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Wer bei der Wirecard-Rally gewinnt – und wer verliert

Die Wirecard-Aktie hat seit Jahresbeginn rund 15 Prozent zugelegt. Nicht jedem Marktteilnehmer dürfte der jüngste Aufschwung gefallen. Ein Überblick.

Der Wirecard-Chef ist gleichzeitig größter Aktionär. Foto: dpa

Seit dem Führungswechsel im Aufsichtsrat ist die Wirecard-Aktie im Aufwind. Am Donnerstag ging es für die Papiere des Zahlungsdienstleisters zwischenzeitlich weitere acht Prozent nach oben, sie notierte zuletzt bei rund 128 Euro. Seit Jahresbeginn stieg die Aktie bereits um rund 15 Prozent. Seit dem Zwischentief am 11. Dezember sind es mehr als 20 Prozent.

Auslöser für die jüngste Rally ist der Wechsel im Aufsichtsrat. Der bisherige Chef des Kontrollgremiums, Wulf Matthias, legte den Vorsitz aus persönlichen Gründen nieder.

Sein Nachfolger an die Spitze des Gremiums ist Thomas Eichelmann. Der ehemalige Finanzvorstand der Deutschen Börse ist seit Mitte 2019 Mitglied des Kontrollgremiums und leitete dort bisher den Prüfungsausschuss.

Mit dem jüngsten Kurssprung durchbrach die Wirecard-Aktie einen Korridor von 104,45 Euro bis 122,5 Euro, in dem sie sich seit dem 15. Oktober bewegte. Damals hatte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) einen Artikel veröffentlicht, in dem sie Zahlungsströme von Wirecard-Partnern in Dubai und Irland anzweifelte.

Gefallen dürfte der jüngste Aufschwung nicht jedem Marktteilnehmer. Denn bei keiner anderen Aktie im Dax wird derart spekuliert wie bei Wirecard.

Hier ist ein Überblick, wer von der jüngsten Rally profitiert – und wer nicht.

Markus Braun

Der Wirecard-Chef ist gleichzeitig größter Aktionär. Er hält 7,05 Prozent der Aktien des Zahlungsdienstleisters. Schwankt der Aktienkurs, schwankt auch sein Vermögen. Beim aktuellen Börsenwert des Unternehmens von rund 14 Milliarden Euro sind seine Anteile eine knappe Milliarde Euro wert.

Brauns Position ist schon seit längerer Zeit unverändert. Die restlichen 92,95 Prozent befinden sich Wirecard zufolge im Streubesitz. Laut Definition der Deutschen Börse zählen alle Aktien dazu, die nicht von Großaktionären – also Aktionären, deren Anteil am Aktienkapital mehr als fünf Prozent beträgt – gehalten werden und vom breiten Publikum erworben und gehandelt werden können.

Wall-Street-Riesen

Bei den Aktien im Streubesitz hält die US-Großbank Goldman Sachs direkt oder indirekt 10,81 Prozent der Aktien. Dabei hat Goldman den Zugriff auf den größten Teil der Anteile über komplexe Finanzinstrumente. Die Direktbeteiligung erhöhte Goldman zuletzt im November von 1,0 auf 2,31 Prozent.

Auch weitere Wall-Street-Größen besitzen direkt oder indirekt große Positionen an Wirecard. Nach Angaben des Zahlungsdienstleisters hält Morgan Stanley 10,12 Prozent der Anteile, Citigroup 4,93 Prozent und Bank of America 4,88 Prozent. Als einzige große Wall-Street-Bank fehlt JP Morgan.

Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, hält 5,4 Prozent. Das liegt daran, dass das Unternehmen zugleich der weltgrößte Anbieter von Indexfonds ist. Wenn diese auch den Dax nachbilden, müssen sie also auch Wirecard-Aktien kaufen.

DWS

Allerdings ist Blackrock nicht der Vermögensverwalter mit der größten Position. Die Fondstochter der Deutschen Bank, die DWS, hält sogar 5,95 Prozent der Wirecard-Anteile.

Besonders hoch ist die Gewichtung in den Flaggschiff-Fonds DWS Deutschland und DWS Invest German Equities. Maximal zulässig je Einzeltitel ist eine Gewichtung von zehn Prozent: Laut den jüngsten Factsheets beträgt die Gewichtung bei DWS Deutschland 9,6 Prozent, bei DWS Invest German sind es 9,5 Prozent. Damit ist die DWS eine beträchtliche Wette auf die Wirecard-Aktie eingegangen.

Leerverkäufer I

Nach Angaben des Bundesanzeigers befinden sich aktuell 3,76 Prozent der Anteile in Händen von Leerverkäufern. Allerdings werden hier nur Unternehmen geführt, die mehr als 0,5 Prozent der Aktienvolumens des Unternehmens für Leerverkäufe halten. Meldungspflichtige Positionen halten derzeit der Coltrane Asset Management mit 0,57 Prozent, Slate Path Capital mit 1,3 Prozent, Marshall Wace mit 0,83 Prozent und TCI Fund Management Limited mit 1,06 Prozent.

Leerverkäufer leihen sich gegen eine Gebühr vor allem bei Fonds Aktien, die sie anschließend am Markt verkaufen. Sinkt der Aktienkurs wie geplant, können die Leerverkäufer die Titel später zu einem verbilligten Kurs zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz zwischen dem Verkaufs- und dem gesunkenen Rückkaufskurs streichen sie als Profit ein. Erfüllen sich die Erwartungen aber nicht, müssen sie irgendwann das Papier wieder kaufen und an den Verleiher zurückgeben, um ihre Verluste zu begrenzen. Für die Verleiher sind Leerverkäufe durch die Gebühr dagegen eine relativ risikolose Zusatzeinnahme.

Leerverkäufer II

Daten des US-Datenanbieter S3 Partners auf Basis angeblich echter Broker-Daten sollen zeigen, dass aktuell mehr als 25 Millionen Wirecard-Aktien leerverkauft sein müssten. Das entspräche einem Anteil von mehr als 21 Prozent aller Wirecard-Aktien und damit mehr als das Fünffache der offiziellen Short-Positionen.

Eine Erklärung könnte sein, dass Leerverkäufe eben nur dann veröffentlich werden müssen, wenn sie mehr als 0,5 Prozent der Aktienvolumens betreffen. Um auf die Zahl von S3-Partners zu kommen, müsste es dann viele weitere Positionen geben, die unterhalb dieser Grenze liegen. Möglich ist das theoretisch: Beispielsweise hielt die US-Investmentfirma Coatue Management Mitte Dezember noch 0,86 Prozent. Seitdem reduzierte sie den Anteil auf 0,46 Prozent. Ähnlich verhält es sich bei Greenvale Capital: Mitte Dezember waren es noch 0,63 Prozent der Anteile, Anfang des Jahres reduzierte er den Anteil auf 0,47 Prozent.

Zumindest im vergangenen Jahr – als der Aktienkurs des Zahlungsdienstleisters im Jahresverlauf um etwa 20 Prozent sank – machten die Leerverkäufer mit der Wirecard-Aktie ein gutes Geschäft. Sie verdienten an Wirecard 2019 laut S3 Partners insgesamt 106,7 Millionen Dollar.

Ausblick

So lange die gegenwärtige Situation mit dem großem Anteil an Leerverkäufern weiter besteht, bleibt auch die Aktie volatil. Die Leerverkäufer dürften sich nicht zuletzt mit Blick auf das Ergebnis der Sonderprüfung durch KPMG positioniert haben.

Wirecard-Chef Braun hatte diese nach zahlreichen Berichten über angebliche Unregelmäßigkeiten in Singapur und Dubai beauftragt. In einer Artikelserie hatte die FT dem Zahlungsdienstleister wiederholt unrechtmäßige Buchungen und möglicherweise aufgeblähte Umsätze vorgeworfen.

Wirecard weist alle Vorwürfe zurück. Je nach Ergebnis der Sonderprüfung könnte es dann erneut zu heftigen Ausschlägen des Aktienkurses kommen.