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Wirecard: Vorbereitung auf den Tag X

Der Zahlungsdienstleister wartet auf das Ergebnis der Bilanzsonderprüfung. Marktakteure spekulieren auf einen Kursabsturz. Hinter den Kulissen spricht Wirecard bereits mit neuen Investoren.

In Berlin ist sie für zwei Tage sexy, die oft dröge Welt der Zahlungsdienstleister. Auf der „Payment Exchange 2020“ trifft sich das „Who’s who“ der Branche im Edelklub „Soho House“. Mit Blick auf den Fernsehturm geht es um die Bezahltrends von morgen. Einig ist man sich hier, wer die Zukunft verpasst hat: die klassischen Banken. Und wer seine Chance genutzt hat: digitale Spieler wie Wirecard.

Auch der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München ist in Berlin natürlich mit dabei. Die Manager des Dax-Konzerns betonen die Vorteile der Wirecard-Plattform, die in immer mehr Staaten Zahlungsdienste bündelt. Die Debatten um womöglich frisierte Bilanzen und die Zahlungsabwicklung für halbseidene Partner spielen für sie keine Rolle mehr. „Das sind Themen von gestern“, heißt es.

Wirecard ist sichtlich bemüht, dieses Gestern abzuhaken. Die nach viel Kritik gestartete Bilanzsonderprüfung soll im März abgeschlossen sein. Ihr Ende gilt längst als Tag X für Wirecard. Falls die Wirtschaftsprüfer von KPMG keine gravierenden Verfehlungen finden, will der Konzern diese Chance nutzen. Die Spitze um Vorstandschef Markus Braun weiß: 2020 muss Wirecard vom Skandalwert zur seriösen Dax-Anlage mutieren.

Auf den ersten Blick läuft es gut für Wirecard: Die Aktie ist seit Jahresbeginn von 112 auf zuletzt 136 Euro gestiegen.

Drei Großbanken haben zuletzt höhere Positionen vermeldet. Bei Goldman Sachs führen direkte Aktieninvestments, vor allem aber komplexe Finanzinstrumente zu Stimm- und Erwerbsrechten und ähnlichen Positionen von mehr als 13 Prozent der Aktien. Morgan Stanley liegt bei etwa zehn Prozent, die Bank of America bei über fünf Prozent. Neu im Spiel ist die Fondsgesellschaft Union Investment.

Gespräche mit Großinvestoren

Die Banken steigen dabei nicht aus Eigeninteresse ein, sondern handeln vor allem für gemanagte Fonds und im Kundenauftrag. Ein Wall-Street-Haus, JP Morgan, fehlt und will diesen Umstand nicht kommentieren. Ein Topbanker der Konkurrenz erklärt, eine Zurückhaltung in solchen Fällen könnte beispielsweise an einem bestehenden Beratungsmandat liegen.

Weitere Investments könnten folgen. So sprach Wirecard zuletzt mit mehreren Interessenten über einen Einstieg, wie das Handelsblatt von zwei mit den Vorgängen vertrauten Personen erfahren hat. Ein bekannter US-Investor sprang demnach erst vor wenigen Tagen ab. Ein anderer sei weiter interessiert und könnte mit mehr als drei Prozent einsteigen, also über der gesetzlichen Meldeschwelle. Non-Disclosure-Agreements zur gegenseitigen Information wurden demnach unterzeichnet.

Konzernchef Braun habe jedoch darauf gedrungen, dass der Investor die Aktien am Markt einkaufe, heißt es. Eine Kapitalerhöhung oder eine Wandelanleihe wie im Fall des Softbank-Einstiegs 2019 seien nicht mehr geplant. Auf Anfrage wollte der Konzern die Gespräche nicht kommentieren: „Zu Marktgerüchten äußern wir uns grundsätzlich nicht“, so eine Sprecherin.

Für Braun wäre es ein starker Vertrauensbeweis, sollte ein Großinvestor noch vor Ende der Sonderprüfung einsteigen. Der Verdacht der Bilanzfälschung hängt wie ein Damoklesschwert über Wirecard. Die britische Zeitung „Financial Times“ hatte in einer Artikelserie über Unregelmäßigkeiten in Singapur und dubiose Kundenlisten in Dubai berichtet. Der Konzern weist die Vorwürfe zurück, eingestehen musste er Fehlbuchungen im einstelligen Millionenbereich.

Prüfauftrag wird nicht veröffentlicht

Nun scheint sich bei manchen Investoren die Überzeugung durchzusetzen, dass der große Knall ausbleibt. Nahrung erhielt diese Sicht von einem Interview des neu gewählten Aufsichtsratschefs Thomas Eichelmann im „Manager Magazin“. Auf die Frage nach ersten Erkenntnissen der Sonderprüfung erklärte er: „Aus der Tatsache, dass wir noch keine Ad-hoc-Meldung abgegeben haben, können Sie Ihre Schlüsse ziehen.“

Die Wirecard-Spitze hatte zunächst gehofft, die Prüfung noch 2019 abschließen zu können – was von den Prüfern als zu kurzfristig moniert wurde. Seit dem Herbst haben sie ihre Untersuchung deutlich ausgeweitet. Gestartet war der deutsche KPMG-Vorstand Sven-Olaf Leitz mit einem 16-köpfigen Team, nun durchleuchten rund 40 Prüfer Wirecard.

Allein mit Vorstandsmitgliedern führten die Kontrolleure laut Konzernkreisen rund zwei Dutzend Gespräche. Zwar würden die Prüfer mit Material von externen Akteuren, mutmaßlich aus dem Short-Seller-Umfeld, regelrecht überschwemmt. Bilanzielle Unregelmäßigkeiten seien bisher aber keine gefunden worden.

Eine Veröffentlichung des Prüfauftrags, wie sie zuletzt die Analysten von JP Morgan gefordert hatten, lehnt Wirecard ab. „Es obliegt KPMG, Ergebnis und Prüfumfang nach Abschluss der Prüfung vorzulegen. Wir werden dem nicht – auch nicht in Teilen – vorgreifen“, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage.

Einige Großinvestoren spekulieren nach wie vor auf einen Absturz. Ab Dezember hatte ein halbes Dutzend Hedgefonds größere Leerverkaufspositionen aufgebaut; vier sind laut „Bundesanzeiger“ noch übrig. Strittig ist nur, ob diese Zahl valide ist. Laut einer Erhebung des Analysehauses S3 sind rund 20 Prozent der Wirecard-Aktien leer verkauft, wie der Branchenblog „Finanz-Szene.de“ berichtete.

Die Aufsicht Bafin erklärt hierzu, die Daten seien nicht eins zu eins vergleichbar. S3 spreche von „Short Interests“, einer „Kennzahl, deren Berechnungsgrundlage und Ergebnis differieren können und deren Definition am Markt nicht durchweg einheitlich ist“. In die Daten im „Bundesanzeiger“ flössen auch Derivate und etwaige Long-Positionen ein. Und einsehbar seien nur Positionen über 0,5 Prozent. Möglich ist also, dass deutlich mehr Spieler auf einen Kursverfall wetten als bisher bekannt.

Drei neue Vorstände?

Ein Dauerkritikpunkt bleibt die problematische Governance des Dax-Konzerns. „Wirecard hat es nicht geschafft, die internen Strukturen und Prozesse dem Größenwachstum anzupassen. Denn die Kapitalmarktkompetenz im Vorstand sowie im Aufsichtsrat bis zur Berufung Eichelmanns war limitiert“, sagt etwa Volker Brühl, Geschäftsführer des Frankfurter Center for Financial Studies und Ex-Investmentbanker.

Die Berufung des früheren Deutsche-Börse-Vorstands Eichelmann begrüßt Brühl: „Eichelmann bringt das nötige Format mit, die Strukturen von Wirecard auf das Niveau eines Dax-Unternehmens zu heben.“

Ähnlich argumentiert UBS-Analyst Hannes Leitner: „Wir sehen in Herrn Eichelmann, dem jüngsten Neuzugang ohne langjährige Wirecard-Aufsichtsratsmitgliedschaft, einen geeigneten Nachfolger, der Wirecard in Richtung einer besseren Corporate Governance und Transparenz steuern könnte“, schreibt er.

Insider hatten nach der Wahl Eichelmanns betont, dieser sei nicht Brauns Wunschkandidat gewesen. Nun müssen sich die beiden Alphatiere arrangieren. Eichelmann habe als Finanzfachmann den Anspruch, künftig sehr viel tiefer in die Bilanz einzusteigen, heißt es. Mit ausgewählten Investoren will er selbst sprechen. Außerdem will der neue Aufsichtsratschef das Know-how im Kontrollgremium und im Vorstand ausbauen.

Während Eichelmann eine Erweiterung von Vorstand und Aufsichtsrat um jeweils zwei Köpfe begrüßt, denkt das Management laut Konzernkreisen bereits über eine Vorstandserweiterung um drei Köpfe nach. Gefragt sind vor allem Compliance-, Organisations- und Kapitalmarktkompetenz. Aufgebrochen würde dabei die aktuelle, eng verwobene Vierergruppe im Vorstand. Diese besteht ausschließlich aus Braun-Vertrauten.

Headhunter suchen schon seit einigen Monaten nach Verstärkung für Wirecards Führung. Doch bereits bei der Benennung eines neuen Kommunikationschefs tut sich der Konzern schwer. Hochrangige Kandidaten zögern, vor Abschluss der Sonderprüfung nach Aschheim zu wechseln.

Trotz aller Probleme: Einer sei guten Mutes, streuen Vertraute: Markus Braun. Der Vorstandschef trete „extrem bullish“ auf und schwärme von neuen Deals. Zuletzt gelang es ihm, mit Sprint einen der größten US-Mobilfunkanbieter als Partner zu gewinnen. Welche weiteren Kooperationen folgen, ist noch unklar. Doch auf Twitter verzückt Braun wie gewohnt seine Fans: „Es war eine großartige und wertschöpfende Woche mit unserem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden an Bord. Achtet auf weitere gute Neuigkeiten“, verkündete er zuletzt.