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Abschied von der Kohle: Ruhrgebiet und Lausitz setzen auf Wasserstoff

Witsch, Kathrin
·Lesedauer: 3 Min.

Die alten Kohleregionen bereiten sich auf die Zeit nach dem Ausstieg vor – und setzen auf Wasserstoff. Ihre Geschichte könnte sich dabei als Vorteil erweisen.

Die Kohleregionen stecken seit Jahren im Strukturwandel.  Foto: dpa
Die Kohleregionen stecken seit Jahren im Strukturwandel. Foto: dpa

Die Kohle-Industrie schwindet seit Jahrzehnten und hat sich mit dem offiziell beschlossenen Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung bis 2038 nun auch politisch verabschiedet. Das haben auch die ehemaligen Hochburgen der Kohleindustrie erkannt und suchen nun im Wasserstoff die Rettung.

Vor Kurzem stellte Nordrhein-Westfalen dafür sogar seine eigene „Wasserstoff Roadmap“ vor. Dabei soll unter anderem im Ruhrgebiet das „Wasserstofflabor Ruhr“ entstehen, in dem die Kompetenzen verschiedener Akteure vernetzt werden.

Hier könnten innovative Technologien im Bereich der Elektrolyse umgesetzt, getestet und validiert werden, heißt es in der Roadmap. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart erwartet durch die zukünftige Wasserstoffindustrie einen wirtschaftlichen Schub für die Region: „Bis zu 130.000 zusätzliche Arbeitsplätze können in Nordrhein-Westfalen entstehen.“

Auch die ostdeutschen Kohleländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg wollen zukünftig zu einem Zentrum der deutschen Wasserstoffindustrie werden. Sie sehen in ihren Erfahrungen im Bereich der Energiewirtschaft einen klaren Standortvorteil.

Für die Regionen hängt jedoch auch viel von dem Erfolg dieses Plans ab. Seit Jahren leiden die ehemaligen Energiemotoren Deutschlands unter dem Strukturwandel. Das Ruhrgebiet im Westen und die Lausitz im Osten des Landes kämpfen schon lange gegen wegfallende Arbeitsplätze und die Abwanderung junger Menschen, die lieber nach Berlin, Köln oder Dortmund ziehen.

Allein in der Lausitz waren zu Hochzeiten mehr als 80.000 Menschen in der Kohleindustrie beschäftigt, heute sind es nur noch rund 8000. Mit den Arbeitsplätzen gingen die Menschen. Lebten 1995 noch 1,4 Millionen zwischen Spree und Neiße, sind es heute noch knapp eine Million.

Von den verbliebenen drei Revieren trifft der Ausstieg die Lausitz am härtesten. Das Rheinland prosperiert ohnehin, das Mitteldeutsche Revier hat Leipzig als zugkräftige Großstadt.

Als Siemens verkündete, ein Wasserstoff-Forschungszentrum am Standort Görlitz aufzubauen, war die Erleichterung deswegen groß. Die Einrichtung will unter anderem an Langzeittests für Wasserstofftechnologien arbeiten und aus Prototypen robuste Produkte entwickeln.

Das Konzept steht: Schon 2022 soll das Zentrum in Betrieb gehen und als erste Anlage in der Lausitz Wasserstoff im großen Stil herstellen. Ebenfalls beteiligt an dem Projekt ist das Fraunhofer-Institut aus Zittau, das sich ebenfalls auf die Forschung im Bereich von Wasserstoff und Brennstoffzelle spezialisiert hat. Dafür hat der Bund jetzt 200.000 Euro Fördergeld nach Zittau gegeben. Weitere 400.000 Euro gehen an die anderen Partner im Wasserstoff-Netzwerk Lausitz.

Ruhrgebiet als Wasserstoffregion

Und auch das Ruhrgebiet ist einer aktuellen Studie zufolge sehr gut aufgestellt, um beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland eine führende Rolle zu spielen. In der Region gebe es bereits viele Unternehmen mit Erfahrungen auf diesem Gebiet, sagte Hanno Kempermann vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, das die Studie im Auftrag des Regionalverbands Ruhr erstellt hat.

Zudem seien im Ruhrgebiet international bestens vernetzte Forschungseinrichtungen angesiedelt. Es gebe eine gute Zusammenarbeit der Unternehmen, und die Infrastruktur sei bereits gut ausgebaut. Damit könne die Region eine „Spezialistin für industrielle Anwendungen“ beim Wasserstoff werden.

In der Tat verfügen Ruhrgebiet und Lausitz schon jetzt über die zwei längsten Wasserstoffpipelines in ganz Deutschland. Das Wasserstoffnetz von Castrop-Rauxel über Marl bis nach Leverkusen ist mit einer Gesamtlänge von 240 Kilometern das bisher größte Wasserstoffnetz hierzulande. Sachsen-Anhalt schafft es mit 150 Kilometern immerhin auf den zweiten Platz.

Von den ehemaligen Braunkohletagebauten erhoffen sich die Regionen außerdem riesige Flächen für Wind- und Solarparks. „Das Potenzial für die Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien in den Braunkohlegebieten der Republik ist enorm“, betonte auch Michael Class, Vorstandsmitglied des Wind- und Solarparkbetreibers Juwi, bei der Einweihung eines PV-Großanlagenprojekts am Rande eines Tagebaus in der Lausitz.

Für die Unternehmen in den Braunkohleregionen biete sich damit die Möglichkeit, im Rahmen der Energiewende auch weiterhin eine bedeutende Rolle in der Energieversorgung zu spielen.

Experten sehen ebenfalls in den schon bald brachliegenden Flächen großes Potenzial für den Ausbau erneuerbarer Energien. Grüner Strom für grünen Wasserstoff.