenden Gewinnen rechnen müssen. Auch die Negativzinsen in der Euro-Zone gelten als dauerhafte Belastung. Durch Filialschließungen versuchen die Geldhäuser, Kosten zu senken.

Zum anderen führen die Digitalisierung des Geschäfts und die zunehmende Nutzung von Onlinebanking dazu, dass Filialen zusehends verwaisen. Auch wenn es noch keine detaillierten Zahlen für die Branche gibt – Beobachter gehen davon, dass im Zuge der Coronakrise mehr Kunden denn je ihre Bankgeschäfte per Internet erledigen. Je nach Umfrage erklären bis zu etwa 90 Prozent der Verbraucher, dass sie digitale Banking-Angebote nutzen.

Gossow nannte als Hintergrund für den erneuten Filialabbau, dass die Kunden Online- und Mobile Banking mehr nutzen würden als zuvor. „Ich glaube, Kunden wollen mehr Beratung, aber Beratung wird mehr außerhalb der Filiale stattfinden.“

Zudem könnten viele einfache Beratungsprozesse automatisiert werden. Die Deutsche Bank hat sich in den vergangenen Jahren bereits von einem erheblichen Teil des Filialnetzes getrennt. Im Jahr 2010 hatte die Bank noch 835 Geschäftsstellen.

Auch mit Blick auf die gesamte Branche wird der Filialschwund deutlich. Die Zahl der Geschäftsstellen ist bundesweit auf knapp 27.000 per Ende 2019 gesunken – nahezu ein Drittel weniger als zehn Jahre zuvor. Die Beratungsfirma Moonroc rechnet sogar mit einem weiteren Rückgang in Richtung 11.000 im Jahr 2030. Moonroc-Partner Torsten Stuska erklärt: „Es braucht für einfache Dienstleistungen keine Bankfilialen mehr.“

Selbst die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zeigte Verständnis für das Vorhaben der Deutschen Bank, pocht aber auf die Rechte der Mitarbeiter. Jan Duscheck, Verdi-Fachgruppenleiter Banken, hält es „grundsätzlich für richtig“, dass die Deutsche Bank ihr Filialnetz überprüfe und weiterentwickele. „Dies darf aber keine reine Kosteneinsparmaßnahme bleiben.“ Zudem müssten die Belange der Beschäftigten berücksichtigt werden. „Diese sind durch einen Tarifvertrag nicht nur vor Kündigungen geschützt, sondern es gibt auch Zumutbarkeitskriterien für die Versetzung an andere Standorte“, betonte Duscheck.

Wenn die Geldhäuser im Zuge von Filialschließungen erheblich Kosten einsparen wollen, dürfte das allerdings nur mit einem deutlichen Jobabbau möglich sein. Die Bundesbank hat gerade erst festgestellt, dass trotz der Konsolidierung in Teilen der Branche und trotz der Ausdünnung des Filialnetzes Personalaufwendungen im Schnitt noch fast 50 Prozent der gesamten Verwaltungsaufwendungen ausmachen. Bei Sparkassen sind es sogar 62 Prozent, bei Genossenschaftsbanken 57 Prozent. „Dies spiegelt im Wesentlichen deren personalintensives Geschäftsmodell mit vielen Filialen in der Fläche wider“, so Duscheck.

Dabei zeichnet sich ab, dass sich kaum eine Bank der Tendenz zu weniger Filialen entziehen kann. Andreas Martin, Vorstand des Genossenschaftsverbands BVR, geht davon aus, dass es auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken in den kommenden Jahren weitere Filialschließungen und Zusammenlegungen geben wird.

Die Commerzbank will besonders viele Filialen schließen

„Natürlich wird diese Konsolidierung weitergehen“, sagte Martin am Mittwoch bei einer Konferenz in Frankfurt. „Aber es wird immer Teil der genossenschaftlichen DNA sein, dass eine Erreichbarkeit der Filialen gegeben ist, die dem Kunden zeigt: Wir sind hier vor Ort.“ Für die teils sehr kleinen Genossenschaftsbanken wie auch für die Sparkassen gehört die Präsenz und damit auch die Sichtbarkeit in ihrem Geschäftsgebiet zum Selbstverständnis.

Besonders kräftig will die Commerzbank ihr Filialnetz im Zuge ihrer neuen Strategie eindampfen – womöglich fällt unterm Strich die Hälfte der Geschäftsstellen weg. Von den aktuell 1.000 Filialen sollen Finanzkreisen zufolge 800 erst einmal dichtgemacht werden. Im Gegenzug will die Bank dann 300 bis 400 Mini-Filialen mit nur wenigen Mitarbeitern einrichten.

Commerzbank-Bereichsvorstand Arno Walter betonte, dass sich die Bank die Wirtschaftlichkeit einzelner Geschäftsstellen im Detail ansieht. „Man muss sehr genau schauen, für welche Themen und an welchen Standorten lohnen sich Filialen“, sagte er.

Grundsätzlich ist Walter überzeugt, dass es auch in zehn Jahren noch Filialen geben wird, weil Kunden gerade bei langfristigen Entscheidungen wie einer Baufinanzierung oder der Altersvorsorge nach wie vor den persönlichen Kontakt schätzen. „Viele Kunden wollen nach wie vor Beratung“, sagte Walter. „Unser Problem ist: Sie wollen oft dafür nicht bezahlen.“ Deshalb müssten die Banken die Beratung effizienter gestalten.

Consileon-Manager Hientzsch glaubt, dass Filialen „weiterhin ein Anlaufpunkt für Kunden sein können“. Die Voraussetzung dafür sei, „dass die Angebote in der Filiale komplett verzahnt sind mit dem Onlinebanking. Es darf keinen Bruch zwischen Filiale und Onlinebanking geben.“ Berater Stuska von Moonroc erwartet ebenfalls, dass Kunden für komplexe Geschäfte wie den Abschluss einer Baufinanzierung weiterhin in die Filiale kommen werden.

An ihren Geschäftsstellen festhalten will auch die Deutschlandtochter der spanischen Großbank Santander. Derzeit hat die Bank hierzulande gut 200 Geschäftsstellen. Fernando Silva, Vorstand der Santander Consumer Bank in Deutschland, sagte, es gebe sogar vier oder fünf Standorte, „wo wir keine Präsenz haben“. Daher könnte es auch sein, dass die Bank die Zahl der Filialen leicht erhöht.

Freie Filialflächen in Innenstädten dürfte es für die Expansionspläne der Spanier sicher an der einen oder anderen Stelle geben.