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Was Anleger jetzt über die Tesla-Aktie wissen sollten

Kaum eine Aktie hat zuletzt einen solchen Höhenflug erlebt. Nach den Quartalszahlen vom Vortag gab es einen weiteren Kurssprung. Was trauen Experten dem Tesla-Papier noch zu?

Die Szene hat Symbolwert. Begleitet von Standing Ovations legte Tesla-Boss Elon Musk Anfang Januar in Schanghai zu den Klängen des Nummer-eins-Hits „More than you know“ eine unerwartete Tanzeinlage aufs Parkett. Unter dem Gejohle des aufgekratzten Publikums hopste er ungelenk und grinsend über die Bühne, warf das Mikrofon und sein Sakko ab und ließ sich und Tesla für die ersten Model-3-Auslieferungen aus der Gigafactory des Unternehmens in China feiern.

Die gute Laune von Musk kommt nicht von ungefähr. In der Nacht zum Donnerstag berichtete Musk von einem vierten Quartal 2019, das alle Überwartungen übertraf. Der Umsatz im vierten Quartal lag mit 7,36 Milliarden Dollar weit über den Erwartungen und dem Vorjahr. Das bereinigte Ergebnis pro Aktie lag mit 2,14 Dollar über den erwarteten 1,74 Dollar.

Die Auslieferungen im neuen chinesischen Werk kommen schneller auf Touren als erhofft, die Produktion des kommenden Modells Z soll noch 2021 starten. Die Fahrzeugproduktion im laufenden Jahr werde „locker“ die Marke von 500.000 überschreiten, versprach Musk. Die Börse reagierte darauf mit einem nachbörslichen euphorischen Kurssprung von bis zu sieben Prozent auf bis zu 620 Dollar.

Was für ein Kontrast: Im vergangenen Sommer wurde noch laut spekuliert, ob es Tesla in einem Jahr noch geben werde. Der renommierte New Yorker Professor Scott Galloway schockte die Fans des Autobauers mit der Ansage, dass der Elektroauto-Pionier vor dem vorzeitigen Ende stehe. Doch diese Sorgen sind zerstoben. Inzwischen hat Teslas Börsenbewertung in den USA die des wesentlich größeren Herstellers VW übertroffen.

Tesla steht nunmehr mit deutlich mehr als 100 Milliarden Dollar Börsenwert unangefochten auf Platz zwei der wertvollsten Autohersteller, übertroffen nur noch von Toyota mit über 200 Milliarden Dollar. Andere große alte Namen der Branche wie GM, Ford, Daimler oder BMW hat Tesla schon länger hinter sich gelassen.

Doch der rasante Aufstieg wirft auch Fragen auf. Tesla hatte bisher den fulminanten Kursanstieg vor allem unerwartet guten Zahlen im dritten Quartal zu verdanken. Die Ralley startete richtig, nachdem Tesla im dritten Quartal einen Gewinn von 143 Millionen Dollar verkündete.

Doch während Volkswagen 2019 knapp elf Millionen Autos weltweit verkaufte, waren es bei Tesla lediglich 367.500. VW ist bis heute mit Marken wie Porsche, VW, Scania, Bugatti und Audi der größte Hersteller der Welt. Dennoch billigt die Börse dem US-Autobauer einen vergleichsweise höheren Börsenwert zu.

Viele Anleger fragen sich inzwischen, ob dieser hohe Börsenwert wirklich gerechtfertigt ist. Nicht jeder ist davon völlig überzeugt. Erste Analysten wie Adam Jonas von Morgan Stanley raten indirekt zum Verkauf der Aktie. Jonas stufte Tesla von „marktgewichten“ auf „untergewichten“ herab, rät also dazu, eher einen Teil der Positionen abzubauen.

Fundamental hat sich nicht viel geändert

Tatsächlich wirkt der Kursanstieg fast unheimlich und schreit geradezu nach Gewinnmitnahmen. Immerhin konnten Tesla-Anleger in nur drei Monaten ein Plus von über 100 Prozent erzielen. Gleichzeitig haben sich in diesem Zeitraum die Fundamentaldaten nicht in dem Maße verändert, dass sie einen Anstieg auf über 100 Milliarden Dollar rechtfertigen könnten. Sehr viel Wachstum hat die Börse also bereits vorweggenommen. „Die automobile Weltherrschaft, so könnte man auch sagen, ist bei der Firma von Elektro-Pionier Elon Musk schon heute eingepreist“, unkte vor wenigen Tagen das „Manager Magazin“.

Doch es gibt auch Optimisten, die durchaus Potenzial für noch höhere Kurse sehen. „Unserer Meinung nach liegt das neue langfristige Bullenszenario bei 900 Dollar, wobei Teslas Fähigkeit, die Produktion und Nachfrage in der Schlüsselregion China im Laufe von 2020/21 zu steigern, ein wichtiger Schwingungsfaktor für den Bestand ist“, sagte Wedbush-Analyst Daniel Ives vor wenigen Tagen. Auch der deutsche Investor Frank Thelen prognostiziert, dass Tesla schon sehr bald seine Marktkapitalisierung verdoppeln werde und Volkswagen und BMW bedeutungslos würden.

Denn Tesla sei der deutschen Autoindustrie in Sachen E-Mobilität meilenweit voraus, schrieb er jüngst im Handelsblatt. So würden die Amerikaner diesen März die nächste Batteriegeneration vorstellen und damit ihren technologischen Abstand sehr wahrscheinlich um ein Vielfaches vergrößern.

Die Meinungen gehen also sehr auseinander. So sind die Tesla-Kurse derzeit vor allem eine große Wette auf die Zukunft - und beinhalten sehr viel Spekulation. Denn trotz des unbestrittenen Erfolgs, den der E-Auto-Hersteller vorweisen kann, ist Tesla derzeit die am meisten geshortete Aktie der Wall Street, noch vor Apple. Es gibt also viele, die gegen die Aktie wetten.

Mit Leerverkäufen oder Short-Positionen versuchen Investoren, von fallenden Kursen bei Aktien wie Tesla zu profitieren – ohne dass die Papiere im Portfolio sind. Ein Shortseller verkauft, vereinfacht ausgedrückt, Aktien, die er oft nicht besitzt, sondern nur geliehen hat, in der Erwartung, dass die Kurse drastisch fallen. Dann kann er die Papiere günstig wieder zurückkaufen. Die Differenz ist sein Gewinn.

Aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen, wenn eine Aktie weiter steigt, so wie im späten Mittwochshandel in den USA. Die Kosten für den Aktienrückkauf steigen dann deutlich, die Shortseller werden nervös, oder ihnen geht schlicht das Geld aus. Dann müssen sie um jeden Preis die Papiere im Markt wieder einsammeln, um die Verluste zu begrenzen. Kommt dann noch eine enthusiastische Kauflust von langfristigen und institutionellen Investoren dazu, steigen die Kurse immer weiter. Die Shortseller müssen kaufen, was sie kriegen können und werden praktisch aus dem Markt „herausgequetscht“. Ein Short-Squeeze wird das in der Finanzszene genannt.

Bei Tesla haben in den vergangenen sieben Monaten Spekulanten nach Berechnungen der Finanzanalysefirma S3 Partners mit Short-Positionen bereits mehr als acht Milliarden Dollar verloren. Viele mussten deshalb zurückkaufen – und trieben die Aktie so weiter nach oben. Das scheint auch in der Nacht zum Donnerstag ein bedeutender Faktor hinter dem massiven Anstieg von über sieben Prozent nach Veröffentlichung der guten Zahlen gewesen zu sein. Bei den Shortsellern geht die Angst um.

Das Problem: Ein Short-Squeeze ist normalerweise nur ein kurzes Strohfeuer. Sind die Panikkäufe gedeckt und die Langfristanleger gut bestückt, kommt die Aktie auf den Boden der langweiligen Börsenrealität zurück, und es zählen vor allem wieder die Fundamentaldaten.

Im Vergleich zu den Branchengrößen bleibt Tesla allerdings vorerst ein Winzling – allerdings mit großem Potenzial. Gerade der Umsatz der Amerikaner verlangt jedoch nach einer kräftigen Steigerung. Gemessen an den erwarteten Umsätzen auf die kommenden zwölf Monate ergibt sich laut Researchfirma Refinitiv folgendes Bild: Toyota 276 Milliarden, VW 283 Milliarden und Tesla 31 Milliarden Dollar.

Viele Vertreter der deutschen Autoindustrie halten die Bewertung von Tesla deshalb nur für eine Blase, die über kurz oder lang platzen wird. Aber die Zuversicht in der Finanzbranche wächst, dass dieser kleinen Firma, die immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen hat, auf lange Sicht etwas ganz Großes gelingen könnte. Zumal sich die Branchengrößen schwerer tun als gedacht.

So teilte Mercedes seinen amerikanischen Händlern im vergangenen Dezember mit, dass der elektrische Mercedes EQC erst im Jahr 2021 sein Nordamerika-Debüt feiern wird – und damit ein Jahr später als ursprünglich geplant. Auch der neue Porsche E-Renner Taycan, der bei VW der Tesla-Jäger Nummer eins werden sollte, tat sich in einem Vergleichstest in den USA gegen Tesla zuletzt schwer. Im Verbrauchstest der US-Umweltbehörde EPA enttäuschte der Stuttgarter mit einem hohen Energieverbrauch, der zu einer deutlich geringeren Reichweite von 323 Kilometern führte.

Analysten heben Kursziele an

Viele Analysten blicken vor diesem Hintergrund mit neuer Zuversicht auf Tesla. Ein gutes Dutzend Investmenthäuser hat seit Jahresbeginn seine Kursziele oder Ratings für Tesla nach oben angepasst, um mit den Kurssprüngen mitzuhalten. Banken wie Credit Suisse, die zu „verkaufen“ raten, kommen in Erklärungsnot.

Die Schweizer erachten die hohe Schwankungsbreite als ausschlaggebend. Tesla sei eine „extrem volatile Momentum-Aktie“ mit riesigen Schwankungen und deshalb selbst dieser Kurshype nicht durch eine langfristige Bewertung gedeckt. Das Kursziel wurde dennoch von 200 auf 340 Dollar hochgesetzt.

Von den 38 Analysten, die laut Bloomberg Tesla regelmäßig beobachten, empfehlen derzeit nur neun das Papier zum Kauf, weitere elf, die Aktie zu halten – aber 18 Experten raten zum Verkauf. Rund die Hälfte der Experten ist damit skeptisch, was das Potenzial der Aktie angeht.

Auch die unabhängige Researchfirma CRFA hat ihre Bewertungen für Tesla gesenkt und verweist schlicht darauf, dass die Aktie vor sieben Monaten gerade mal bei 177 Dollar stand. Es ist also keine Misstrauenserklärung gegen Tesla, sondern einfach der Rat von Experten, vielleicht einfach mal Gewinne mitzunehmen.

Das Analysehaus RBC hob nach den Zahlen das Kursziel für Tesla nach der Vorlage der Zahlen zwar auf 530 US-Dollar an, aber beließ die Einstufung auf „Underperform“. Der Elektroautobauer habe gute Resultate vorgelegt, die allerdings bereits im Kurs überdeutlich eingepreist seien, schrieb Analyst Joseph Spak.

Anpassungen bei den Analysten

Analyst Ives von Wedbush sieht sich dagegen in seinem Optimismus bestärkt. „Wir glauben, dass das Erreichen der wichtigen Schwelle von 500.000 Auslieferungen in Reichweite ist, da Tesla nach unserer Analyse des chinesischen Nachfrageszenarios das Potenzial hat, die schwer zu erreichende Marke von einer Million Auslieferungsfahrzeugen zu erreichen, möglicherweise zwei Jahre vor unseren ursprünglichen Prognosen für 2024“, schrieb der Experte in einer ersten Analyse und erneuerte sein Preisziel für die Aktie von 900 Dollar. Im Laufe der nächsten Tage werden sicher weitere Analysten Anpassungen an ihren Prognosen vornehmen, nachdem sie das Zahlenwerk genauer durchgearbeitet haben.

New-Street-Analyst Pierre Ferragu hat sich seine grundsätzliche Meinung jedoch schon gebildet. Er glaubt, dass Tesla diese Herausforderungen meistern wird: „Der Technologievorsprung von Tesla ist existent“, konstatiert er und sieht vor allem die Verbesserungen bei den Margen, in der Produktion und beim freien Cashflow als wichtige Indikatoren. Ein Free Cashflow sei wichtig, um anstehende Verbindlichkeiten und fällige Kredite zu bezahlen.

Ferragu, der schon seit Jahren als „Tesla-Bulle“ bekannt ist, legt sogar noch nach: „Wir bleiben bei unseren Vorhersagen“, schreibt er. Tesla werde demnach ab 2025 zwei bis drei Millionen Autos pro Jahr verkaufen und das zu den höchsten Gewinnmargen der Branche, was „einen Börsenwert von 250 bis 350 Milliarden Dollar“ rechtfertigen würde. Sein Kursziel für die Tesla-Aktie: 800 Dollar.

Einen Menschen dürfte es besonders freuen, wenn Ferragu recht behalten sollte: Elon Musk. Seine Bezahlung in Form von Aktien ist an Teslas Börsenwert gekoppelt – und Geld gibt es erst ab einem Börsenwert von 100 Milliarden Dollar. Liegt Teslas Börsenwert sechs Monate lang über dieser Marke, winken Musk, der offiziell nur einen Dollar Bezahlung als Tesla-CEO erhält, Aktien im Wert von 346 Millionen Dollar – und das Bonuspaket könnte schrittweise sogar auf bis zu 650 Millionen Dollar steigen. Es wäre ein Geldregen, der selbst die Gewinne vieler Tesla-Aktionäre in den Schatten stellen dürfte.