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Viele Eltern sehen kaum Fortschritte bei Digitalangeboten an Schulen

Neuerer, Dietmar
·Lesedauer: 4 Min.

Das digitale Lernen hat in Zeiten von Corona stark an Bedeutung gewonnen. Doch bei digitalen Unterrichtsangeboten geht es nur langsam voran, zeigt eine aktuelle Umfrage.

Homeschooling statt Präsenzunterricht, Lernsoftware statt Bücher: Das digitale Lernen hat coronabedingt erheblich an Bedeutung gewonnen. Foto: dpa
Homeschooling statt Präsenzunterricht, Lernsoftware statt Bücher: Das digitale Lernen hat coronabedingt erheblich an Bedeutung gewonnen. Foto: dpa

Die Kultusminister der Länder werden Anfang nächsten Jahres über das weitere Vorgehen an den Schulen in der Corona-Pandemie beraten. Dabei dürfte möglicherweise auch der Stand der Digitalisierung in den Bildungseinrichtungen ein Thema sein.

Ein Großteil der Eltern sieht kaum Fortschritte bei digitalen Lehrangeboten. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsunternehmens Civey unter 1000 Eltern mit schulpflichtigen Kindern im Auftrag des Digitalverbands BVDW, die dem Handelsblatt vorliegt.

Danach sind mehr als zwei Drittel der Befragten (68,2 Prozent) der Ansicht, dass sich die digitalen Lehr- und Lernangebote der Schule ihrer Kinder seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie nur wenig oder gar nicht verbessert haben. Einen „eher starken“ Fortschritt bei den Digitalangeboten sehen 24,1 Prozent der befragten Eltern und lediglich 7,7 Prozent „sehr starke“ Verbesserungen.



Der Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), Matthias Wahl, kritisierte die Versäumnisse: „Wenn mehr als zwei von drei Eltern den Eindruck haben, dass sich in ihren Schulen fast nichts bewegt hat, ist das angesichts von neun Monaten Umstellungszeit ein sehr ernüchterndes Signal und ein schlechtes Zeugnis für die deutsche Bildungspolitik“, sagte Wahl dem Handelsblatt.

Der BVDW-Präsident fordert als Konsequenz „klare Vorgaben und eine entsprechende Kommunikation der Bundesländer an die Schulen und Lehrer, welche Tools genutzt werden können und sollen“. Dabei dürfe in dieser Notlage der Datenschutz kein Mantra sein, „während wir gleichzeitig richtigerweise allerorts schwere Grundrechtseingriffe zum Schutz der Gesundheit akzeptieren“.

Skandinavien als Vorbild

Kritisch sehen die Eltern laut der Umfrage auch, dass die Schulpolitik in Deutschland Sache der Bundesländer ist. Fast jeder Zweite (46,1 Prozent) bejaht demnach mit Blick auf digitalen Unterricht die Aussage, dass eine zentrale Regelung durch den Bund nötig sei.

Dagegen sind 37,2 Prozent der Ansicht, dass Lehrer, Eltern und Schüler für digitales Lernen lediglich mehr Zeit bräuchten. Gut ein Fünftel (22,1 Prozent) sieht keinen Änderungsbedarf und meint, Schulen sollten nicht digitaler werden.

BVDW-Präsident Wahl forderte von der Bildungspolitik vor diesem Hintergrund, sich stärker an skandinavischen Ländern zu orientieren. Dort sei man bereits vor Corona im Bereich der digitalisierten Schule weiter gewesen. Sicherlich auch, weil man ohne föderale Struktur wie in Deutschland Vorhaben besser durchsetzen könne, fügte Wahl hinzu. „In unserem System wird viel diskutiert, es werden Kompromisse vereinbart, dabei verlieren wir mitten in der Pandemie regelmäßig Zeit.“



Das sei auch im Sommer so gewesen, wodurch bei der Digitalisierung der Schulen „mehrere Monate verschlafen“ worden seien. „Wir müssen an dieser Stelle einmal über unseren Schatten springen, um voranzukommen“, verlangte Wahl.

Auch bei der Unterrichtsgestaltung offenbart die BVDW-Umfrage teilweise Defizite. So erleben 30,4 Prozent der Befragten die Lehrer als Förderer von digitalen Unterrichtsangeboten, 26 Prozent empfinden sie als Blockierer, 38,5 Prozent sind laut Umfrage bei dem Thema unentschieden.

Schulen geschlossen oder Präsenzpflicht ausgesetzt

„Es zeigt sich ein gespaltenes Bild“, sagte BVDW-Vizepräsident Marco Zingler dem Handelsblatt. „Aus unserer Sicht ist der Blockierer-Anteil aber viel zu hoch“, betonte Zingler. „Es darf keinen einzigen geben, vor allem in Zeiten einer solchen Gesundheitskrise.“

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind deutschlandweit die Schulen geschlossen, oder die Präsenzpflicht ist ausgesetzt worden. Voraussichtlich am 4. Januar wollen die Kultusminister der Länder über das weitere Vorgehen beraten. Einen Tag später sind Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder geplant. Dabei soll es um die Zeit nach dem zunächst bis 10. Januar geplanten Lockdown gehen.



Die bis zum Jahresende amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte der „Rheinischen Post“ gesagt, dass die KMK vor dem Gespräch Merkels mit den Ländern „zum weiteren Verlauf des Schuljahrs 2020/2021 beraten und abstimmen“ wolle. Bisher ist noch weitgehend offen, in welcher Form der Unterricht ab dem 11. Januar weitergeht.

Der Deutsche Lehrerverband geht nicht davon aus, dass die Schulen dann schon zum regulären Präsenzunterricht zurückkehren können. Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagte der Agentur dpa, abhängig vom Corona-Infektionsgeschehen werde es Phasen des Distanzunterrichts oder Wechselunterrichts mit halbierten Klassen geben. Meidinger bekräftigte seine Forderungen nach einem bundesweiten Stufenplan. Dieser müsse regeln, ab welchen regionalen Inzidenzwerten wie gehandelt werden müsse.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek rief dazu auf, bei weiteren Einschränkungen im Schulbetrieb besonders auf die lernschwachen Schüler zu achten. Diese dürften in den kommenden Monaten nicht noch weiter zurückfallen, betonte die CDU-Politikerin. – In der ersten Januarwoche wollen sich die Kultusminister der Länder treffen, um darüber zu beraten, wie es an den Schulen weitergehen soll.