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Das ist die beste deutsche Aktie 2020 – und da ist noch mehr drin

·Lesedauer: 12 Min.

Zum Jahresende erreicht der Dax einen neuen Rekordstand. Doch die beste Aktie Deutschlands ist gar nicht in ihm vertreten. Welche Aktie nahezu 800 Prozent Plus gemacht hat und wie die Zukunftsaussichten sind.

Redaktionskonferenz, großes gemeinsames Nachdenken: Was können wir den Usern noch so bieten bis zum Jahreswechsel? Chefredakteur: „Was war denn die erfolgreichste Aktie des Jahres?“ Schulterzucken. Im Dax der Neueinsteiger, der Lieferdienst Delivery Hero, weiß unser Dax-Guru Anton Riedl, Nickname: „Kurven-Toni“ – weil er Aktiencharts liebt und Motorrad fährt.

Wir wollen es genauer wissen. Was ist die beste deutsche Aktie – Pennystocks, die zu Centbeträgen handeln und deren Kurse erratisch schwanken, einmal außen vorgelassen. Riedl wirft den Bloomberg an, das Terminal des New Yorker Datenanbieters, in dem alles steckt, was man über Aktien wissen will, und screent die Märkte.

1. Schritt: Analyseobjekt finden

Schnell kommt das Ergebnis. „Nach vorläufiger, kurzer Recherche“, schreibt Riedl – vorläufig, weil Dividenden müsste man noch einbeziehen, aber angesichts der großen Prozentzahlen würden die nichts mehr am Ergebnis ändern. Er schickt mir seine Berechnungen.

Im Dax ist Lieferdienst Delivery Hero einsame Spitze: In zwölf Monaten (seit 27. Dezember 2019) plus 84 Prozent.
Im MDax gewinnt Shop Apotheke mit plus 210 Prozent. Biotech-Zulieferer Sartorius ist im TecDax unangefochten die Nummer eins: plus 79 Prozent in zwölf Monaten. Deutlich besser ist Modeversender Global Fashion Group, der Sieger im SDax: Plus 293 Prozent in zwölf Monaten.

Und jetzt kommt es: Die beste deutsche Aktie ist die Westwing Group: plus 738 Prozent seit zwölf Monaten. Sie liegt damit im CDax vorne. Riedl: „Das ist ein Internethändler für Einrichtungskram aus München, immerhin 663 Millionen Börsenwert.“

Der CDax ist der Index aller an der Frankfurter Börse gehandelten deutschen Aktien. Aktuell sind das noch gut 400, es waren schon einmal deutlich mehr, aber das ist ein anderes Thema. Selbst unter den gut 400 ist viel Schrott mit ganz wenig Börsenwert. Noch besser als Westwing waren bei denen mit mehr als 1000 Prozent die Pennystocks United Power Technologie und Solar Fabrik, „aber die sind mit einer Million Euro Börsenwert eigentlich keine richtigen Aktien,“ schreibt Riedl.

Also nehmen wir uns Westwing vor.

2. Schritt: Der erste Eindruck

Ein erster Blick auf den Chart verrät es: Die sind phänomenal gelaufen.

Vor einem Jahr sah es tatsächlich nicht so doll aus, kostete die Aktie noch keine vier Euro. Jetzt sind es an die 30. Eines der Papiere, bei denen sich jeder Anleger ärgert, nicht dabei gewesen zu sein. Aber vielleicht ist der Drops noch nicht gelutscht? Amazon oder Apple haben sich ja auch vertausendfacht. Deshalb schauen wir genauer hin.

Anfangs interessiert immer: was macht das Unternehmen überhaupt? Und was sagen potenzielle Kunden dazu?
Die Website verrät das ziemlich genau. Einrichtungsgegenstände, Wohnaccessoires, kleine Möbel, alles online. Auf der Startseite ein Popup, das penetrant dazu auffordert, Mitglied zu werden – wie schon 31 Millionen Menschen zuvor. Sales-Angebote wohl nur für Mitglieder, sie verstehen sich offenbar darauf, Kunden ihre Daten abzunehmen und die weiter zu verwerten. Auf der Seite auch ein Foto von Gründerin Delia Lachance, („ehemals Redakteurin bei Elle und Elle Decoration“). Jetzt macht es Klick– eine Quasi-Kollegin, die es finanziell irgendwie klüger angestellt hat als man selbst. Als sie sich im März in die Babypause verabschiedete, musste sie ihr Vorstandsamt niederlegen, was eine Menge Aufregung verursachte und womöglich zu einer Gesetzesänderung führen könnte.

Ich hatte damals den Verdacht, hier suche jemand einen eleganten Abgang aus einem gescheiterten Unternehmen – offensichtlich eine Fehleinschätzung. Anfang März, als Delia Lachance in die Babypause ging, stand die Aktie bei 3,80 Euro. Anfang November, als sie als zurückkehrte, bei 28 Euro. Hat Frau Lachance da auch persönlich etwas von gehabt?

Schauen wir auf die Aktionärsstruktur.

Bemerkenswert besonders: Tengelmann ist dabei, und die Samwer-Holding Rocket Internet, die gerade mit rüden Methoden Anleger herausdrückt. Westwing ist also auch eine Rocket-Gründung, Das spricht nicht unbedingt gegen die Company. Zalando oder eben Delivery Hero haben nach Startproblemen Anlegern ordentlich Geld gebracht. Rocket hält noch 29 Prozent an Westwing, Frau Lachance taucht nicht unter den Großaktionären auf.

Sie hat aber wohl zum Börsengang Stock Options bekommen und später, in 2018, 176.550 Aktien gekauft, zum Freundschaftspreis von einem Euro, und seither keine verkauft.

3. Schritt: Das Geschäftsmodell

Westwing hat ein ziemlich smartes Geschäftsmodell. Sie kaufen Dekokram und Möbel, vieles sieht verdammt danach aus, als ob es containerweise aus China kommt, und verkaufen das online über ihre Plattform. 90 Prozent der Kunden sind: Frauen. Verständlich – persönlich würde ich sagen, es ist sehr viel Kram dabei, den kein Mensch braucht. Sachen zum „Setzen, stellen, legen“, wie es eine Freundin mal nannte. Aber Frauen fahren offenbar darauf ab.

Im Netz haben sie eine ziemlich aussagekräftige Unternehmenspräsentation. Sie scheinen es ziemlich gut hinzubekommen, die Frauen, die einmal Kundinnen waren, auch zu halten. 80 Prozent der Umsätze kommen von Kundinnen, die nicht zum ersten mal bei Westwing gekauft haben. Wiederholungstäterinnen, die eine Community bilden, aus denen Westwing sie nicht so schnell entkommen lässt. 1,3 Millionen aktive Kundinnen in elf Ländern in Mittel- und Westeuropa – da ist noch Luft nach oben, es braucht keine wilde Expansion in Afrika oder Asien, wo eh´ kein Investor nachvollziehen kann, ob die gemeldeten Zahlen stimmen. 85 Prozent der Umsätze kommen von Kundinnen, die pro Jahr über 100mal auf die Seite kommen - und dementsprechend mit Sonderangeboten belohnt und insbesondere auf Social Media bearbeitet werden. Das ganze soll eher wie ein Club funktionieren.

4. Schritt : Was sagt das Archiv?

Warum haben wir bei der WirtschaftsWoche die Aktie nie empfohlen? Weil wir sie aussortiert und abgehakt hatten, nach einem phänomenal missratenen Börsengang, bei dem Rocket Internet den Hals nicht voll bekommen konnte. Mein Kollege Frank Doll schrieb damals: „Sieben Jahre nach Gründung steuert Westwing auf gut 250 Millionen Euro Umsatz zu und schreibt schwarze Zahlen, wenn Anleger einem um nicht wiederkehrende Aufwendungen und Erträge bereinigten operativen Gewinn vor Vermögensabschreibungen als Kennzahl trauen wollen“ - und riet dann: Nicht zeichnen.

Damit lag er richtig: „Abgewatscht wurde auch ein Börsenneuling. Beim Debüt des Online-Möbelhändlers Westwing gab es zwar zur Erstnotiz gleich ein Kursplus von knapp zwei Prozent, im Laufe des Vormittags sackte die Rocket-Internet-Beteiligung aber drastisch. Am Nachmittag notierte sie bis zu 13 Prozent unter ihrem Ausgabekurs von 26 Euro,“ schrieb mein Kollege Andreas Toller.

Das damals zu teure Papier sackte immer weiter ab, bis auf 1,888 Euro Ende September 2019. Und dann kam Corona: Draußen alles deprimierend, Restaurants zu, überall Menschen mit Masken, Geschäfte geschlossen, Home Office. Was liegt da näher, als sein Heim zu verschönern – und die dazu notwendigen Dinge online zu kaufen? Hätte man drauf kommen können? Aber wie gesagt, nach dem Absturz hatten wir die Aktie nicht mehr auf dem Schirm. Ein Fehler, ganz offensichtlich. Aber rechtfertigen die Zahlen den raketengleichen Aufstieg der Aktie?


Was Zahlen, Profi-Anleger und die Familie über Westwing verraten

5. Schritt: Die Zahlen

415 bis 440 Millionen Euro wollen sie in diesem Jahr umsetzen, 1500 Mitarbeiter, 5000 Lieferanten. Die Bruttomarge, also die Spanne, die sie vor Kosten verdienen, ist in diesem Jahr von 45 auf phänomenale 49 Prozent gestiegen. Marketing- und Verwaltungskosten gehen zurück, sie scheinen ihre Prozesse wirklich im Griff zu haben. Keine teuren Übernahmen. Okay, der operative Gewinn ist ein wenig bereinigt worden, um Einmaleffekte und vor allem die Kosten der aktienbasierten Vergütung – Frau Lachance und diverse andere Mitarbeiter sollten eben auch vom Aktiengewinn profitieren. Es sei ihnen gegönnt. Ein gutes Zeichen: Viele Banken haben die Aktie noch nicht auf dem Zettel, gerade mal vier Analysten beobachten das Papier, sagt Bloomberg.

Einer Präsentation vor Analysten in Frankfurt entnehme ich: Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen (Ebitda) soll auf 37 bis 48 Millionen Euro steigen, das entspricht einer Gewinnmarge von neun bis elf Prozent. Auch der letzte Quartalsbericht sieht beeindruckend aus.

Binnen neun Monaten 55 Prozent Umsatzplus, Ergebnis ins Plus gedreht, 53 Millionen freier Mittelzufluss, und jetzt stolze 91 Millionen Euro Cash in der Kasse, fast ein Sechstel des Börsenwerts, – ein ordentliches Polster, die Eigenkapitalquote jetzt solide über 40 Prozent. Auch die Bilanz offenbart keine besonderen Auffälligkeiten.

6. Schritt: Was sagen die Profis?

So richtig gut mit Bilanzen kennt sich in der Redaktion Christof Schürmann aus, stellvertretender Ressortleiter, der sogar mal ein Buch darüber geschrieben hat („Die Bilanztrickser“). Also soll er mal draufschauen. Die Antwort kommt schnell, Christof bestätigt meinen Eindruck. „Nichts Bewegendes gefunden. Sieht insgesamt gar nicht übel aus. Cash, Eigenkapital, Finanzierung usw. Selbst operativ läuft das ja inzwischen sehr ordentlich.“ Für seine Verhältnisse schon ein fast überschwängliches Lob.

Jetzt rufe ich Peter Conzatti an, lange Jahre Fondsmanager in Frankfurt, ein Top-Spezialist in Sachen kleinerer europäischer Aktien. „Kennen Sie Westwing“. Klar kennt er sie, und hat sie auch gekauft, im Frühjahr, für den damals von ihm gemanagten Fonds bei Lupus Alpha. „Ich habe sie damals zu 2,50 bis 4 Euro gekauft,“ sagt er, „das war ein No Brainer, Market Cap unter Cash.“ Ich übersetze: Man brauchte keine Intelligenz, um die Aktie zu kaufen, denn sie hatten schon damals mehr Geld in der Kasse, als alle Westwing-Aktien zusammen an der Börse wert waren.

Nur dass die Aktie jetzt eben nicht mehr bei 2,50, sondern bei 30 steht. „Wer die sehr gut kennt, ist Markus Scharhag,“ sagt Conzatti. „Der war im Frühjahr der einzige, der an ihr festgehalten und sie empfohlen hat.“ Scharhag ist im Sales-Team beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser – einer der Menschen, die zum Beispiel Fondsmanagern wie Conzatti gute Ideen verkaufen. Die Investoren lassen ihre Aufträge dann im Gegenzug über die Bank laufen, woran diese verdient. Ich rufe ihn an:

Herr Scharhag, was halten Sie von der Westwing-Aktie?
Markus Scharhag: Viel. Im Investmentbanking von Hauck & Aufhäuser haben wir das Potenzial der Westwing schon sehr früh erkannt, als man die Aktie noch für weniger als ihren Kassenbestand kaufen konnte – trotz validem Geschäftsmodell und einigen Umstrukturierungen. Es hat sich zu der Zeit kaum jemand dafür interessiert. Die Aktie ist trotzdem immer noch sehr billig.

Billig, nach fast 800 Prozent Plus?
Ein vergleichbarer Wettbewerber ist Wayfair, aus den USA, die auch auf dem deutschen Markt sind. Okay, sie sind deutlich größer, haben fast 30 Milliarden Dollar Börsenwert. Aber ihr Enterprise Value...

...das ist der Börsenwert plus Schulden minus liquide Mittel, also das, was ein Aufkäufer in die Hand nehmen müsste.
Genau. Und der liegt beim über 35-Fachen des Ebitda.

Und Westwing?
Beim Zehnfachen. Der Wettbewerber ist also mindestens dreimal so teuer.

Haben Sie noch eine Vergleichsgröße?
Enterprise Value zum Umsatz. Kleidungshändler Zalando kostet so viel wie der doppelte Jahresumsatz. Westwing bekommen sie fast zum Faktor eins.

Warum war die Aktie so abgestürzt?
Sie waren eines der Unternehmen, die beweisen mussten, dass sich Onlinehandel auch in Deutschland durchsetzt. Nach dem Börsengang haben sie zweimal mit ihren Ergebnissen enttäuscht, daraufhin haben alle großen Broker sie fallen gelassen. Die großen Anleger aus London haben die Aktie bei zwei Euro rausgeworfen. Alle haben gesagt, das sei der letzte Dreck. Doch sie haben an ihren Prozessen gearbeitet, zum Beispiel Auslieferungslager nach Polen verlegt und Kosten gespart. Und dann kam Corona.

Davon haben sie enorm profitiert.
Ja. Corona hat dem ganzen Investment Case massiv in die Karten gespielt. Das Unternehmen hat jetzt schon die Ziele erreicht, die sie 2024 erfüllen wollten.

Und jetzt?
Die Frage ist: was passiert nach Corona? Vieles wird nicht mehr so sein, wie es mal war. Der Mensch ist faul. Wenn ich einen Account bei einem Online-Händler habe, dann werde ich ihn auch nutzen, selbst wenn die Läden wieder auf sind. Dass die Leute stundenlang durch Ikea irren und an der Kasse Schlange stehen, das wird so nicht mehr sein. Andere Sachen werden zurückkommen. Restaurants zum Beispiel. Ich kann den Lieferdienst-Fraß nicht mehr sehen – bei den Aktien der Lieferdienste wäre ich vorsichtig.

Und bei Westwing?
Sie sind super positioniert und super günstig. Die Plattform wird weiter wachsen, aber natürlich nicht ansatzweise so stark wie in diesem Jahr.

Also kaufen?
Mir persönlich sind Internetwerte zu heiß gelaufen. Ich würde generell Rücksetzer abwarten. Westwing ist allerdings aus meiner Sicht fundamental immer noch ein klarer Kauf.

7. Schritt: Der Alltagstest

So weit die Profis. Ich teste Investmentideen gern privat. Bei Flugzeugturbinen ist das eher schwierig, hier aber nicht. Also dann: Auf Seite 27 ihrer Präsentation zeigen sie etwa, was die real existierende Kundin Helene L. aus Augsburg in der letzten Zeit so bestellt hat. Tischchen, Rähmchen, Bilder, Kissen, Kännchen. Ich zeige das meiner Frau. .„Würde ich nicht geschenkt nehmen“, teste ich mich vor. „Lauter überflüssiges Zeug“, stimmt sie mir zu, „obwohl“... – sie schaut noch mal genauer hin, – „die Lampe sieht doch gar nicht schlecht aus, und die da ist doch ganz schön“. Sie scrollt zurück auf Seite 23 der Präsentation. Auch „Sofa Lennon“ für 1599 Euro findet ihre Zustimmung. Es zählt zu den Bestsellern von Westwing.

Besonders erfreulich für Aktionäre: die Firma verkauft es unter eigenem Label – das heißt, die Gewinnmarge dürfte hier auch besonders hoch sein.

Ich starte noch einen zweiten Alltagstest, frage meine Tochter (22): „Kennst Du Westwing?“ „Klar.“ Sie zitiert den Spruch eines Freundes: „Jedes Zimmer von Frauen mit Mitte 20 ist eine Mischung aus Ikea, Westwing und einem alten Schrank von der Oma.“ Warum ich frage, will sie wissen. „Ich schaue die Aktie an,“ sage ich. „Sofort kaufen“, sagt sie. Alltagstest bestanden.

Fazit: Ein Coronaprofiteur mit guter Langfristperspektive und klarem, gut skalierbaren Geschäftsmodell – mit viel Cash auf der Bank und immer noch günstiger zu haben als viele andere Internetplattformen.