Deutsche Märkte schließen in 8 Stunden 13 Minuten
  • DAX

    11.639,04
    +78,53 (+0,68%)
     
  • Euro Stoxx 50

    2.979,31
    +15,77 (+0,53%)
     
  • Dow Jones 30

    26.519,95
    -943,24 (-3,43%)
     
  • Gold

    1.879,20
    0,00 (0,00%)
     
  • EUR/USD

    1,1732
    -0,0018 (-0,15%)
     
  • BTC-EUR

    11.187,94
    -9,07 (-0,08%)
     
  • CMC Crypto 200

    259,60
    -13,09 (-4,80%)
     
  • Öl (Brent)

    37,29
    -0,10 (-0,27%)
     
  • MDAX

    26.015,92
    +131,79 (+0,51%)
     
  • TecDAX

    2.840,84
    +11,53 (+0,41%)
     
  • SDAX

    11.462,34
    +5,82 (+0,05%)
     
  • Nikkei 225

    23.331,94
    -86,57 (-0,37%)
     
  • FTSE 100

    5.595,19
    +12,39 (+0,22%)
     
  • CAC 40

    4.595,75
    +24,63 (+0,54%)
     
  • Nasdaq Compositive

    11.004,87
    -426,48 (-3,73%)
     

Weltbank-Chef warnt vor neuer Schulden- und Finanzkrise

·Lesedauer: 7 Min.

Die Pandemie stürzt laut Malpass viele Schwellen- und Entwicklungsländer in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Die Weltbank will mit einem Fonds gegen die Folgen der Krise kämpfen.

Die Corona-Pandemie zwingt die Weltbank dazu, ihre alljährliche Herbsttagung diesmal weitgehend virtuell auszurichten. Kurz vor Beginn des globalen Get-together warnt Weltbank-Chef David Malpass im Handelsblatt-Gespräch vor einer neuen Schulden- und Finanzkrise. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer stünden finanziell am Abgrund und seien mit dem Schuldendienst überfordert.

Der Amerikaner kritisiert die mangelnde Hilfsbereitschaft privater Finanzinvestoren und chinesischer Kreditgeber. Malpass fordert zugleich einen globalen Schuldenschnitt für die ärmsten Länder wie es ihn in den 1980er- und 1990er-Jahren gegeben hatte.

Der Weltbank-Präsident warnt zugleich vor der weltweit steigenden Ungleichheit. Die Pandemie habe jahrzehntelange Fortschritte bei der Armutsbekämpfung zunichtegemacht und könnte bis 2021 mehr als 150 Millionen Menschen erneut unter die extreme Armutsgrenze drücken. Die Weltbank selbst will bis zu zwölf Milliarden Dollar bereitstellen, damit Impfstoffe gegen das Coronavirus auch in den ärmeren Ländern verfügbar sind.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Malpass, das Coronavirus macht nicht einmal vor dem Oval Office halt. Haben jetzt alle begriffen, dass wir es mit einer globalen Krise zu tun haben?
Die Pandemie ist ohne Zweifel eine globale Krise, und zwar für unsere Gesundheit, aber auch für unsere Wirtschaft. Besonders sind davon die Menschen in den ärmeren Ländern betroffen, weil es hier keine sozialen Netze wie in den Industrienationen gibt. Aber auch in den entwickelten Ländern trifft die Krise vor allem jene, die an der Armutsgrenze leben.

Die Weltbank kämpft seit Jahrzehnten gegen die globale Armut. Macht die Pandemie diese Arbeit wieder zunichte?
Ja, leider. Die Coronakrise macht Fortschritte rückgängig, die wir bei der Armutsbekämpfung über Jahrzehnte gemacht haben. Unser neuer Armutsbericht, den wir diese Woche veröffentlichen, zeigt, dass in diesem Jahr weltweit etwa 100 Millionen Menschen zurück in extreme Armut fallen könnten. Im Jahr 2021 könnte die Zahl auf 150 Millionen steigen. Damit würden 1,4 Prozent der Weltbevölkerung zusätzlich unter die extreme Armutsgrenze rutschen.

Steigende Armut führt oft auch zu größerer Ungleichheit. Wo sehen Sie Anzeichen für eine neue Spaltung durch die Pandemie?
Mehr als eine Milliarde Kinder können im Moment nicht zur Schule gehen. Insbesondere für Länder, die ohnehin schon einen großen Bildungsrückstand haben, ist das ein harter Rückschlag. Ein Bildungsnotstand führt dazu, dass Volkswirtschaften nicht mehr ausreichend qualifizierte Arbeiter haben, was wiederum die wirtschaftliche Entwicklung schwächt und die Armut verschärft. Es entsteht ein Teufelskreis.

Von Schuldenbergen erdrückt

Wächst die soziale Ungleichheit auch in den reichen Ländern?
Ja. Das liegt einmal daran, dass die staatlichen Hilfen, etwa durch fiskal- und geldpolitische Maßnahmen vor allem den oberen Einkommensschichten zugutekommen oder jenen, die noch nicht aus dem sozialen Netz rausgefallen sind. Das verstärkt die soziale Ungleichheit sowohl in ärmeren, aber auch in reicheren Ländern. Der Weltbank kommt es darauf an, dass wirtschaftlicher Wohlstand breit verteilt wird und Kinder und Frauen Aufstiegschancen bekommen.

Die Pandemie hat auch den Schuldenberg vieler Länder vergrößert. Im April haben sich die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) darauf geeinigt, die Schuldentilgung durch die ärmsten Länder vorerst auszusetzen. Reicht das, um eine neue Schuldenkrise abzuwenden oder muss mehr getan werden?
Wir müssen mehr tun. Im April haben wir zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) dafür gesorgt, dass der Schuldendienst auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird. Wir müssen aber jetzt dafür sorgen, dass insbesondere auch private Investoren sich an dieser Schuldenerleichterung beteiligen. Diese Investoren tun nicht genug, und ich bin enttäuscht davon. Außerdem haben sich einige der großen Kreditgeber aus China nicht ausreichend beteiligt. Die Wirkung der Hilfsmaßnahmen ist deshalb geringer als sie sein könnte.

Reicht ein Zahlungsaufschub aus oder brauchen wir auch einen Schuldenerlass?
Es ist offensichtlich, dass einige Länder nicht in der Lage sind, ihre aufgenommenen Schulden zurückzuzahlen. Wir müssen deshalb auch den Schuldenstand verringern. Man kann das als Schuldenerlass oder Stornierung bezeichnen. Wichtig ist, dass die Schuldenhöhe durch eine Restrukturierung geringer wird. Das gab es auch schon in früheren Finanzkrisen wie zum Beispiel in Lateinamerika. Auch die sogenannte HIPC-Initiative für hochverschuldete Ländern in den 1990er-Jahren beinhaltete einen Schuldenerlass.

Droht uns wie damals eine neue Finanz- und Schuldenkrise in den Schwellenländern?
Ja. Einige Länder sind bereits in eine Abwärtsspirale aus Wachstums- und Finanzkrise geraten. Die enormen Haushaltsdefizite und Schuldenzahlungen überfordern diese Volkswirtschaften. Hinzu kommt, dass die dortigen Banken durch faule Kredite in Schwierigkeiten kommen.

Sind sich die meisten Regierungen inzwischen einig, dass man diese Krise nur gemeinsam erfolgreich bekämpfen kann?
Innerhalb der G20 ist man sich einig, dass wir es mit einer globalen Krise zu tun haben, die eine globale Reaktion erfordert. Das sieht man auch an den enormen Investitionen, die im Moment in die Entwicklung von Impfstoffen gesteckt werden.

Reiche Länder horten Impfstoffe

Was tut die Weltbank, um die Pandemie zu bekämpfen?
Wir haben einen Fonds von bis zu zwölf Milliarden Dollar angelegt, der helfen soll, Impfstoffe für Länder mit mittlerem oder geringem Einkommen zu kaufen und dort zu verteilen.

Sind die großen Pharmakonzerne bereit, ihre Impfstoffe für weniger Geld auch in ärmere Länder zu schicken?
Einige Unternehmen haben bereits angekündigt, dass sie ihre Impfstoffe auch den ärmeren Ländern zur Verfügung stellen wollen. Die Pharmaindustrie investiert viel Geld in die Entwicklung, aber die Firmen wissen auch, dass sie am Ende davon profitieren, wenn ihre Produkte möglichst breit verteilt werden. Ich habe den Eindruck, dass die Branche unter Hochdruck an Impfstoffen arbeitet und bereit ist, ihre Bemühungen mit internationalen Organisationen zu koordinieren.

Haben reiche Länder durch Vorbestellungen mehr Impfstoffe gehortet als sie benötigen?
Einige Länder versuchen, Zugang zu möglichst vielen Impfstoffen zu bekommen. Die Weltbank ist sich einig, dass wir unsere Mittel einsetzen müssen, um die Impfstoffe auch an ärmere Länder zu verteilen. Dabei werden wird darauf achten, dass wir nur solche Medikamente kaufen, die von den Aufsichtsbehörden genehmigt wurden. Das Problem, dass einige Länder mehr bestellt haben, als sie wirklich brauchen, wird sich auflösen, wenn die Impfstoffe verfügbar sind und klar wird, welche davon effektiv sind.

Sollten mehr Länder bei der internationalen Impfstoffplattform COVAX mitmachen, die zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation WHO mitgetragen wird?
Wir haben COVAX von Anfang an unterstützt, sind als Beobachter daran beteiligt. Die bereitgestellten Gelder sind allerdings noch nicht substanziell. Die Weltbank will den Impfstoffherstellern signalisieren, es gibt Finanzmittel, um die Medikamente auch in ärmere Länder zu bringen, und wir sind in der Lage, diese Mittel bereitzustellen. Die Industrie weiß also, es gibt eine Nachfrage von Entwicklungsländern, die auch durch nötige Finanzmittel gedeckt ist. Unsere Finanztochter IFC ist außerdem in der Lage, Hersteller zu unterstützen, sobald Impfstoffe verfügbar sind.

Anders als bei früheren Epidemien halten sich die USA bei internationalen Hilfsinitiativen wie COVAX zurück. Wäre es nicht besser, Washington würde hier eine führende Rolle übernehmen?
Die USA sind mit Abstand der größte Geldgeber für die Entwicklung von Impfstoffen durch den Privatsektor. Wichtig ist, dass die Produkte dann auch in ärmere Länder gehen, wo sie besonders dringend gebraucht werden. Die Weltbank spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Wird die globale Arbeitsteilung nach Ende der Pandemie anders aussehen und ist das ein Nachteil für ärmere Länder?
Die Lieferketten rund um den Globus verändern sich im Moment. Das stellt einige der Schwellenländer sicher vor neue Herausforderungen. Für andere ergeben sich aber neue Chancen. Insbesondere, wenn ihr Kapital und ihre Arbeitskräfte mobil sind, ergeben sich neue Wachstumsmöglichkeiten in der Zukunft.

Herr Malpass, vielen Dank für das Interview.