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Wasserstoff-Start-up Sunfire startet Produktion von E-Fuels im industriellen Maßstab

Bislang gab es nur kleine Testprojekte für die Herstellung von synthetischem Kraftstoff. Das Dresdner Start-up Sunfire startet jetzt in die kommerzielle Massenproduktion.

Während die Bundesregierung in den vergangenen Tagen noch die letzten Details für die lang ersehnte Wasserstoffstrategie diskutiert hat, schafft das Dresdner Start-up Sunfire im Ausland Fakten: Gemeinsam mit mehreren europäischen Partnern will das Wasserstoffunternehmen in Norwegen die erste Anlage zur Produktion von synthetischen Kraftstoffen im industriellen Maßstab bauen. Das erfuhr das Handelsblatt vorab.

„Wir verlassen die Pilotphase und gehen jetzt zum ersten Mal in die Kommerzialisierung“, sagte Sunfire-CEO Carl Berninghausen im Gespräch mit dem Handelsblatt. 2023 soll die Produktion mit zehn Millionen Litern pro Jahr starten. Ab 2025 sind 100 Millionen Liter synthetischer Kraftstoff pro Jahr geplant. „Wir müssen zeigen, dass es funktioniert und auch wirtschaftlich ist. Dann werden andere unserem Beispiel folgen“, ist Berninghausen überzeugt.

Die sogenannte Power-to-X-Technologie (PtX) gilt als wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Energiewende. Mithilfe des strombasierten Elektrolyseverfahrens werden CO2 und Wasser zu Wasserstoff umgewandelt, der dann entweder direkt eingesetzt oder auch gespeichert werden kann. Er lässt sich aber auch wieder in Strom umwandeln oder zu Gas und synthetischem Kraftstoff (E-Fuels) weiterverarbeiten. Wird für die Elektrolyse Ökostrom verwendet, ist auch das Endprodukt entsprechend grün.

Den Nutzen von grünem Wasserstoff sehen Experten in der Luft- und Schifffahrt, aber auch in großen Teilen der Industrie – zum Beispiel in der Chemie- oder Stahlbranche, wo Wasserstoff heute noch ausschließlich aus fossilen Energiequellen hergestellt wird. Gerade erst am Montag hat der Stahlriese Thyssen-Krupp verkündet, die Produktion seiner Wasserstoffanlagen noch einmal zu beschleunigen. Die grüne Alternative soll in zehn Jahren die Kokskohle bei der Befeuerung der energieintensiven Hochöfen ablösen.

Länder wie Japan, Österreich und die Niederlande haben bereits eigene Wasserstoffstrategien vorgelegt, und auch die Bundesregierung konnte sich nach monatelangen Diskussionen auf einen gemeinsamen Kurs einigen. Sie will Deutschland auf diesem Feld zum „Ausrüster der Welt“ machen, heißt es im Eckpunktepapier für das Konjunkturpaket. Die Entwicklung von Produktionsanlagen soll gefördert werden, außerdem wird der Strom für die Wasserstoffanlagen von der EEG-Umlage befreit. Bis 2030 sollen zunächst Anlagen von bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen, bis 2035 sollen weitere Kapazitäten dazukommen.


Sunfire hat sich für die erste Produktionsanlage trotzdem gegen einen Standort im Heimatland entschieden. „Wir können in Deutschland gar nicht genug erneuerbare Energien generieren, um den Kraftstoffsektor zu dekarbonisieren. In Ländern wie Norwegen allerdings schon“, erklärte CEO Berninghausen den Schritt. Die Elektrolyse könne man dort immerhin mit 100 Prozent grünem Strom versorgen. Teil des europäischen Konsortiums mit dem Namen Norsk e-Fuel sind neben Sunfire unter anderem der Anlagenbauer Paul Wurth, das von zwei deutschen gegründete schweizerische Start-up Climeworks und die grüne Investmentfirma Valinor aus Norwegen.

Man sei schon mit einer ganzen Reihe von potenziellen Abnehmern im Gespräch, vorwiegend aus der Flugkraftstoffbranche. Die ersten Kunden müssen allerdings einen ziemlich hohen Preis zahlen. „Unsere Partner werden am Anfang 3,50 Euro pro Liter bezahlen. Das ist natürlich kein dauerhafter Preis, aber für den Einstieg nötig, damit wir auch schnell wirtschaftlich arbeiten können“, rechtfertigt Berninghausen.

Teurer Kraftstoff

Der hohe Preis ist genau das, was grünen Wasserstoff bislang vom Durchbruch abgehalten hat. Noch arbeiten PtX-Projekte in einem kleinen Maßstab, meist auf Pilotbasis und alles andere als rentabel. Sunfire ist überzeugt, dass die Massenproduktion den Preis allerdings auf ein wettbewerbsfähiges Niveau drücken kann. „Wenn die Produktion erst einmal bei 100 Millionen Liter pro Jahr angekommen ist, werden wir auch den synthetischen Kraftstoff für ungefähr 1,50 Euro pro Liter verkaufen können“, sagt der Sunfire-Chef.

Langfristig rechnet Berninghausen damit, dass sich der Preis bei 1,20 Euro je Liter einpendeln wird. Das ist dann zwar immer noch nicht günstig, aber immerhin in einer Liga mit anderen erneuerbaren Kraftstoffen wie Biodiesel oder Ethanol, hierzulande auch bekannt unter dem Namen E10.

Ganz grün wird der künstlich hergestellte Kraftstoff allerdings am Anfang noch nicht sein. Das CO2, das für den Vorgang der Elektrolyse benötigt wird, kommt unter anderem von Industrieanlagen wie norwegischen Zementfabriken. „Noch gibt es unvermeidbare CO2-Flüsse, die wir zu diesem Zeitpunkt auch noch nutzen werden. Aber langfristig gehen wir davon aus, dass wir das benötigte Kohlendioxid komplett von Unternehmen wie Climeworks beziehen werden“, gibt Berninghausen zu.

Das Klima-Start-up Climeworks liefert schon jetzt einen Teil des Klimagases. Das CO2 kommt allerdings nicht aus der Industrie, sondern direkt aus der Atmosphäre. Dort zieht Climeworks das schädliche Treibhausgas mit einer Art überdimensioniertem Luftfilter ab. „Auf der vollen Ausbaustufe werden wir in der Lage sein, den CO2-Ausstoß von schwer zu dekarbonisierenden Sektoren wie der Luftfahrt um ganze 250.000 Tonnen pro Jahr zu reduzieren“, sagt Climeworks-Chef Christoph Gebald. Die Anlage in Norwegen soll als Blaupause für mehrere Projekte im ganzen Land dienen. Aber auch in Deutschland hofft Sunfire, irgendwann synthetische Kraftstoffe herstellen zu können.

„Es wäre ein großer Fortschritt, wenn wir unsere Technik auch in Deutschland profitabel zum Einsatz bringen können. Wenn wir grünen Strom wirklich ohne EEG-Umlage nutzen können, dann werden wir auch hier eine Produktion aufbauen“, kündigt Berninghausen an. So oder so ist er überzeugt, dass die Nachfrage das Angebot schon bald übersteigen wird.