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Südkorea ist vom Corona-Musterschüler zum „Covid-19-Kriegsgebiet“ geworden

Putz, Ulrike
·Lesedauer: 4 Min.

Covid-Kranke sterben zu Hause, weil die Betten in Südkoreas Krankenhäusern knapp werden. Die höchste Warnstufe wollen die Behörden jedoch noch nicht ausrufen.

Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Schutzanzügen stehen vor der Haftanstalt Seoul Dongbu. In dem Gefängnis wurde eine Masseninfektion mit dem Coronavirus registriert. Foto: dpa
Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Schutzanzügen stehen vor der Haftanstalt Seoul Dongbu. In dem Gefängnis wurde eine Masseninfektion mit dem Coronavirus registriert. Foto: dpa

Südkorea durchlebt in diesen Tagen seine schwerste Krise seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen stehen kaum noch Betten für schwer kranke Covid-19-Patienten zur Verfügung. Im Großraum Seoul mit seinen 26 Millionen Einwohnern waren am Samstag nur noch 13 Betten für Intensivpflege frei, berichtete die koreanische Nachrichtenagentur Yonhap.

Ärzte in Korea stehen unter dem Druck, entscheiden zu müssen, wem die Betten zugewiesen werden. Über 500 Covid-Patienten würden derzeit auf die Aufnahme in die Krankenhäuser warten, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Freitag in Seoul. Sechs Kranke seien zu Hause gestorben, bevor sie einen Platz im Hospital erhalten konnten. Südkoreas Gesundheitsminister, Park Neung Hoo, sprach davon, dass Seoul ein „Covid-19-Kriegsgebiet“ sei.

Angesichts der besorgniserregenden Entwicklung steht der einstmalige Covid-Musterschüler Südkorea nun „mit den Rücken zur Wand“, wie Präsident Moon Jae In vergangene Woche sagte. Korea stehe am Scheideweg und müsse alle seine Kapazitäten aufbringen, um das Coronavirus zu stoppen.

Im Frühjahr war das 51-Millionen-Einwohner-Land noch für seinen Umgang mit der Viruserkrankung einhellig gelobt worden. Mit Corona-Massentests und penibler Nachverfolgung von Infektionsketten schaffte es Seoul, Infektionscluster schnell zu verorten und erfolgreich einzudämmen. So wurde die Belastung der Krankenhäuser minimiert, Ärzte und Pfleger konnten sich auf schwer kranke Patienten konzentrieren.

Bisher hat Korea die Früchte seiner frühen intensiven Herangehensweise an die Pandemie ernten können. Bis heute hatte das Land nur etwa 50.000 Infektionen und 659 Todesfälle zu verzeichnen. Doch die vergleichsweise niedrige Sterblichkeitsrate dürfte angesichts der Überlastung des Gesundheitssystems ab jetzt rasch steigen.

Dritte Welle erschwert Behandlung anderer Patienten

Am Samstag wurden am vierten Tag in Folge über 1000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert, berichtete die Korea Disease Control and Prevention Agency (KDCA). Die Zahl der schwer kranken Covid-Patienten lag am Samstag bei 275. Noch am 1. Dezember waren es nur 97 gewesen.

Die dritte Covid-Welle, die derzeit über Korea hinwegrollt, erschwert auch die Behandlung anderer schwerer Krankheiten, was zu weiteren Todesfällen führen dürfte. Das Gesundheitsministerium hatte am Freitag alle großen Krankenhäuser und Universitätskliniken angewiesen, einen Teil ihrer Betten von anderen Stationen abzuziehen und schwer kranken Covid-Patienten zur Verfügung zu stellen.

Die koreanische Kontaktnachverfolgung galt zu Beginn der Pandemie weltweit als Vorbild. Sie war auch deshalb so erfolgreich, weil die Regierung ohne große Hemmungen auf Smartphone- und Standortdaten zurückgriff. Auch Kreditkartenabrechnungen wurden genutzt, um Personenbewegungen nachzuzeichnen. Angesichts der großen Erfolge der Maßnahmen trug die koreanische Öffentlichkeit diese Eingriffe in die Privatsphäre mit. Doch die jetzigen Fallzahlen sprengen die Kapazitäten der Nachverfolger. Inzwischen seien die Ansteckungswege oft nicht mehr nachvollziehbar, hieß es im Gesundheitsministerium.

Als Grund für die steigenden Fallzahlen nennen Experten einerseits die kalte Wetterlage in Korea. Minustemperaturen lassen die Menschen im ganzen Land viel Zeit in schlecht belüfteten Innenräumen verbringen, was das Infektionsrisiko steigert. Einige Experten machen eine verfehlte Corona-Politik für den jetzigen Anstieg mitverantwortlich.

Im Oktober hatte Südkorea seine Bestimmungen für Social Distancing aus wirtschaftlichen Gründen auf die niedrigste Stufe abgesenkt. Tatsächlich kurbelte das die industrielle Produktion maßgeblich an. Allein in den ersten zehn Dezembertagen exportierten koreanische Hersteller 52 Prozent beziehungsweise 60 Prozent mehr Halbleiter und Mobilfunkgeräte als im Vorjahreszeitraum, ermittelte die Zollbehörde der viertgrößten Volkswirtschaft Asiens.

Zusammenkünfte zum Jahresende verboten

Doch die Wiederbelebung des Wirtschaftslebens zog die Ausbreitung des Virus nach sich. Nachdem im November deutlich wurde, dass die Öffnung die Zahlen hatte ansteigen lassen, ruderte die Regierung zurück. Die Schulen in Seoul wurden geschlossen, traditionelle Feiern und Zusammenkünfte zum Jahresende verboten. Doch die Behörden tun sich bis heute schwer damit, erstmals die dritte und höchste Corona-Alarmstufe auszurufen.

Bei Stufe drei müssten alle außer den lebenswichtigen Geschäften schließen, Treffen von mehr als zehn Menschen wären untersagt. Nach Aussage der Behörden zöge die erste Ausrufung eines echten Lockdowns für Südkorea die Schließung von 1,2 Millionen kleineren Betrieben nach sich, was viele Unternehmer an den Rand des Ruins treiben würde.

Premierminister Chung Sye Kyun sagte am Freitag, solche weitreichenden Einschränkungen könnten daher nur verhängt werden, wenn es einen „sozialen Konsens“ dafür gebe. Der Anstieg der Fallzahlen hatte jüngst dazu beigetragen, dass die Regierung massiv an Zustimmung einbüßte: Nur noch 37 Prozent der Befragten äußerten sich Mitte Dezember in einer Gallup-Umfrage positiv zu dem ehemals sehr populären Präsidenten Moon Jae In.