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Die US-Demokraten sind der Sanders-Hysterie ausgeliefert

Den linksgerichteten Kandidaten der Demokraten scheint kaum noch was zu bremsen. Im moderaten Lager macht sich deshalb allmählich Verzweiflung breit.

In Washingtoner Politkreisen kursiert in diesen Tagen ein Witz. Demnach überlegen die Demokraten, ob sie nicht Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten anwerben sollten, um den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg von Bernie Sanders zu stoppen.

Urheber des Scherzes ist das Magazin „The Onion“ – und so abwegig er auch erscheinen mag, so erfasst auch dieser satirische Gedanke zumindest ein Stück Wahrheit. Denn Sanders und Trump haben mehr Gemeinsamkeiten, als ihnen lieb sein dürfte. Beide sind talentierte Volkstribune, die die Massen begeistern können: der eine links, der andere rechts.

Beide haben ihre Parteien mehr oder weniger feindlich übernommen: Trump hat die ebenso stolze wie konservative Partei der US-Republikaner innerhalb von nur drei Jahren in einen ihm hingebungsvoll ergebenen Präsidenten-Fanklub verwandelt. Sanders ist nicht einmal ordentliches Parteimitglied der Demokraten – und das moderate Parteiestablishment sieht sich dem selbst ernannten „demokratischen Sozialisten“ zunehmend hilflos ausgeliefert.

Sanders fast überall vorn

In Iowa, New Hampshire und Nevada hat der 78-jährige Senator aus Vermont bereits kräftig abgeräumt. Am Samstag wird in South Carolina abgestimmt. In dem Bundesstaat, der wegen seines afroamerikanischen Bevölkerungsanteils von 60 Prozent eigentlich als klares Territorium des ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden galt, liegt Sanders in den Umfragen inzwischen bei mehr als 20 Prozent.

Ob Kalifornien oder Texas – wo neben weiteren zwölf Bundesstaaten am kommenden Dienstag („Super Tuesday“) abgestimmt und über insgesamt ein Drittel aller Delegierten für den Nominierungsparteitag entschieden wird – fast überall liegt Sanders vorn.

Wie verzweifelt die Lage inzwischen ist, zeigte die TV-Debatte in Charleston in South Carolina am Dienstagabend. Die Attacken der demokratischen Mitbewerber konzentrierten sich dieses Mal nicht auf den umstrittenen New Yorker Milliardär Michael Bloomberg, sondern vor allem auf Sanders.

Pete Buttigieg, der frühere Bürgermeister von South Bend (Indiana), warnte eindringlich vor der Radikalisierung der Partei: „Wird Sanders Kandidat, gehen wir nicht nur das Risiko ein, dass Trump wiedergewählt wird.“ Die Demokraten würden auch ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und ihre Chancen auf eine Rückeroberung des Senats verlieren.

Amy Klobuchar, die moderate Senatorin aus Minnesota, attackierte Sanders‘ „vollkommen unrealistische“ Pläne für eine gesetzliche Krankenversicherung für alle Bürger, die „einfach nicht finanzierbar“ seien. Bloomberg wiederum warf Sanders vor, er lasse sich von Russlands Staatschef Wladimir Putin im Wahlkampf unterstützen. Und, so Bloomberg weiter, die Russen machten das nur, damit letztlich Trump wiedergewählt werde.

Biden warf dem Senator aus Vermont schließlich vor, er habe im Kongress gegen ein schärferes Waffenrecht gestimmt und noch schlimmer: Er nehme das kommunistische Regime in Kuba in Schutz.

Sanders verteidigte sich, im Gegensatz zu Trump sympathisiere er keinesfalls mit Autokraten – kämen sie aus Saudi-Arabien, China oder eben auch Kuba. Und: „Eine Krankenversicherung für alle zu fordern hat nichts mit Kommunismus zu tun, sondern ist ein allgemein anerkanntes Menschenrecht“, sagte Sanders.

Letzte Hoffnung für Biden

Doch es half nichts – die Attacken gingen weiter. Das Bild, das die Demokraten an diesem Abend abgaben, war das einer hysterischen Partei, die auch vor Polemik nicht zurückschreckt, um eines zu erreichen: den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Bernie Sanders‘ noch zu stoppen.
Auch die etablierten Medien tragen derzeit wenig dazu bei, die Debatte zu versachlichen. Sanders beklagt sich nicht ganz zu Unrecht darüber, dass führende Medien eine Kampagne gegen ihn zu führen scheinen. Chris Matthews etwa, Moderator beim Sender MSNBC und eine Instanz in der US-Medienwelt, verglich Sanders‘ Sieg in Nevada mit dem „Blitzkrieg der Nazis gegen Frankreich 1940“.

Das Problem aus Sicht der moderaten Republikaner: Bislang gilt das Muster, je aufgeregter die Anfeindungen gegen Sanders, desto geschlossener seine eingeschworene Fangemeinde. Die Lage der Demokraten hat erstaunlicherweise dazu geführt, dass ausgerechnet Biden, den viele bereits abgeschrieben hatten, nun doch noch auf ein Comeback hoffen darf. Der moderateste aller Bewerber betonte in Charleston, dass er sein „ganzes Leben für die Rechte der schwarzen Minderheit gekämpft“ habe.

„Ich werde South Carolina gewinnen“, rief der 77-Jährige, der in den drei vorherigen Vorwahlen enttäuschend abgeschnitten hatte. Tatsächlich braucht Biden für seine Kampagne dringend die Unterstützung der Afroamerikaner. In Umfragen liegt er in dem südöstlichen Bundesstaat mit 30 Prozent klar an der Spitze.

Will Biden seiner Favoritenrolle unter den moderaten Kandidaten noch gerecht werden, braucht er einen klaren Sieg in South Carolina. Bloomberg liegt in landesweiten Umfragen inzwischen mit knapp 15 Prozent dicht hinter ihm. Auch Buttigieg, der bei den ersten Vorwahlen überraschend stark abgeschnitten hatte, holt auf und kommt inzwischen auf mehr als zehn Prozent. 

Und Sanders? Er nahm die geballten Attacken seiner Parteikollegen in Charleston erstaunlich gelassen: „Ich höre meinen Namen heute Abend sehr oft“, sagte er: „Ich frage mich, warum.“ Sanders weiß um seinen Vorteil: Während das moderate Lager nach wie vor zersplittert ist, sammelt sich der linke Flügel hinter ihm. Inzwischen liegt Sanders auch in den landesweiten Umfragen mit knapp 29 Prozent deutlich vorn. Es folgt Biden – allerdings mit gut zehn Prozentpunkten dahinter.

Zwar vereinen die moderaten Kandidaten zusammen immer noch fast eine absolute Mehrheit hinter sich. Das Problem: Deren Anhänger können sich nicht entscheiden, wen der vier Kandidaten sie unterstützen wollen. Solange das so bleibt, kann Sanders entspannt bleiben – und die Satire genießen.