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Ich spare 60 Prozent meines Einkommens und lebe mit meiner Familie von 870 Euro im Monat – so schafft ihr das auch, wenn ihr euch eine simple Frage stellt

·Lesedauer: 6 Min.
Oliver Noelting bloggt über sein sparsames Leben auf "frugalisten.de".
Oliver Noelting bloggt über sein sparsames Leben auf "frugalisten.de".

Würdet ihr es schaffen, 60 Prozent eures Einkommens zu sparen, trotz Ausgaben für eine kleine Familie? Oliver Noelting schafft das - und hat dabei nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten. Der Softwareentwickler lebt von 870 Euro im Monat, um sein Ziel zu erreichen: finanzielle Freiheit.

Noelting ist ein sogenannter Frugalist und betreibt zum Thema einen gleichnamigen Blog. Lange Zeit hatte er das Ziel, mit 40 in Rente zu gehen. Bis dahin wollte er genug Geld beiseite geschafft und in ETFs investiert haben, um davon für den Rest seines Lebens leben zu können und nicht mehr arbeiten zu müssen. Doch von diesem Plan hat er inzwischen etwas Abstand genommen.

Größere Ersparnisse schenken die Freiheit, Neues zu wagen

"Ich habe das nicht als starres Ziel, sondern immer als Leitlinie verstanden. Inzwischen habe ich aber schon ein gewisses Vermögen angespart und wir sind Eltern geworden", sagt Noelting im Gespräch mit Business Insider. Ein angesparter Sicherheitspuffer ermöglicht schon jetzt finanzielle Freiheit, beispielsweise um Arbeitszeit zu reduzieren, länger in Elternzeit zu gehen, ein Sabbatical zu machen oder eine Selbstständigkeit zu wagen.

"Mein neuer Gedanke ist, dass man schon vor der Rente mit 40 unabhängiger und freier wird, auch wenn dadurch vielleicht die endgültige Freiheit weiter nach hinten rückt", meint der 32-Jährige. Schon vor einiger Zeit hat er seine Arbeitszeit in seinem Job als Festangestellter auf 24 Stunden pro Woche reduziert. Zusammen mit seiner Selbstständigkeit kommt er aktuell auf etwa 30 bis 35 Stunden Arbeit in der Woche.

Oliver Noelting lebt von durchschnittlich nur 870 Euro im Monat.
Oliver Noelting lebt von durchschnittlich nur 870 Euro im Monat.

Dadurch hat er sich mehr Zeit geschaffen für sein Privatleben. Nach Noeltings Überzeugung legt man in seinen 20ern und 30ern die Gewohnheiten für das restliche Leben fest. Wer jetzt schon auf eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung und Sport achtet, tut dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch später. "Man legt die Grundlagen für ein gesundes, zufriedenes und erfolgreiches Leben", glaubt er.

Spartipps: So lebt man von 870 Euro im Monat

Doch wie schafft man es, von nur 870 Euro zu leben? So viel Geld gab Noelting 2020 im Monat durchschnittlich für sich selbst und anteilig auch für sein Kind aus. Während des ersten Shutdowns im März waren es sogar nur 630 Euro. "Ich habe keinen Lebensstil, bei dem ich das Gefühl habe, ich verzichte auf Dinge", betont der Blogger.

"Als Erstes würde ich ein Haushaltsbuch empfehlen", sagt Noelting, der selbst seine Einnahmen und Ausgaben seit 2013 in einer Excel-Tabelle einträgt. "Dann bekommt man ein Gefühl dafür, wo das ganze Geld hingeht." Sobald das Bewusstsein für die Ausgaben da ist, sollte man sich fragen: "Welche Dinge bringen mir Lebensglück?" Wofür gibt man nur aus Faulheit oder schlechter Angewohnheit Geld aus? Wie könnte man das gleiche Bedürfnis für weniger Geld stillen, beispielsweise indem man den Stromanbieter wechselt oder das Mittagessen ins Büro mitbringt?

"Als Zweites finde ich eine positiv-optimistische Lebenseinstellung wichtig: Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Oft wird etwas nur aus dem Gefühl heraus, das etwas fehlt, gekauft", meint der Frugalist. Sein dritter Spartipp lautet: Zu Beginn bei den großen Posten ansetzen.

"Ich würde immer bei der Wohnsituation anfangen, das ist meistens die größte Ausgabe. So spart man ganz automatisch jeden Monat", sagt Noelting. Bei der Wohnung gelte seine Devise: So groß wie nötig und so klein wie möglich. Er selbst wohnt mit seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter in einer 46 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung. "Wir nutzen den Wohnraum effizient. Außerdem wohnen wir nah bei der Arbeit, das spart Zeit und auch noch hohe Kosten für ein Auto", sagt er. Durch den kleinen Wohnraum sind auch die Nebenkosten niedriger.

"Ich habe dieses Bedürfnis zu konsumieren gar nicht mehr."

In einer teuren Stadt sind günstige Mietwohnungen in der Nähe des Arbeitsplatzes nicht für jeden einfach zu finden. Aber auch dort gebe es Spielraum, wie eine möglichst kleine Wohnung zu nehmen oder etwas weiter wegzuziehen und für den Weg zur Arbeit ein E-Bike zu nutzen. "Es gibt viele Möglichkeiten. Frugalismus bedeutet auch, ein wenig out of the box zu denken", so Noelting.

Der Gedanke, so viel Geld wie möglich zu sparen, hat den Frugalisten zu Beginn angespornt. Er bestellte sogar verschiedene Duschköpfe, um zu testen, welcher am meisten Wasser spart. Zudem achtet er bei der Anschaffung von technischen Geräten auf den Stromverbrauch und nutzt LED-Lampen.

Der 32-Jährige versucht, so wenig wie möglich überhaupt neu zu kaufen: "Das kam auch aus dem ökologischen Gedanken heraus: Alles, was ich kaufe, wird eines Tages weggeworfen." Es soll aber kein Verzicht sein, sondern Spaß machen. "Wenn man eigentlich gerne konsumieren möchte, sich das aber verkneift, wird man eher unglücklich." Er hat deswegen versucht, kreative Alternativen zu finden, indem er beispielsweise kaputte Sachen repariert hat, sich etwas leiht oder selbst bastelt oder auch Freunde fragt. "Ich habe dieses Bedürfnis zu konsumieren gar nicht mehr."

https://www.facebook.com/frugalisten/posts/2649589398646530

Zwischen Zeit und Geld gibt es aber auch einen Zusammenhang. "Je weniger Zeit man hat, desto mehr Geld gibt man aus", sagt er. "Als Student habe ich viel selbst gemacht, weil ich die Zeit hatte. Heute als arbeitender Vater ist das nicht mehr so einfach." Trotzdem kauft er bis heute die meisten "neuen" Sachen gebraucht, zum Beispiel auf Ebay Kleinanzeigen.

"Ich stelle mir immer die Frage: Ist mir das Geld das wert?"

Zu einem Abend in der Kneipe mit Freunden würde er nicht aus Sparsamkeit nein sagen. Auch einen Segelurlaub für 1.000 Euro hat er schon gemacht. "Ich stelle mir immer die Frage: Ist mir das Geld das wert?", sagt Noelting.

Als er in der Corona-Pandemie plötzlich nur noch im Homeoffice arbeiten konnte, bereute er allerdings doch, nur eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern zu haben. Nun zieht die Familie in eine etwas größere Wohnung im gleichen Haus, in der er ein eigenes Arbeitszimmer bekommt. Dies lag aber auch an einem günstigen Angebot, so Noelting. "Man kann sich auch andere Lösungen überlegen, wie gute Kopfhörer, ohne gleich viel Geld auf das Problem zu werfen."

Am besten ist es seiner Meinung, schon direkt im ersten Job nach der Ausbildung oder dem Studium eine hohe Sparquote anzustreben. Als junger Vater findet er es "ultra hilfreich", über größere Ersparnisse zu verfügen. "Wenn man vorher schon Geld beiseite gelegt hat, kann man diese Zeit viel entspannter angehen. Wir können uns durch diesen sparsamen Lebensstil viel freier entscheiden", sagt Noelting. Seine Familie sei so nicht von Zwängen wie einer fremden Betreuungsmöglichkeit oder einer bestimmen Arbeitszeit abhängig. Und auch an sein Kind will er das Prinzip weitergeben, wenn es später einmal Konsumwünsche äußert. "Ich möchte meiner Tochter beibringen, dass Geld nicht auf Bäumen wächst und man auch mit wenig Geld glücklich sein kann."