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Kaeser lobt sich zum Abschied selbst: „Ohne die Umbauprogramme wäre die Siemens-Aktie bei zehn Euro"

Höpner, Axel
·Lesedauer: 4 Min.

Vom Aufsichtsratschef und den Investoren gibt es Lob für den scheidenden CEO. Adidas-Chef Rorsted erhält bei der Wahl in den Aufsichtsrat viele Gegenstimmen.

Nach mehr als 40 Jahren bei Siemens und gut sieben Jahren an der Spitze hat der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser eine positive Bilanz gezogen. „Nicht alles, aber doch vieles ist gelungen“, sagte er am Mittwoch auf der Hauptversammlung in München.

Seit seinem Amtsantritt als CEO im Sommer 2013 habe sich, einschließlich Dividenden, der Wert der Siemens-Aktie mit einem Plus von 136 Prozent mehr als verdoppelt. Am Mittwoch erreichte der Kurs pünktlich zum Wechsel an der Spitze ein neues Allzeithoch.

So war es eine harmonische Veranstaltung. Allerdings wurden Forderungen laut, dass beim nächsten Mal auch Fragen am Tag der Veranstaltung zulässig sein sollten, falls es noch einmal eine digitale Hauptversammlung gibt. Ein entsprechender Antrag erhielt zwar eine Mehrheit, erreichte aber nicht das notwendige Quorum für eine Satzungsänderung.

Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe sagte, Siemens verabschiede mit Kaeser eine seiner größten Führungspersönlichkeiten: „Joe Kaeser ist ein Mensch, der das Unternehmen wie wenige andere geprägt und ein starkes Fundament für künftige Generationen hinterlassen hat.“ Nachfolger Roland Busch sei nun die ideale Wahl, um den Wandel von Siemens weiter voranzutreiben.

Auch von den Investoren gab es überwiegend Lob. „Ich beurteile die Transformation des Konglomerats Siemens als sehr positiv“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Siemens habe unter Kaeser selbst agiert und sei nicht von anderen getrieben worden.

Das Timing war günstig für Kaeser: Pünktlich zu seinem Abschied konnte er starke Quartalszahlen vorlegen und die Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2020/21 deutlich anheben.

Der 63-Jährige hatte den Konzern radikal umgebaut. Höhepunkt und vorläufiger Abschluss war die Abspaltung des Energiegeschäfts als Siemens Energy im vergangenen Herbst. Bislang hat sich der Umbau ausgezahlt: Siemens kam sehr robust durch das Geschäftsjahr 2019/20, im aktuellen Jahr läuft es sogar noch besser.

Kaeser ist davon überzeugt, dass seine Umbauprogramme „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ einen entscheidenden Beitrag zu der guten Entwicklung des Unternehmens beigetragen haben. Zwar würde Siemens auch ohne die Programme noch existieren, sagte er. Der Kurs würde dann aber nach seiner Einschätzung eher bei zehn als bei mehr als 130 Euro liegen. Siemens wäre es in dem Fall so wie anderen Konglomeraten „diesseits und jenseits des Atlantiks“ ergangen, „die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben“.

Widerstand gegen Wahl von Kasper Rorsted in den Aufsichtsrat

Doch es gab auch kritische Stimmen: „Die Ära Kaeser war für Siemens unter dem Strich positiv, auch wenn es einige Schönheitsfehler gab“, sagte Winfried Mathes, Corporate-Governance-Spezialist bei Deka Investment. Der scheidende Chef habe Siemens zu einem fokussierteren Unternehmen gemacht.

Allerdings, bemängelte Mathes, habe es in den vergangenen Jahren „keine entscheidenden Margenverbesserungen im industriellen Geschäft“ mehr gegeben. Zudem habe sich der Kauf des US-Kompressorenherstellers Dresser-Rand im Jahr 2014 als Fehlgriff erwiesen.

Der neue Vorstandschef Roland Busch müsse Siemens nun „auf Profitabilität trimmen“, forderte Mathes. Als Physiker könne er die Innovationsfähigkeit des Unternehmens noch stärker in den Vordergrund rücken.

Busch selbst sieht Siemens nun „vor einem Jahrzehnt der Möglichkeiten“. Die Digitalisierung der Industrie stehe erst am Anfang. „Unsere Märkte sind die Wachstumsmärkte dieses Jahrzehnts.“

Widerstand gab es bei der Hauptversammlung gegen die Wahl von Adidas-Chef Kasper Rorsted in den Siemens-Aufsichtsrat. Rorsted sei mit dem zusätzlichen Verwaltungsratsmandat bei Nestlé schon ausreichend ausgelastet, sagte Mathes laut schriftlichem Redebeitrag.

Ähnlich sah das Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment. Auch sie sieht im Fall Rorsted eine Ämterhäufung. Rorsted wurde zwar in das Kontrollgremium gewählt, erhielt aber mehr als 23 Prozent Nein-Stimmen. Auch Snabe musste immerhin 14 Prozent Gegenstimmen hinnehmen.

Strittig war bei dem virtuellen Aktionärstreffen vor allem, wie solche Veranstaltungen in Zukunft aussehen sollen. Der Verein der Belegschaftsaktionäre hatte eine Satzungsänderung gefordert: „Bei einer virtuellen Hauptversammlung ist zu gewährleisten, dass Fragen der Aktionäre auch während der laufenden Hauptversammlung gestellt werden können.“ Das derzeitige Prozedere schränke die Aktionärsrechte zu stark ein.

Diesmal mussten die Siemens-Anteilseigner – wie Aktionäre bei anderen Unternehmen auch – ihre Fragen vor der Veranstaltung einreichen. „Wir fordern, dass wir als Aktionäre bei künftigen Hauptversammlungen von Siemens wieder unser volles Frage-, Rede- und Auskunftsrecht bekommen“, so der Appell von Fondsmanagerin Diehl.

Kaeser zeigte Verständnis für die Forderungen. Man müsse Lösungen finden, künftig „den Dialog in Echtzeit zu ermöglichen“, sagte er. Allerdings empfahlen Aufsichtsrat und Vorstand, den Antrag abzulehnen. „Eine starre Satzungsregelung zur Ausgestaltung eines einzelnen Aspekts einer etwaigen virtuellen Hauptversammlung wird für nicht zielführend angesehen“, hieß es in der Stellungnahme der Führung.

Die Regeln des Covid-19-Maßnahmengesetzes gälten nur bis Ende 2021. Damit sei unklar, ob und in welcher Form es auch künftig rein virtuelle Aktionärstreffen gibt. Das zukünftige Gesetzgebungsverfahren müsse erst einmal abgewartet werden.

Der Verein der Belegschaftsaktionäre erzielte einen Achtungserfolg: Knapp 58 Prozent votierten für den Gegenantrag. Für eine Satzungsänderung wäre allerdings eine Dreiviertelmehrheit notwendig gewesen.