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Die Coronakrise beschleunigt den digitalen Wandel im Gesundheitssystem

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Die Lehren aus der Coronakrise könnten einer Studie zufolge die Digitalisierung um Jahre vorantreiben. Dadurch entstünden neue Herausforderungen.

Digitale Gesundheitsangebote erreichen in der Pandemie zunehmend den Alltag: Mehr als 18 Millionen Menschen in Deutschland haben die Corona-Warn-App heruntergeladen, mehr als 25.000 Arztpraxen boten Videosprechstunden an. Branchenkenner sehen diese Entwicklung weltweit – und sind überzeugt, dass der digitale Wandel im Gesundheitssystem als Folge der Coronakrise deutlich schneller voranschreiten wird.

In einer Befragung der Unternehmensberatung Roland Berger unter mehr als 500 Insidern aus unterschiedlichen Bereichen der Gesundheitswirtschaft äußerten 78 Prozent die Erwartung, dass sich der Digitalisierungsprozess um mindestens zwei Jahre beschleunigen werde.

Dabei geht es um viel Geld. Die Experten aus Versicherungen, Medizin, Pharmabranche und Tech-Industrie prognostizieren, dass 2025 im Schnitt zwölf Prozent aller Gesundheitsausgaben auf digitale Angebote entfallen. Auf Deutschland bezogen sei das ein Markt im Volumen von 57 Milliarden Euro pro Jahr, heißt es in der dem Handelsblatt vorliegenden Studie.

Neue Technologien und digitale Angebote werden nicht nur den Alltag von Patienten und die Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten verändern. Auf dem Spiel steht auch, wer künftig die Gesundheitsversorgung steuert. Ein Großteil der für die Studie befragten Experten rechnet damit, dass digitale Plattformen die traditionelle Rollenverteilung auf dem Gesundheitsmarkt zwischen Krankenkassen, Kliniken, Ärzten oder Apotheken umwälzen werden.

„Der Begriff ,digitale´ Plattform wird oft mit Amazon oder Google in Verbindung gebracht“, sagt Studienautor Karsten Neumann. „Zumindest in Deutschland und Europa gehen wir allerdings davon aus, dass es im Gesundheitswesen keine allumfassenden Plattformen geben wird.“ Das liege nicht nur an gewachsenen Strukturen, etwa der gesetzlichen Krankenversicherung, sondern auch an der Vielzahl von Anknüpfungspunkten im Gesundheitsmarkt.

Tech-Konzerne als Teil des Gesundheitssystems

„Digitale Anbieter können sich auf Videosprechstunden spezialisieren, auf die Arzneimittelversorgung oder die Vermittlung von Arztterminen“, so Neumann. „Dennoch sind auch Plattformen denkbar, die mehrere dieser Funktionen vereinen.“

Auch unter den Branchenkennern glauben nur vier Prozent, dass es auf dem digitalen Gesundheitsmarkt zu einer Monopolbildung kommen wird. Etwa die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass eine Reihe von digitalen Gesundheitsplattformen nebeneinander existieren wird. Knapp 60 Prozent erwarten allerdings, dass Tech-Konzerne wie Google oder Amazon zumindest „Teil des Gesundheitssystems wie heute Versicherungen oder Krankenhäuser“ werden.

„Die Akteure bringen im Rennen um die Zukunft der Gesundheitsversorgung unterschiedliche Stärken ein“, sagt Ulrich Kleipaß, Mitautor der Studie. „Die großen Technologiekonzerne verfügen über einen immensen Datenschatz.“ Die Analyse dieser Daten könne für Angebote genutzt werden, die treffsicherere Diagnosen stellen oder Krankheitsrisiken vorhersagen.

Doch auch etablierte Akteure im Gesundheitssystem haben Vorteile. „Eine medizinische Plattform funktioniert nicht nur digital, man braucht auch Anlaufpunkte vor Ort“, sagt Neumann. „Irgendwann müssen die Patienten für eine Behandlung zum Arzt oder ins Krankenhaus, das geht dann nicht nur über Apps.“ Eine gute Ausgangslage für den Aufbau von digitalen Plattformen im Gesundheitswesen haben demnach Krankenkassen, weil sie bei ihren Versicherten die gesamte Versorgungskette überblicken.