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Der Staat ist einer der wichtigsten Geldgeber des WWF Deutschland – wie unabhängig ist die Umweltorganisation?

Der Panda ist das bekannte Wappentier der Umweltorganisation WWF. Getragen wird sie von privaten Spenden - in Deutschland aber auch zu einem erheblichen Teil aus Steuergeldern. - Copyright: picture alliance/Beata Zawrzel/ NurPhoto
Der Panda ist das bekannte Wappentier der Umweltorganisation WWF. Getragen wird sie von privaten Spenden - in Deutschland aber auch zu einem erheblichen Teil aus Steuergeldern. - Copyright: picture alliance/Beata Zawrzel/ NurPhoto

Der WWF zählt zu den bekanntesten Umweltorganisationen in Deutschland. Die Umweltstiftung mit dem Panda im Logo kämpft nicht nur um die Rettung bedrohter Tiere. Sie steht auch täglich im harten Wettbewerb um Spendengelder für ihre Projekte. Der deutsche WWF, kurz für World Wide Fund for Nature, bezog im Geschäftsjahr 2020/21 etwa 60 Millionen Euro aus privaten Spenden und Erbschaften. Doch was die wenigsten Unterstützer wissen dürften: Einer der größten Geldgeber des WWF Deutschland ist die Bundesregierung. Die Frage ist daher: Wie unabhängig und politisch unbequem können Umweltschützer sein, die sich so stark auf die öffentliche Hand stützen?

Rund 33 Millionen Euro von staatlichen Institutionen in Deutschland und aus dem Ausland flossen im Geschäftsjahr 2020/21 in die weltweiten Projekte der Nichtregierungsorganisation (englische Abkürzung: NGO). Mehr als drei Viertel dieser Summe, über 26 Millionen Euro, stammen von den Bundesministerien für Umwelt und Entwicklung. Das ergibt sich aus dem neuen Lobbyregister des Deutschen Bundestages, das Business Insider ausgewertet hat. Seit diesem Jahr müssen sich Interessenvertreter, die an Abgeordnete oder Regierungsmitglieder herantreten, in das neue Register eintragen und umfangreiche Angaben machen - unter anderem zu Zahlungen öffentlicher Einrichtungen.

Immer neue Vorhaben sichern dem WWF die Steuergelder. Der WWF betont in seinem Jahresbericht, man arbeite „partnerschaftlich“ mit öffentlichen Stellen zusammen. Das unterscheidet ihn von Greenpeace. Die für ihre Protestaktionen bekannte Non-Profit-Organisation wirbt damit, kein Geld von Regierungen anzunehmen. „Der WWF ist eine staatsfreundliche NGO“, sagt Miranda Schreurs, Professorin für Umwelt und Klimapolitik an der TU München.

Öffentliche Gelder sind die zweitwichtigste Geldquelle des WWF

Die Einkünfte des deutschen WWF erreichten im vergangenen Jahrzehnt ungekannte Dimensionen. Seit 2010 haben sich die Einnahmen von 45 auf 113 Millionen Euro weit mehr als verdoppelt. Das liegt an einem massiv gesteigerten Spendenaufkommen, das mehr als die Hälfte der Einnahmen ausmacht. Aber auch an millionenschweren Kooperationen mit Unternehmen wie Edeka, die der Naturschutzorganisation immer wieder Kritik einbrachten. Doch führte das satte Plus nicht dazu, dass öffentliche Zuwendungen für den WWF unbedeutend geworden wären. Auch hier waren die Zuwächse enorm, es handelt sich um die zweitgrößte Einnahmequelle. Im Finanzjahr 2020/21 machten diese Zahlungen insgesamt 31 Prozent der finanziellen Mittel aus.

Der Anteil öffentlicher Gelder an den Einnahmen fällt beim WWF in den USA und in Großbritannien deutlich geringer aus, ebenso in den Nachbarländern Frankreich, Österreich und der Schweiz. Von den deutschen Steuermillionen profitieren auch andere Länderorganisationen der NGO. Der russische WWF finanzierte sich zuletzt zu rund einem Fünftel aus Geldern der Bundesregierung und einem Eigenanteil des WWF in Deutschland. Daran dürfte der Ukrainekrieg wenig ändern. Zwar gibt es Einschränkungen, doch grundsätzlich fallen Klima- und Umweltprogramme laut Bundesumweltministerium nicht unter die EU-Sanktionen.

Im Bundesumweltministerium betrachtet man Umwelt- und Naturschutzverbände wie den WWF als Partner. „Weil die Verbände in ihrer Meinungsbildung unabhängig sind, genießen sie in der deutschen Bevölkerung ein hohes Ansehen und Glaubwürdigkeit“, erklärt ein Sprecher. Es sei das Anliegen der Bundesregierung, die Umweltbewegung zu unterstützen und finanziell zu fördern, „auch dann, wenn Verbände nicht die Positionen der jeweiligen Bundesregierung vertreten.“

WWF: Gelder haben "keinen Einfluss" auf "politische oder inhaltliche Arbeit"

Was sagt der WWF zu den Geldflüssen aus den Ministerien? Wie andere Umwelt- und Naturschutzorganisationen werbe man Gelder für Projekte ein, die mit den eigenen Zielen übereinstimmten, erklärt eine Sprecherin. Sie verweist auf Ausschreibungsverfahren und darauf, dass die Mittel „projektgebunden, Inhalte und Ziele klar definiert“ seien. Man setze bei der Finanzierung des WWF auf eine „starke Diversifizierung“, also eine Verteilung der Geldquellen. Über die Projekte hinaus hätten die öffentlichen Fördermittel „keinen Einfluss“ auf die „politische oder inhaltliche Arbeit“ des WWF.

Das sehen im Bundestag offenbar nicht alle so. Der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler prüft im Haushaltsausschuss das Budget des Umweltministeriums, das in der Ampel-Koalition den Grünen zufiel. Dazu passen für Schäffler die Millionen für den WWF, aus seiner Sicht unterstützen „grüne Ministerien ihr Klientel mit Steuergeldern“. Er sagt: „Da wäscht eine Hand die andere.“ Der Liberale geht noch einen Schritt weiter: „Wer einen so hohen Anteil von Steuergeldern für seine Aufgabenerfüllung erhält, kann sicherlich nicht mehr als Nichtregierungsorganisation gelten“, findet Schäffler. „Dann ist man Teil des Regierungsapparats.“

Zurückhaltender äußern sich Umweltpolitiker aus Regierung und Opposition. Judith Skudelny gehört wie Schäffler der FDP an, sie ist umweltpolitische Sprecherin des Koalitionspartners von SPD und Grünen. Sie sagt: „Was nicht passieren darf ist, dass aus einer Projektförderung die dauerhafte Finanzierung einer Nichtregierungsorganisation wird.“ Auch die Oppositionspolitikerin Anja Weisgerber (CSU), bei der Union zuständig für Umweltfragen, hält es für wichtig, dass „Mittel für konkrete Projekte mit klaren und verbindlichen Zeitrahmen“ genutzt werden.

Expertin nennt deutsche Förderung von NGOs "ungewöhnlich"

„Es ist sehr ungewöhnlich, dass man ein Land wie Deutschland hat, in dem der Staat so eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen spielt“, sagt Politikwissenschaftlerin Schreurs von der TU München. Das finde man in den meisten anderen Ländern nicht. „Wenn so etwas in einem Land wie China stattfinden würde, dann hätte man Angst, dass die Regierung das alles kontrolliert.“

In Deutschland werde erwartet, dass der Staat vieles übernehme, sagt Schreurs. „Wenn man diese Förderung für die Zivilgesellschaft wegnehmen würde, bestünde die große Gefahr, dass ganz viele dieser Institutionen wegfallen würden.“ Sie sieht die NGOs dennoch nicht in einer Abhängigkeit von der politischen Agenda der Regierung, das „deutsche Modell“ funktioniere. Das sei ein Grund, weshalb Deutschland zurzeit eine der „stärksten Demokratien in der Welt“ sei. „Die Frage ist: Wie stellt man diese Unabhängigkeit langfristig sicher? Wie weit ist der WWF auch bereit, kritisch zu sein?“

Der Lobbyismus-Forscher Marcel Hanegraaff von der Universität Amsterdam hat auf der Ebene der Europäischen Union untersucht, ob kritische NGOs weniger Fördergelder erwarten dürfen. „Wir haben keine Auswirkungen gesehen“, sagt Hanegraaff. „Im Grunde kann man die Hand beißen, die einen füttert, zumindest im europäischen Kontext.“ Man könne so kritisch sein, wie man wolle, erklärt der Experte. „Der WWF kann genauso kritisch sein wie Greenpeace, auch wenn er Geld erhält.“