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Spanien droht zum neuen Problemfall Europas zu werden

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Die Corona-Pandemie sorgt in dem Land für den stärksten Wirtschaftseinbruch in der EU. Experten erwarten eine Pleitewelle zum Jahreswechsel, Berlin ist besorgt.

Oscar Rivera rechnet nicht mehr, er betet jetzt. Dass sein Plan aufgeht und seine 120 Mitarbeiter nicht ihren Job verlieren. „Ich werfe gerade 14 Jahre Arbeit über den Haufen und fange noch einmal neu an“, sagt der Besitzer von sechs Restaurants in Madrid.

Seit er im Juni nach dem harten Lockdown in Spanien wieder öffnen durfte, liegt sein Umsatz 40 Prozent unter dem Vorjahreswert. Als die Pandemie ausbrach, war seine Kette schuldenfrei, jetzt steht er bei Banken mit einer Million Euro in der Kreide – nur um seine laufenden Kosten zu decken. Steigende Infektionen in Spanien und immer neue Restriktionen rücken eine Erholung seines Geschäfts in weite Ferne.

Der Gastro-Unternehmer ist damit nicht allein. Reihenweise haben Wirtschaftsforscher in den vergangenen Wochen ihre Prognosen für die spanische Wirtschaft gesenkt, die stärker als jede andere Volkswirtschaft Europas unter der Pandemie leidet. Das dürfte noch schlimmer werden, wenn es nicht bald gelingt, die Infektionen in den Griff zu kriegen.

Doch vor allem in der Region Madrid dominieren politische Machtspiele statt effizienter Virus-Bekämpfung. Spanien droht zum neuen Problemfall Europas zu werden. Berlin ist besorgt.

Der Internationale Währungsfonds erwartet für Spanien den größten Einbruch aller entwickelten Wirtschaftsnationen: ein Minus des Bruttoinlandproduktes von 12,8 Prozent in diesem Jahr. Die Regierung rechnet damit, dass die Schulden in diesem Jahr von ohnehin hohen 95 Prozent auf 118 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen – mehr als je zuvor in der Geschichte der Iberer.

Steigende Arbeitslosigkeit

„Von allen Krisenfolgen machen mir die Staatsschulden am meisten Sorgen“, sagt Juan Carlos Martínez Lázaro von der Madrider Business School IE. Dadurch bleibe Spanien verwundbar. Die Arbeitslosigkeit wird laut Regierung auf 19 Prozent steigen. Sie trifft vor allem junge Spanier, die nach der Immobilien- und Finanzkrise nun den zweiten heftigen Rückschlag erleben.

Im März hatte Restaurant-Besitzer Rivera die Hoffnung auf einen Gewinn für 2020 aufgegeben. Nun ist klar, dass er Lokale schließen muss. Und nicht nur das: „Ich muss die Gehälter senken, wenn ich verhindern will, dass die Leute auf der Straße landen“, sagt er.

Ihre Jobs und sein Geschäft will er retten, indem er bestehende Lokale schließt und dann neue mit niedrigeren Mieten eröffnet – mit großen Terrassen. Und die Speisen auf der Karte sollen billiger werden. „Die Gäste geben jetzt schon viel weniger Geld aus“, sagt er. „Dabei haben wir das Schlimmste der Krise noch gar nicht gesehen.“ Das werde sich zeigen, wenn Unternehmer wie er nächstes Jahr ihre staatlich garantierten Kredite zurückzahlen müssen, obwohl das Geschäft noch nicht wieder läuft.

Vor diesem Moment graut auch Experten. Einer von ihnen ist Fernando Santiago, Chef der Kammer für Deklarationsberatung. Deren Mitglieder betreuen Firmen und Privatleute bei Verwaltungsangelegenheiten - von der Steuererklärung bis zum Insolvenzantrag. Santiago hat so ein gutes Gespür dafür, was sich in der Realwirtschaft anbahnt. „Um die Jahreswende werden wir eine Lawine von Pleiten erleben“, prognostiziert er.

Unternehmen müssten ab dem 1. Januar wieder Insolvenzanträge stellen, für dieses Jahr hat die Regierung die Fristen dafür ausgesetzt. „Gerade viele kleinere Firmen warten bis zur letzten Minute – in der Hoffnung, doch noch einen Ausweg zu finden“, sagt Santiago.

Die Gespräche mit seinen Klienten handeln jetzt oft von menschlichen Dramen. „Ein Hotelier ruft mich jeden Tag an“, erzählt er. „Von elf Mitarbeitern musste er bis auf einen schon alle entlassen, aber er hängt an seinem Lebenswerk und will die Insolvenz unbedingt vermeiden.“ In seiner eigenen Beratung hat Santiago dagegen zehn Prozent mehr Mitarbeiter eingestellt, um die Flut von Aufträgen zu bewältigen, die er zum Jahreswechsel erwartet.

Die spanische Zentralbank geht davon aus, dass über 40 Prozent aller Firmen aus der Hotel-, Gast- und Freizeitbranche „finanziell verwundbar“ sind. In Katalonien sind Bars und Restaurants geschlossen, landesweit wird über eine nächtliche Ausgangssperre diskutiert. Der Tourismus aber macht zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

In der zweitgrößten Branche, der Autoindustrie, sind laut Zentralbank ein Drittel aller Unternehmen finanziell angeschlagen. 92 Prozent der Firmen haben zudem nicht mehr als fünf Mitarbeiter und können Krisen deutlich schlechter überstehen als Konzerne.

Die Probleme der Unternehmen treffen unweigerlich auch die Banken. Sie haben Milliarden Euro an Rückstellungen gebildet, um sich gegen drohende Zahlungsausfälle zu wappnen. Banco Santander hat deshalb im zweiten Quartal den ersten Verlust der Unternehmensgeschichte verbucht.

Um sich zu stärken, fusionieren mit Bankia und Caixabank bereits die ersten Institute, zwei weitere verhandeln. Zentralbankchef Pablo Hernández de Cos warnt: „Wir müssen auf jeden Fall vermeiden, dass die Gesundheitskrise, die sich zu einer Wirtschaftskrise entwickelt hat, am Ende zu einer Finanzkrise führt.“

Dafür müssten auch die politischen Kräfte an einem Strang ziehen. Doch just in der Region Madrid streiten die konservative Regionalregierung und die sozialistisch-linkspopulistische nationale Regierung seit Wochen über Maßnahmen gegen Corona. „Dass angesichts der Gesundheitskrise und der vielen verlorenen Menschenleben der politische Konflikt mit aller Vehemenz fortgeführt wird, droht den demokratischen Grundkonsens zu erschüttern, der bisher als Fundament die Stabilität des Gebäudes der spanischen Demokratie garantiert hat“, schreibt die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid in einer Analyse.

Strukturelle Schwächen rächen sich jetzt

Auch Spaniens strukturelle Schwächen schmerzen jetzt doppelt. Dazu gehört der Ärzte-Mangel in der Grundversorgung, der ersten Anlaufstelle für Infizierte. Die Gehälter der Mediziner sind niedrig, die Arbeitsverträge oft nur befristet. „Gerade die Jungen gehen deshalb lieber ins Ausland“, sagt der Madrider Notfallmediziner César Carballo. In anderen Branchen sieht es ähnlich aus: Ein Viertel aller Arbeitsverträge ist zeitlich befristet. Das treibt die Arbeitslosigkeit in der Krise schnell hoch.

In Berliner Regierungskreisen heißt es, man beobachte die Lage mit Sorge. Die Bundesregierung treibt die bange Frage um, ob die spanische Wirtschaft die Folgen der Krise schultern kann. Im Fokus steht Spanien in Berlin allerdings nicht. Innenpolitisch richtet sich der Blick auf die eigenen Infektionszahlen, außenpolitisch stehen andere Krisen und die US-Wahl im Zentrum.

Die Hoffnungen Spaniens ruhen indes auf Europa. Premier Pedro Sánchez will die 72 Milliarden Euro an Zuschüssen, die Spanien aus dem EU-Wiederaufbaufonds erhalten dürfte, in den kommenden drei Jahren für die Modernisierung der Wirtschaft ausgeben. „Geld aus Europa allein hilft nicht – Spanien braucht grundlegende Reformen“, sagt dagegen Iñigo Fernández de Mesa, Vizechef des spanischen Arbeitgeberverbands CEOE. Doch die dürften angesichts der verhärteten politischen Fronten schwer zu erzielen sein.

Mehr: Wirtschaftseinbruch in der Euro-Zone – Spanien am stärksten betroffen