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So wirkt sich Trumps Infektion auf den Wahlkampf aus

·Lesedauer: 8 Min.

Mit einer Videobotschaft will der US-Präsident Sorgen über seinen Zustand zerstreuen. Die Aussagen von Ärzten und Mitarbeitern widersprechen sich.

Wie geht es Donald Trump? Das ist die Frage, die nicht nur die Amerikaner in diesen Tagen umtreibt, seit der US-Präsident in der Nacht auf Freitag positiv getestet wurde. Während am Samstag vor dem Walter-Reed-Hospital mehr als 100 Fans mit Autohupen und „Trump 2020“-Fahnen ihrem Präsidenten ihre Unterstützung zeigten, fragten sich viele, was hinter den Mauern des Militärkrankenhauses tatsächlich vorgeht.

Nach einer optimistischen Pressekonferenz des Leibarztes Sean Conley am Samstagmittag hatte Trumps eigener Stabschef, Mark Meadows, wenig später dem Pressepool des Weißen Hauses gesagt, die Vitalzeichen des Präsidenten seien „sehr besorgniserregend“ gewesen.

Der Präsident soll daraufhin wütend geworden sein und verbreitete noch am Samstag eine Videobotschaft aus dem Konferenzraum der Klinik über Twitter. Darin zeigte sich der 74-Jährige in Anzug ohne Krawatte und mit Regierungsdokumenten auf dem Tisch: „Ich fange an, mich wieder gut zu fühlen“, sagte er und dankte für die vielen Genesungswünsche aus aller Welt. „Ich denke, ich werde bald zurück sein.“ Doch er räumte ein, dass „die wahre Prüfung“ erst noch komme.

Am Sonntag äußerten Ärzte dann die Hoffnung, dass Trump womöglich schon bald aus dem Krankenhaus entlassen werden könnte. Der Arzt Brian Garibaldi sagte vor dem Walter-Reed-Krankenhaus in Bethesda bei Washington, sollte es Trump weiter so gut gehen wie am Sonntag, hoffe man, ihn womöglich bereits am Montag entlassen zu können. Die Behandlung könnte dann im Weißen Haus fortgesetzt werden.

Behandlung sei bedenklich

Die Verlautbarungen sind also widersprüchlich. Die Art der Behandlung ruft bei einigen Beobachtern Bedenken hervor. Der US-Präsident erhält nicht nur das Ebola-Mittel Remdesivir, das bei Corona als Notfallmedikament für besonders schwere Fälle zugelassen ist.

Trump nimmt auch eine besonders hohe Dosis des experimentellen Antikörper-Cocktails des Biotech-Unternehmens Regeneron. Das Mittel befindet sich noch in der Testphase und ist bisher nur an 275 meist deutlich jüngeren Patienten ausprobiert und noch nicht unabhängig begutachtet worden. Zusätzlich zu dem Medikamentencocktail wird der Präsident nun mit einem dritten Medikament behandelt: dem Steroid Dexamethasone.

Das Walter-Reed-Krankenhaus liegt 15 Kilometer Luftlinie vom Weißen Haus entfernt und ist die wichtigste und größte Militärklinik der US-Ostküste, in der die politische Prominenz Washingtons behandelt wird. Trump hatte sich nach seinem positiven Test und Krankheitssymptomen am Freitag einliefern lassen.

Trumps Infektion hat die USA in extreme Unsicherheit gestürzt und provoziert viele Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt: Wie geht es Trump wirklich? Was passiert mit den Wahlen? Was kann man einem Weißen Haus, das in den vergangenen Jahren konstant Desinformation verbreitete, noch glauben?

Gewissheiten scheint es in diesem Wahlkampf, der vor sieben Monaten mit dem Ausbruch der Pandemie in den USA begann, keine mehr zu geben. „Hätte jemand vor einem Jahr einen Roman über die aktuelle Situation geschrieben, hätte jeder Verleger die Handlung als zu weit hergeholt verspottet“, sagte Alan Dershovitz, Ex-Harvard-Professor und Vertrauter von Trump.

Dass der US-Präsident, der gleichzeitig Spitzenkandidat seiner Partei ist, so kurz vor der Abstimmung im Krankenhaus liegt, ist ein Novum. Dazu kommen extreme Umstände, denn die Pandemie hat die größte Wirtschafts- und Gesundheitskrise in der modernen Geschichte der USA ausgelöst.

Außerdem hat Trump im Vorfeld Zweifel an der Gültigkeit der Wahlen gestreut und lässt offen, ob er eine Niederlage an der Wahlurne akzeptieren würde. Destabilisiert wurde die Demokratie der USA also schon, bevor Trump auf unbestimmte Zeit ins Krankenhaus kam.

Erholt sich Trump zeitnah?

Die Frage der Stunde ist, ob sich Trump zeitnah erholt. Bei den meisten Menschen verläuft die Erkrankung mild, doch Trump gehört mit 74 Jahren zur Risikogruppe, die von Spätfolgen und einem tödlichen Verlauf besonders bedroht ist. Trump ist laut seiner jährlichen Untersuchung grundsätzlich fit, aber leicht übergewichtig, er nimmt Medikamente gegen einen hohen Cholesterinspiegel und Blutdrucksenker.

Ein Grund für die Spekulationen ist, dass die Kommunikation des Weißen Hauses von Anfang an unbefriedigend war. So wurde die Infektion von Trumps Beraterin Hope Hicks zuerst vom US-Medium Bloomberg publik gemacht.

Und im Wahljahr hatte Trump behauptet, die Pandemie werde von allein verschwinden. In Telefonaten mit dem Enthüllungsjournalisten Bob Woodward hatte der Präsident zudem eingeräumt, er habe die Risiken der Pandemie bewusst kleingehalten. „Ich wollte es immer herunterspielen. Ich spiele es immer noch gerne herunter, weil ich keine Panik erzeugen möchte“, sagte er.

Durch Covid-19 sind in den USA mindestens 208.000 Menschen gestorben, und mehr als 7,2 Millionen wurden infiziert. Trotzdem hielt Trump sogenannte „Fly in, fly out“-Events ab. Das sind Massenveranstaltungen ohne Maskenpflicht, oft direkt am Rollfeld vor der Präsidentenmaschine Air Force One.

Als Trump selbst erkrankte, gab die Regierungszentrale erst nach und nach Details bekannt. Stückweise kam heraus, dass Trump noch über Tage mit Hope Hicks auf Reisen ging und Fundraising-Veranstaltungen abhielt, obwohl ein Covid-Verdacht vorlag. Bis in den Freitag hinein erklärte das Weiße Haus, Trump werde an einer Schalte mit Gouverneuren teilnehmen, die dann kurzfristig sein Stellvertreter Mike Pence übernahm.

Aufmerksamkeit liegt nun auf Corona

Mittlerweile ist klar, dass viele Personen aus Trumps engstem Zirkel infiziert sind, darunter zwei republikanische Senatoren im Justizausschuss. Das wiederum könnte die Bestätigung der konservativen Kandidatin für das oberste Gericht, den Supreme Court, im Kongress gefährden. Trumps Wahlkampfmanager Bill Stepien, Trumps Ex-Beraterin Kellyanne Conway und die Republikaner-Chefin Ronna McDaniel wurden ebenfalls positiv getestet. Am Wochenende ließ sich der ehemalige Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, nach einem positiven Test ins Krankenhaus einchecken. Er hatte Trump auf die Debatte vorbereitet.

Noch vor einer Woche hatte das Weiße Haus zudem die Nominierung von Amy Coney Barrett als Supreme-Court-Richterin ohne Maskenpflicht gefeiert. Mindestens acht Personen, die an der Veranstaltung teilgenommen haben, sind bereits positiv getestet worden.

Auch wenn sich Trump rasch erholen sollte, wird ihn die Pandemie bis zum Wahltag verfolgen. Jeder Versuch, die Aufmerksamkeit von Corona zu lenken, ist spätestens jetzt gescheitert. Eigentlich wollte Trump die Botschaft setzen, das Schlimmste der Pandemie sei überstanden.

Ein Grundpfeiler seiner Kampagne war das Versprechen, die Wirtschaft werde sich rasant erholen. Trump drängt auf einen schnellen Impfstoff, die US-Regierung finanziert mit 13 Milliarden US-Dollar die klinischen Studien mehrerer Pharmakonzerne.

Trump warnt vor einem wirtschaftlichen „Zusammenbruch der USA“, sollten ein Lockdown und eine Maskenpflicht verhängt werden, wie Joe Biden es zum Teil fordert. Die Anleger reagierten am Freitag auf Trumps Erkrankung negativ, die Börsen brachen ein.

Zuvor hatten die amerikanischen Luftfahrtriesen mit Entlassungen gedroht. Der US-Kongress kann sich seit Monaten nicht auf ein neues Corona-Hilfspaket einigen, und noch immer fehlen zehn Millionen Arbeitsplätze, um die USA auf den Stand vor Ausbruch der Pandemie zu bringen.

Ob sich Trumps Infektion akut auf seine Wahlchancen auswirkt, ist unklar. Eine Umfrage des Instituts Morning Consult stellte zunächst keine Veränderung in der Wählergunst fest. Der US-Präsident liegt in Umfragen hinter seinem demokratischen Herausforderer.

Biden kündigte an, sein Wahlkampf gehe wie gewohnt weiter, und reiste am Freitag nach seinem eigenen negativen Covid-Test nach Michigan. Einige Fernsehspots, die Trump scharf kritisieren, wurden vorerst gestoppt. „Ich hoffe, jetzt ist jedem klar: Tragen Sie Maske, halten Sie soziale Distanz, waschen Sie Ihre Hände“, twitterte Biden. Ex-Präsident Barack Obama richtete per Videobotschaft seine Genesungswünsche aus.

Sollte Trump die Erkrankung gut überstehen, könnten seine Anhänger den Präsidenten als lebenden Beweis sehen, dass das Virus kaum gefährlich sei. Trägt er gesundheitliche Schäden davon, ist ungewiss, ob Trump Kandidat der Republikaner bleiben kann. Die US-Verfassung regelt in Abschnitt drei ihres 25. Zusatzes, dass die Aufgaben an seinen Vize Mike Pence übertragen würden, sollte er als Präsident ausfallen. Der Zusatz wurde nach der Ermordung John F. Kennedys in die Verfassung geschrieben.

Was ungeregelt ist: Was würde mit Trumps Kandidatur für die Wiederwahl passieren? Fast drei Millionen Menschen haben bereits ihre Stimme per Briefwahl abgegeben. Diese könnten ungültig werden, weil Trumps Name auf die Wahlzettel gedruckt ist.

Der New Yorker Rechtsprofessor Rick Pildes erklärte dem US-Portal Vox: Sollte Trump noch vor den Wahlen ausfallen, müsste das 168-köpfige Republikanische Nationalkomitee (RNC) einen neuen Kandidaten oder eine Kandidatin aufstellen. Das könnte Pence sein, müsste es aber nicht zwingend. Auch Ex-UN-Botschafterin Nikki Haley oder US-Außenminister Mike Pompeo werden Ambitionen nachgesagt.
Sollte Trump nach den US-Wahlen, aber noch vor Beginn der neuen Amtsperiode am 20. Januar ausfallen, habe ebenfalls das RNC die Befugnis, jemand anderen aufzustellen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass keine Mehrheit zustande komme, müsste das US-Repräsentantenhaus die Wahl übernehmen.

Die Kongresskammer ist derzeit demokratisch dominiert. Laut US-Medien bereitet sich Demokraten-Chefin Nancy Pelosi schon auf dieses Szenario vor. Trump selbst meldete sich am Sonntagmorgen um 7:30 Uhr auf ‧Twitter zu Wort. Mit einem „Thank you so much“ teilte er ein Video von seinen Anhängern vor dem Krankenhaus.