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Kartell-Freigabe in Korea: Für Delivery Hero steht ein entscheidendes Jahr an

Kapalschinski, Christoph
·Lesedauer: 7 Min.

Der Lieferkonzern darf eine wichtige Übernahme unter harten Auflagen durchziehen. Die Anleger verlangen, dass endlich der Weg zur Profitabilität deutlich wird.

Seit dem Aufstieg von Delivery Hero in den Dax steht der Konzern unter verstärkter Beobachtung der Anleger. Foto: dpa
Seit dem Aufstieg von Delivery Hero in den Dax steht der Konzern unter verstärkter Beobachtung der Anleger. Foto: dpa

Niklas Östberg war gut aufgelegt: „Mal lieben sie dich, mal hassen sie dich“, scherzte er Anfang Dezember bei Europas größter Netzkonferenz, dem Web Summit. Der Aufstieg zum Milliardenkonzern, so lautete die Botschaft des Gründers von Delivery Hero, sei eben ein Wechselspiel der Gefühle.

So auch an diesem Montag: Die Kartellbehörden in Südkorea haben eine lang angebahnte Übernahme des Konzerns genehmigt – allerdings unter harten Auflagen. Aber immerhin haben die Anleger nun Klarheit, wie es ins kommende Jahr geht. Die Aktie legte am Montagmorgen um mehr als zehn Prozent zu, kletterte auf ein Allzeithoch bei über 132 Euro und trug so zum Dax-Rekordhoch bei.

Die Genehmigung an sich sei eine „großartige Nachricht“, erklärte Östberg am Montag. Jetzt könne der Konzern wie geplant sein Asiengeschäft von Singapur aus neu aufstellen.

Dabei steht Delivery Hero unter Beobachtung der Anleger. Wegen der Wirecard-Pleite rückte der Berliner Lieferkonzern im August in den Leitindex Dax auf. Selten wurde ein Aufstieg so kritisch beäugt: Auf den mutmaßlichen Betrugsfall Wirecard folgte der erste Dax-Konzern, der in seiner Geschichte noch nie Gewinn erzielt hat.

Im kommenden Jahr muss es Firmenchef Östberg daher gelingen, einen klaren Pfad Richtung Profitabilität aufzuzeigen – nicht nur um seinetwillen, sondern als Dienst an der Berliner Gründerszene: Er muss den konservativen Dax-Anlegern beweisen, dass auch ein wachstumsorientiertes ehemaliges Start-up langfristig in den Leitindex gehören kann.

Für 2021 rechnet der Konzern mit einer bereinigten Verlustmarge (Ebitda) von satten 14 bis 18 Prozent. Allerdings steht dem eine stolze Verdopplung des Umsatzes auf gut 2,7 Milliarden Euro gegenüber.

Delivery Hero ist mit seinem Geschäftsmodell, Essenslieferungen von Gastronomen nach Hause zu organisieren, zu solch rasantem Wachstum verdammt: „Ein höherer operativer Gewinn je Bestellung hängt an höherer Netzwerk-Dichte, die die Fahrtzeiten weiter senken würde und damit mehr Auslieferungen pro Stunde und weniger Sonderangebote ermöglichen würden“, meint Bloomberg-Analystin Diana Gomes.

Bislang will sich Östberg nicht auf einen Stichtag festlegen, an dem Delivery Hero die Profitabilität erreicht. Fest steht nach einhelliger Einschätzung der Analysten nur, dass diese Marke 2021 noch nicht in Sicht ist. „Ein weiterer Schnitt bei den hohen Investitionen ist nötig, um die Margen zu verbessern. Allerdings könnte der durch Zukäufe getriebene Ausbau der Logistik den Break-even noch über 2022 hinaus verzögern“, meint Gomes aufgrund ihrer Szenario-Berechnungen.

Ohnehin zielen die Analysten auf die Kennzahl „bereinigtes Ebitda“, die auch Delivery Hero intern nutzt. Es geht also um den Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, bereinigt um Sonderausgaben.

Skepsis von Dax-Traditionalisten

Delivery Hero spaltet die Anleger. Traditionalisten sehen die Solidität des Leitindex in Gefahr. Sie verweisen etwa in Leserbriefen an das Handelsblatt auf die Verluste und rechnen vor, dass das Eigenkapital rechnerisch in absehbarer Zeit aufgezehrt sei.

Andere verweisen darauf, dass heutige Top-Konzerne wie Amazon lange Verlustphasen in Kauf genommen haben, um eine relevante Marktgröße zu erreichen. Auch hat Delivery Hero bewiesen, dass die Finanzierung der Durststrecke am Kapitalmarkt kein Problem ist. Klar ist jedoch: Erst Gewinne werden belegen, dass das Geschäftsmodell aufgeht. 2021 ist ein entscheidendes Jahr, diesem Ziel näher zu kommen.

Ein Schritt, die Kennzahl Ebitda im Jahresverlauf zu verbessern, sollte eigentlich der strategische Zukauf in Korea sein. Vor einem Jahr schon vereinbarten die Berliner die Übernahme des dortigen Marktführers Woowa zu einer Bewertung von 3,6 Milliarden Euro, um ihn mit dem eigenen Geschäft in dem Land zu verbinden.

Die Übernahme zeigt die globale Strategie von Östberg: Er will Delivery Hero in vielen regionalen Märkten zum klaren Marktführer machen – durch eigenes Wachstum und durch Übernahmen. Seine These dabei ist, dass die Größten im jeweiligen Markt gewinnen, weil sie nach Erreichen der Marktdominanz die Werbekosten zurückfahren können. Zudem haben die Gastronomen dann keine Auswahl, wenn sie einen Lieferpartner suchen.

Dort, wo der Weg an die Spitze versperrt ist, steigt Östberg aus – wie in Deutschland, wo er das Geschäft bereits vor zwei Jahren an den Konkurrenten Lieferando und dessen Mutter Takeaway verkaufte. Zugleich können die regionalen Manager recht eigenständig agieren und so Arbeitsbedingungen, Provisionsmodelle für die Gastronomen und Markenstrategien an den jeweiligen Wettbewerb anpassen.

Doch die Kartellwächter in Korea fürchten zu viel Dominanz: Nach der Übernahme hätte der deutsche Konzern 99,2 Prozent Marktanteil, rechnen sie vor. Delivery Hero muss vor der Übernahme daher erst sein eigenes, kleineres Geschäft in dem Land unter der Marke Yogiyo verkaufen. Er sei deshalb „tief traurig“, erklärte Konzernchef Östberg. Das Team habe eine hervorragende Arbeit geleistet.

Querelen in Korea

Eigentlich wollte Östberg die Übernahme im zweiten Halbjahr 2020 abgeschlossen haben. Doch die Kartellbehörden hatten bereits im Herbst in einer 100-seitigen Stellungnahme größere Bedenken als gedacht angemeldet. Im November musste Östberg den Anlegern erklären, wieso seine bisherige Zuversicht trog – und diese Meldung ausgerechnet erst öffentlich wurde, nachdem der Vorstandschef ein privat gehaltenes Aktienpaket verkauft hatte.

Wieso die Bedenken der Kartellwächter so gravierend sind, zeigt eine Einschätzung der Analysten von Barclays, die kurz vor der Veröffentlichung im Herbst schreiben: „Falls der Deal durchgeht, würde sich die Story deutlich vereinfachen: 80 Prozent des Umsatzes käme aus außergewöhnlich starken Führungspositionen und der Weg zur mittelfristigen Profitabilität wäre erkennbar deutlicher.“ Schließlich steht Korea für zehn Prozent des Konzernumsatzes.

Die Analysten erwarteten allerdings bereits die nun von den Kartellwächtern aufgezeigte Lösung des Problems. „Daraus ergeben sich allerdings weniger Synergien“, warnte Silvia Cuneo von der Deutschen Bank. Die erwarteten Größenvorteile in Korea würden sich nicht einstellen.

Allerdings kann Delivery Hero so zumindest die Pläne retten, mit dem Know-how und der Technologie der Südkoreaner auf neuen Märkten wie Japan voranzukommen. Woowa-Gründer Bongjin Kim soll Chef eines neuen Delivery-Hero-Gemeinschaftsunternehmens mit Sitz in Singapur werden und so das Asien-Geschäft des Konzerns leiten.

Die Schwierigkeiten in Korea unterstreichen, dass Östberg 2021 verstärkt zeigen muss, dass seine Strategie der lokalen Marktführerschaften fruchtet. Dafür hat er beispielsweise zuletzt in Südamerika das Geschäft des spanischen Anbieters Glovo für bis zu 230 Millionen Euro gekauft. Vorzeigeregion ist jedoch bislang der Nahe Osten, wo Delivery Hero bereits den Durchbruch zu operativen Gewinnen geschafft hat.

Allerdings zeigt sich, dass die verteilte Marktführerschaft in der Lieferbranche nicht unbedingt abschreckend sein muss für neue Spieler. Ein Beispiel ist Deutschland, wo sich Delivery Hero zurückgezogen hat. Obwohl die Takeaway-Tochter Lieferando damit klar den Markt beherrscht, wagt sich seit einigen Monaten der skandinavische Konkurrent Wolt nach Berlin – unterstützt vom ausgeschiedenen Delivery-Hero-Mitgründer Lukasz Gadowski.

Das zeigt: Solange viel Investorengeld im Start-up-System ist, müssen auch die großen Spieler wie Delivery Hero mit immer wieder aufkommender neuer Konkurrenz rechnen, die sie mit Marketinggeld und Rabattaktionen abwehren müssen. Wolt jedenfalls meldet auf dem deutschen Markt Anfangserfolge, liefert beispielsweise auch für Burger King aus.

Krisenfestigkeit bewiesen

Attraktiver wird der Markt für Neulinge auch dadurch, dass neue Chancen entstehen. Östberg entwickelt diese eifrig mit: Inzwischen liefern seine Fahrer in vielen Ländern nicht mehr nur Speisen von Gastronomen aus, sondern auch Supermarktartikel. Für dieses neue, Quick-Commerce genannte Geschäft investiert Delivery Hero in eigene Lager – und wird so auch zum Einzelhändler auf eigene Rechnung.

Der Konzern kann so die Fahrer auch abseits der Essenszeiten auslasten. Zudem gilt die schnelle Lieferung in unter einer Stunde ohne vorher vereinbarte Zeitfenster als die Chance, dem Online-Handel mit Supermarktartikeln endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

Noch ist Delivery Hero dabei unter den wenigen Vorreitern – allerdings könnte das Geschäftsfeld perspektivisch neue Konkurrenz auch von stationären Händlern bringen. Den Chancen stehen also auch Risiken gegenüber.

Eine Qualität hat Delivery Hero 2020 jedoch bewiesen: Die Coronakrise konnte dem Wachstum nichts anhaben. Wie in den Vorquartalen auch verdoppelte Delivery Hero den Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum zuverlässig. Dabei half, dass Corona in einigen Regionen wie Europa zeitweise dazu führte, dass Menschen mehr Speisen nach Hause bestellten, während anderswo die Restaurantschließungen das Geschäft etwas drückten. Unter dem Strich blieb der Konzern bei seinen Planungen.

Diese Stabilität hilft auch an der Börse, falls sich 2021 die Lage normalisiert. Anders als etwa der Kochboxversender Hello Fresh gibt es wenige, die davon ausgehen, dass sich ein Coronaboom als Strohfeuer erweist. Das verleiht der Aktie wohl auch 2021 vergleichsweise mehr Stabilität. Die Anleger könnten Östberg also im neuen Jahr lieben lernen.