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Warum Sie Xing und LinkedIn brauchen – auch, wenn Sie nicht auf Jobsuche sind

Wie pflegt man sein Profil auf LinkedIn oder Xing, wenn man gerade keinen neuen Job braucht? Unser Autor hat sich professionelle Nachhilfe geholt.


Hallo Xing und LinkedIn, wir müssen reden! Ich kann, anders als von Euch vorgeschlagen, leider nicht als Pilot bei der Lufthansa anfangen. Ich bin nämlich Brillenträger und rot-grün-blind. Als gelernter Journalist tauge ich auch nur bedingt als „(Senior) Java Softwareentwickler m/w/d in Ratingen!“.

Und nicht einmal als „Schriftsteller“ bei einem „internationalen Verlag“ möchte ich anheuern, auch wenn die Vorstellung irgendwie romantisch klingt. Um ehrlich zu sein: Ich will keines Eurer Jobangebote, LinkedIn und Xing. Ich suche gerade keinen neuen Job.

Trotzdem pflege ich Profile in Euren Karrierenetzwerken. Wobei Pflege übertrieben ist: Etwa alle sechs bis acht Wochen logge ich mich ein und prüfe, ob sich jemand mit mir vernetzen möchte. Manchmal schicke ich auch selbst Kontaktanfragen raus.

Warum, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Ich mache das, weil das eben die meisten Menschen in meinem Umfeld so machen. Weil ich das vage Gefühl habe, ganz ohne Online-Karrierenetzwerk geht es eben nicht. Und ein wenig auch als Gedächtnistraining – acht Wochen für zwei Passwörter sind eine lange Zeit.

Auf Xing sind 13 Millionen Mitglieder in Deutschland registriert. LinkedIn verzeichnet etwa genauso viele Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Fragt man die Unternehmen, wofür ihre User die Plattformen am meisten verwenden, fallen die Antworten schwammig aus. „Aufgrund der Vielfältigkeit des Angebots fällt es leider schwer, eine solche Auflistung zu machen“, schreibt ein Sprecher von Xing.


LinkedIn antwortet: „Unsere Mitglieder nutzen LinkedIn in der Regel ganzheitlich und langfristig, um ihren beruflichen Lebensweg zu finden und zu gehen.“ Ganzheitlich und langfristig, das ist natürlich immer gut, hilft mir aber kurzfristig nicht weiter.

Eine Umfrage von Xing und Forsa, die mir der Sprecher schickt, enthält interessante Zahlen. Danach ist ein Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland offen für einen Jobwechsel. Das heißt im Umkehrschluss: Zwei Drittel sind es nicht. Dazu passt eine weitere Zahl aus der repräsentativen Befragung. So finden 85 Prozent der Bevölkerung ihren aktuellen Job und Arbeitgeber eigentlich ganz in Ordnung. Karrieretechnisch befinde ich mich also inmitten des Mainstreams.

Wofür also brauchen ich und die übrigen zwei Drittel der Wechselmuffel Profile auf gleich zwei Netzwerken? Reicht nicht eins? Oder gar keins? Ich rufe zwei Menschen an, die mich aus meiner Karrierenetzwerk-Sinnkrise befreien sollen. Es sind die Autoren zweier sogenannter „Dummy“-Bücher, jener Sachbuchreihe, die ihren Lesern komplexe Themen auf simple Art erklärt.

Der Autor von „LinkedIn für Dummies“ heißt Stephan Koß und ist Digitalberater in Niedersachsen. Die Autorin von „Xing für Dummies“ heißt Constanze Wolff und arbeitet als freie Kommunikations- und Markenberaterin in Münster. Beide bitte ich darum, meine Karriereprofile einem Check zu unterziehen. Ich schicke ihnen auch meinen Lebenslauf.

Beiden fällt sofort auf, dass ich ein paar Punkte aus meinem Lebenslauf in Xing und LinkedIn unerwähnt lasse – was mir bis dato gar nicht bewusst war. Dazu später mehr. Erst einmal will ich den Sinn eines Karrierenetzwerks verstehen.

Wie niedrig dürfen meine Ziele auf Xing und LinkedIn sein?

Einer der ersten Sätze, die Koß am Telefon zu mir sagt, bleibt gleich hängen: „Sie dürfen keine Wunder erwarten.“ Wenn ich derzeit nichts mit dem Profil vorhabe, außer Kontakte zu sammeln, sei das völlig okay. Dann reiche es auch, einmal im Monat vorbeizuschauen. Das klingt beruhigend.


Xing-Expertin Wolff nennt Profile wie meines „Schläferprofile“. Aus ihrer Erfahrung nutzen die meisten Menschen Xing und LinkedIn so, wie ich das tue – als eine Art selbstaktualisierendes Adressbuch. Das klingt langweilig, ist aber aus zwei Gründen sinnvoll, wie mir Wolff und Koß erklären. Grund eins ist eine Zahl, die der Psychologe Robin Dunbar bereits Anfang der 90er-Jahre geprägt hat.

Der Brite hat damals das Sozialverhalten von Säugetieren analysiert und festgestellt, dass Menschen eine Beziehung mit maximal 150 Personen aufrechterhalten können. Danach ist bei so ziemlich jedem Schluss mit Socializing. Bei Xing und LinkedIn aber nicht. Hier lassen sich Hunderte und sogar Tausende Kontakte digital verwalten. Praktisch.

Auch Grund zwei leuchtet mir ein. Selbst wenn ich derzeit beruflich zufrieden sein mag: Mit Anfang 30 gehe ich nicht davon aus, dass ich auf demselben Arbeitsplatz in derselben Position noch weitere 30 Jahre bleibe. Ich werde also irgendwann nach Veränderung suchen. „Dann sollte Ihr Netzwerk möglichst gut gepflegt sein“, sagt Wolff etwas mahnend.

Brauche ich wirklich beides – Xing und LinkedIn?

Was Wolff ebenfalls sagt: Xing ist vor allem in Deutschland Standard. „Wer für ein deutsches Unternehmen hauptsächlich in Deutschland arbeitet, kommt an Xing nicht vorbei.“ Das überzeugt mich angesichts der mittlerweile ähnlichen Nutzerzahlen bei LinkedIn nur mäßig.

Koß beobachtet wiederum, dass LinkedIn „deutlich mehr Angestellte in Konzernen anspricht“, während Xing bei Freiberuflern in Deutschland stark ist. Da für mich beruflich beide Gruppen interessant sind, werde ich auch in Zukunft beiden Netzwerken treu bleiben – und mich weiterhin doppelt einloggen.

Soll ich für Xing und LinkedIn Geld ausgeben?

Beide Karrierenetzwerke bieten neben einem kostenlosen Basisprofil, die Möglichkeit einer erweiterten Jahresmitgliedschaft, die aktuell in der günstigsten Variante zwischen 6,25 Euro (Xing) und 8,25 (LinkedIn) pro Monat kostet. Das Premium-Upgrade lässt sich gratis einen Monat lang testen.


Beide Experten raten mir im Gespräch davon ab – zumindest, solange ich „Schläfer“ bleibe. „Sobald Sie aber aktiv werden, stoßen Sie zumindest bei Xing im Basismodus schnell an Grenzen“, sagt Wolff. So lassen sich als Premiummitglied zum Beispiel drei Top-Fähigkeiten herausstellen, mit denen Headhunter, Personaler und Auftraggeber leichter zu einem finden.

Auch lässt sich in der Premiumvariante nachvollziehen, wer das eigene Profil wie oft besucht hat. „Es kann durchaus ein wertvoller Hinweis sein, wenn Sie plötzlich sehen, dass mehrere Personen aus dem gleichen Unternehmen gehäuftes Interesse an Ihrem Profil zeigen“, so Wolff.

LinkedIn-Experte Koß hat für Bezahlprofile eine Faustregel: „Wenn Sie Ihr Profil nicht mindestens eine Stunde am Tag beruflich nutzen, brauchen Sie keinen kostenpflichtigen Account.“ Davon bin ich weit entfernt. Und weiterhin Kontakte gratis sammeln klingt für mich auch fair. Nur: Wie mache ich das am geschicktesten?

Wie viele Kontakte brauche ich?

Für Wolf gibt die Dunbar-Zahl 150 das Minimum an Leuten vor, mit denen man vernetzt sein sollte. „Ab da fängt es überhaupt erst an, Spaß zu machen“, so die Expertin. Auf Xing habe ich 237 Kontakte, auf LinkedIn sind es knapp 500. Was kurios ist: Einen guten Teil meiner Kontakte kenne ich nicht.

Auf Xing sind es nach schnellem Durchzählen 25, auf LinkedIn etwa 130 Namen, zu denen ich mich an keine persönliche Verbindung erinnere. Bislang gehe ich beim Erweitern meines Netzwerkes willkürlich vor – lehne mal rigoros Kontakte ab, die ich nicht kenne, und nehme dann wieder Anfragen von Unbekannten an.


Aktuell warten 56 unbeantwortete Einladungen in meinen Profilen, viele davon unbekannt. Ablehnen oder annehmen? Beide Experten raten mir zum Ablehnen. „Sie sollten nur Leute in Ihrem Netzwerk haben, die Sie wirklich kennen, sonst verwässern Sie es“, so Wolff. Um nicht zu harsch zu sein, schreibt Wolff jeden Unbekannten mit einem Standardtext an und fragt nach dem Hintergrund der Einladung.

Kommt binnen vier Wochen keine Rückmeldung, löscht sie den Kontakt. Dafür hat sie in ihrem Xing-Profil eine „Löschen“-Kategorie eingerichtet, eine Art Ordner mit lauter fraglichen Kandidaten. Sowohl vom Löschen als auch vom Ablehnen kriegt die Gegenseite nichts mit.

Koß empfiehlt ganz generell, beim Netzwerkerweitern weniger den Fokus auf aktuelle Arbeitskollegen zu legen: „Sie netzwerken ja ohnehin auf der Arbeit.“ Besser sei es, auf Xing und LinkedIn sogenannte „B-Kontakte“ zu pflegen. Das sind jene Kontakte, mit denen man das letzte Mal vielleicht vor ein, zwei Jahren und nicht vor ein, zwei Wochen zu tun hatte. „Darunter fallen ehemalige Arbeitskollegen, aber auch deren Bekannte, die Sie vielleicht auf zwei, drei Partys getroffen haben“, so Koß.

Als ich über die Sache mit den B-Kontakten nachdenke, merke ich, dass ich tatsächlich so manche spannenden Projekte und Karriereschritte genau dieser Kategorie Kontakt zu verdanken habe – streng genommen auch meinen derzeitigen Job beim Handelsblatt. Eigentlich schade, diese Kategorie nur despektierlich B-Kontakte zu nennen. Ich will diese Leute informiert halten über meinen weiteren Weg, dabei aber auch nicht nerven.

Wie präsentiere ich mich besser?

Hier hatte ich Geheimtipps erwartet, doch gleich zu Anfang stellen beide Experten etwas fest, das alles andere als geheim sein sollte: Ein paar Stationen aus meinem Lebenslauf fehlen schlichtweg auf meinen Karriereprofilen.


Auf Xing habe ich etwa mein gesamtes Studium und meine Zeit als Radioreporter unterschlagen. Auf LinkedIn sind die Angaben vorhanden. Zudem fehlen auf beiden Profilen Hinweise auf Auszeichnungen und Stipendien, die ich bekommen habe. „Damit setzen Sie sich eindeutig von anderen ab“, sagt Koß.

Wichtig: Xing und LinkedIn informieren alle Kontakte standardmäßig über Veränderungen am Profil. Damit ich aber nicht mein ganzes Netzwerk damit nerve, dass ich ein paar alte Einträge auffrische, rät mir Wolff dazu, in den Einstellungen meine Aktivitäten nicht mit anderen zu teilen.

Bei Xing geht das über das Zahnrad in der Navigation -- & gt; Einstellungen -- & gt; Privatsphäre -- & gt; Aktualisierungen. Bei LinkedIn muss man auf „Sie“ oben in der Leiste klicken -- & gt; Einstellungen & Datenschutz -- & gt; „So sehen andere Ihre LinkedIn-Aktivitäten“. Damit kann ich inkognito auch weitere Änderungen vornehmen, zu denen mir die Experten raten, zum Beispiel:

Hintergrundbild: Was viele von Facebook und Twitter kennen, lässt sich auch auf Karrierenetzwerken nutzen. Auf Xing und LinkedIn sollte es aber kein Bild vom letzten Bali-Urlaub sein, sondern ein Motiv, das beruflich Kompetenz ausstrahlt – zum Beispiel ein Foto vom wichtigsten Fachkongress der eigenen Branche. Bei Xing muss man für ein Hintergrundbild Premiummitglied sein. So weit würde ich jedoch nicht für diesen netten Zusatz gehen.

Profil-URL: Ebenfalls ein kleiner, aber feiner Trick ist, den Link zu personalisieren, der zum eigenen Profil führt. Meist ist das eine Kombination aus dem eigenen Namen und ein paar wirren Zahlen. Das geht klarer: Ich möchte, dass man mich nur unter meinem Vor- und Nachnamen findet.

Auf LinkedIn geht das über den Bleistift neben dem Profilfoto -- & gt; Profil-URL. Für Xing gibt es den Dienst xing.to – hier lassen sich lange Profiladressen abkürzen. Praktisch, um den Link auf Visitenkarten oder in E-Mail-Signaturen zu verwenden.


Portfolio: Diesen Bereich habe ich auf Xing bislang noch gar nicht wahrgenommen und deshalb auch nicht genutzt. Hier lassen sich in der kostenfreien Version drei kleine Bilder und ein Textblock sowie Arbeitsproben platzieren. Nützlich, finde ich, gerade für Journalisten. Unter Privatsphäre -- & gt; Standardansicht lässt sich zudem einstellen, dass Nutzer das Portfolio und nicht den Lebenslauf als Erstes sehen. Das funktioniert allerdings nicht mobil.

Kenntnisse und Fähigkeiten: Laut LinkedIn kann ich gar nichts. Der Bereich „Kenntnisse und Fähigkeiten“ ist bei mir leer. Bei Xing habe ich Schlagworte wie „Schreiben“, „Redigieren“, „Sprachgefühl“ und „Journalismus“ hinzugefügt. Aber: Kaum jemand hat mir diese Fähigkeiten attestiert.

Das kann natürlich daran liegen, dass ich meine Kenntnisse überschätze. „Wahrscheinlicher ist aber, dass niemand auf die Idee gekommen ist, ihre Fähigkeiten zu bestätigen“, besänftigt mich Wolff. Sie rät: Bei engen Kontakten ebenfalls drei, vier passende Fähigkeiten bestätigen. „Dann kommt höchstwahrscheinlich auch etwas zurück“, so Wolff.

Mein Fazit: Ja, ich brauche LinkedIn und Xing. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann einmal. Bis dahin ist es in Ordnung, die Netzwerke so passiv zu nutzen, wie ich das tue. Nur sollte ich die Möglichkeiten, mich selbst darzustellen, besser ausschöpfen. Nicht um gleich das nächste Jobangebot zu bekommen, sondern als Investition in die berufliche Zukunft.