Deutsche Märkte öffnen in 6 Stunden 28 Minuten

US-Notenbank senkt überraschend Leitzins – Effekt verpufft

ARCHIV - 02.08.2017, USA, Washington: Das Marriner S. Eccles Federal Reserve Board Building, Hauptsitz der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die US-Notenbank gibt am Mittwoch ihre Entscheidung zur Höhe des Leitzinses bekannt. Foto: Pablo Martinez Monsivais/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Die US-amerikanische Notenbank hat am Dienstag überraschend ihren Leitzins reduziert. Sie reagiert damit auf Sorgen der Anleger wegen des Coronavirus.

Es war eine Überraschung für die Märkte: Die US-Notenbank Federal Reserve senkte die Zinsen am Dienstagvormittag (Ortszeit) um 0,5 Prozentpunkte auf die Spanne von ein bis 1,25 Prozent. Doch der Effekt verpuffte: Die Aktienmärkte stiegen kurz nach der Ankündigung kräftig, büßten die Gewinne aber schnell wieder ein.

Nach einer Pressekonferenz des Fed-Chefs Jerome Powell drehten die großen US-Indizes sogar ins Minus. Zuletzt notierte der Dow Jones 3,2 Prozent im Minus bei 25.853 Punkten, der breiter gestreute S & P 500 notierte 3,6 Prozent niedriger bei 2977 Zählern, und der Index der Technologiebörse Nasdaq lag 3,9 Prozent im Minus bei 8533 Punkten.

Zwei Stunden vor Handelsschluss in New York fiel die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen zum ersten Mal überhaupt unter die Marke von einem Prozent. Anleger flüchteten sich wegen der neuen Turbulenzen in sichere Papiere. Die Renditen von Anleihen sinken, wenn deren Preise steigen.

Powell versuchte zu beschwichtigen. „Die Fundamentaldaten der US-Wirtschaft bleiben stark. Aber das Coronavirus ist ein Risiko für die wirtschaftlichen Aktivitäten.“ Daher hätten die Notenbanker einstimmig entschieden, mit einer deutlichen und außerplanmäßigen Zinssenkung einzugreifen. Normalerweise liegen Zinsschritte bei 0,25 Prozentpunkten. Der nächste reguläre Zinsentscheid ist für den 18. und 19. März angesetzt.

„Die wichtigen Lösungen zu diesem Problem müssen natürlich von anderen Akteuren kommen, vor allem aus dem Gesundheitsbereich“, räumte Powell ein. „Doch wir wollen unseren Teil dazu beitragen.“

Die Geldpolitiker um Powell standen vor einer schwierigen Entscheidung: Die Lehren aus der Finanzkrise zeigen, dass die Fed nicht zu lange warten und nicht zu zögerlich handeln soll. Andererseits will die Notenbank nicht zu früh ihr Pulver verschießen. Powell senkte die Zinsen im vergangenen Jahr mehrmals, nachdem US-Präsident Donald Trump immer wieder Druck auf die Notenbank ausgeübt hatte.


Gleichzeitig seien proaktive Entscheidungen der Notenbank „ immer schwierig“, gab Randall Kroszner, Ökonomieprofessor in Chicago und früherer Fed-Gouverneur im US-Börsensender CNBC zu bedenken. „Einerseits besteht das Risiko, die Märkte unnötig mit dem Schritt zu verunsichern. Andererseits kann die Fed schnell in die Kritik geraten, wenn sie nicht frühzeitig eingreift.“

Ähnlich gespalten reagierten die Marktbeobachter auf diesen ungewöhnlichen Schritt.

„Die Fed kann das Virus nicht bekämpfen“, gibt der unabhängige Ökonom Ed Yardeni zu bedenken. Hier gehe es um Probleme bei den Lieferketten und um medizinische Lösungen. Geldpolitik könne hier nicht viel ausrichten. Dennoch: „Die Zinssenkung hilft dabei, das Schlimmste abzufedern“, schrieb Satyam Panday von S & P Global Ratings in einem aktuellen Bericht. Er weist darauf hin, dass geldpolitische Maßnahmen immer zeitverzögert greifen. „Die Zinssenkung jetzt wird bei der wirtschaftlichen Erholung helfen, sobald die Sorgen über das Coronavirus abebben.“

Nach der Ankündigung gerieten vor allem US-Bankaktien unter Druck. Niedrigere Leitzinsen könnten einerseits zwar für mehr Stabilität an den Märkten sorgen, andererseits führen sie zu weniger Zinseinnahmen.

Nach den Turbulenzen der vergangenen Woche hatten die Anleihemärkte Druck ausgeübt. Die Rendite auf zweijährige Staatsanleihen war vergangene Woche zum ersten Mal seit Jahren ebenfalls auf unter ein Prozent gerutscht. Eine Reihe von Marktbeobachtern hatte daher einen drastischen Zinsschritt erwartet. „Das ist es, was die Märkte wollen, und die Fed neigt dazu, genau das zu tun“, sagt der unabhängige Ökonom Ed Yardeni.

Die Zinssenkung stößt auch die Debatte erneut an, wie weit sich die Fed von der Politik und von den Märkten treiben lässt. Powell hatte stets betont, dass sich die Fed nicht um die Märkte per se sorge, sondern um die Auswirkungen von Marktturbulenzen auf die Realwirtschaft. Dass es Druck aus dem Weißen Haus gegeben hatte, wies er zurück. „Wir werden nie aus politischen Gründen handeln, es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit das versteht.“


Die Notenbank „hatte keine Wahl“, glaubt Daniel Alpert, Mitgründer der Investmentbank Westwood Capital. „Es war keine Reaktion auf Präsident Trumps Forderungen, auch wenn es so aussieht. Das war vermutlich eine sehr schmerzhafte Entscheidung.“

Eine drängende Frage ist, ob die Fed die Zinssenkungen als temporären Schritt ansieht und die Zinsen wieder anhebt, wenn das Virus abebbt und die Wirtschaft sich stabilisiert. Powell ließ die Antwort auf der Pressekonferenz offen. Er betonte jedoch, dass die Fed die Situation genau beobachte und wenn nötig eingreifen werde, das gelte für Zinssenkungen genauso wie für Zinssteigerungen. Zudem stehe die Fed im regen Austausch mit anderen Notenbanken, nachdem auch die Finanzminister der sieben größten Industriestaaten (G7) am Dienstag Unterstützung signalisiert hatten.

Trump will weitere Zinssenkungen

US-Finanzminister Steven Mnuchin sagte, dass die Zölle auf chinesische Güter weiter aufrechterhalten werden würden. Er stellte jedoch Hilfen für kleine und mittelständische Unternehmen in Aussicht und begrüßte die Entscheidung der Fed. Zudem erwägt die US-Regierung offenbar, einen Hilfsfonds aufzusetzen, wie das „Wall Street Journal“ berichtet. Der soll Krankenhäuser und Ärzte dafür kompensieren, wenn sie unversicherte Amerikaner behandeln.

Millionen von Amerikanern haben keine Krankenversicherung. Das soziale Netz ist deutlich dünner als in vielen europäischen Ländern. Die Sorge ist daher, dass viele nicht zum Arzt gehen und weiter arbeiten. Arztbesuche können schnell Tausende Dollar kosten. Wer fest angestellt ist, hat in der Regel nur fünf Krankheitstage pro Jahr. Damit könnte sich das ohnehin hochansteckende Coronavirus noch schneller in den USA ausbreiten.

Am Mittwoch gibt es auch ein Treffen der kanadischen Notenbank. Beobachter erwarten, dass auch sie die Zinsen senken könnte. Auch in den USA könnte es weiter nach unten gehen, glaubt etwa Michael Feroli, Chefökonom von JP Morgan. US-Präsident Donald Trump wäre das nur recht. Er meldete sich via Twitter zu Wort und forderte weitere Zinssenkungen. „Die Fed muss sich auf ein Level mit anderen Notenbanken begeben“, so der Präsident.

Am Abend schauen Anleger dann auf die Vorwahlen. Am sogenannten „Super Tuesday“ wählen gleich 14 Bundesstaaten ihren Favoriten für die demokratische Partei. Vergangene Woche hatte der linke Kandidat Bernie Sanders die Anleger zusätzlich verunsichert, weil er überraschend gut abgeschnitten hatte. Sanders bezeichnet sich selbst als Sozialist und kandidiert mit der Forderung, eine gesetzliche Krankenversicherung einzuführen und Studiengebühren abzuschaffen. Das würde die Wall Street erheblich belasten.

Am Samstag konnte Joe Biden, ein Kandidat der Mitte, jedoch Sanders Momentum brechen. Nachdem Pete Buttigieg und Amy Klobuchar in den vergangenen Tagen ihre Kandidatur beendet hatten, werden die Kräfteverhältnisse neu verteilt. Zum ersten Mal steht auch der Milliardär Michael Bloomberg auf dem Wahlzettel – er wäre der bevorzugte Kandidat der Finanzwelt.