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Russland stürzt in tiefe Coronakrise

Das Riesenreich Russland steuert auf den Höhepunkt der Corona-Infektionswelle zu. Wirtschaft und Löhne fallen immer weiter, Millionen Russen droht die Armut.

Für Entwarnung ist es in Russland noch zu früh: Am Montag „überholte“ das Land mit insgesamt 87 147 Corona-Fällen das Nachbarland China in der Krankenstatistik. Die 6 198 Neuinfektionen sind nur ein minimaler Rückgang gegenüber dem Rekord von Sonntag mit 6 361 neuen Fällen.

Während sich die Lage in Moskau stabilisiert, breitet sich die Pandemie in den Regionen immer schneller aus. Kremlsprecher Dmitri Peskow erwartet den Höhepunkt der Ansteckungswelle Mitte Mai. Selbst die traditionelle Militärparade auf dem Roten Platz sagte Wladimir Putin schweren Herzens ab.

Am Dienstag wird der Präsident erneut zu den Russen sprechen, und aus Kreisen der Provinzgouverneure sickerte bereits durch, dass er wohl den seit der letzten Märzwoche geltenden Shutdown von Behörden und Wirtschaft bis mindestens 11. Mai verlängern wird.

Putin selbst spricht von „arbeitsfreien Tagen“, denn der Kremlchef mag nicht mit negativen Meldungen assoziiert werden. Für das Überbringen schlechter Nachrichten wie die Einführung eines restriktiven Passierscheinsystems, um das Haus verlassen zu dürfen, sind andere – in diesem Fall die Gouverneure – zuständig.

Für die russische Wirtschaft ist der verordnete Tiefschlaf der zweite schwere Schlag. Die derzeitigen Wachstumsprognosen werden daher von Tag zu Tag düsterer. Rechnungshofchef Alexej Kudrin hat seine Vorhersage inzwischen von minus 5,5 auf bis zu minus 8 Prozent für das Bruttoinlandsprodukt korrigiert. Das Beratungsunternehmen McKinsey sieht im Horrorszenario sogar einen zehnprozentigen BIP-Rückgang voraus.

Schon vor dem Shutdown hatte der Preissturz beim Öl die russische Volkswirtschaft hart getroffen. Die beispiellose und für Russland extrem schmerzhafte Einigung im Rahmen des Abkommens mit dem Ölkartell Opec, bei der sich Moskau verpflichtete, die eigene Förderung um 2,5 Millionen Barrel täglich zu kürzen, um den Ölpreis zu stabilisieren, zeigt kaum Wirkung: Der Ölpreis ist weiter sehr niedrig.

Gasfirma stoppt Arbeiten

Der Ölexport macht etwa 30 Prozent und zusammen mit dem oft an die Ölpreise gekoppelten Gas gar 60 Prozent der russischen Ausfuhrerlöse aus. 40 Prozent der Haushaltseinnahmen kommen aus dem Verkauf von Öl und Gas.

Der Etat ist dabei auf einen Ölpreis von 42 Dollar pro Barrel zugeschnitten. Alles darunter bedeutet, dass die Regierung gezwungen ist, sich aus den Reservefonds zu bedienen. Der ist in den Ölboom-Jahren im Nationalen Wohlstandsfonds mit 123 Milliarden Dollar – so zumindest Anfang März – gut gefüllt. Doch die Verluste sind gewaltig.

Die kremlnahe Tageszeitung „Iswestija“ rechnet unter Verweis auf Regierungskreise für das laufende Jahr mit einem Defizit von umgerechnet über 70 Milliarden Dollar. Die Deutsche Bank hat ausgerechnet: Kostet russisches Urals-Öl, Russlands wichtigste Rohölsorte, weiter 15 Dollar pro Barrel (zuletzt lag der Preis sogar teilweise darunter), dann sind die russischen Reserven innerhalb von zwei Jahren aufgebraucht. Bei einem Preis von 30 Dollar reichen sie immerhin für sechs Jahre.

Auch Finanzminister Anton Siluanow räumte inzwischen ein, dass sein Land im laufenden Jahr die Hälfte seiner Staatsfondsreserven in der Größenordnung von 6,8 Prozent des BIP aufwenden müsse, um die Folgen des Doppelschlags aus Ölpreis-Absturz und den Folgen der Unternehmensschließungen abzufedern.

Inzwischen müssen auch Energiefirmen runterfahren: Novatek, der nach Gazprom zweitgrößte und private Gaskonzern, musste seine Arbeiten in Murmansk hinter dem Polarkreis einstellen. Die Anlagen müssten jetzt erst einmal grundlegend desinfiziert werden, teilte das Unternehmen mit. Die Arbeiter würden in Quarantäne geschickt.

Ein anderes Problem sieht Marcel Salichow vom Carnegie Moscow Centre: Russland müsse wegen des Pakts mit der Opec ja Ölquellen versiegeln. Und diese dürften bei einem späteren Hochfahren nur schwer wieder auf das Vorkrisen-Niveau gebracht werden, denn russische Ölquellen seien oft sehr alt und auch die Technik veraltet.

Russland drohen also auch große Ausfälle in Nach-Coronazeiten. Parallel tobt in der russischen Führung der Streit über Hilfsgelder zum Reanimieren der Wirtschaft. Die Versprechungen schwanken zwischen 26 Milliarden und 40 Milliarden Dollar – Letzteres wären 3,1 Prozent des BIP.

Millionen droht die Armut

Zu den Maßnahmen zählen die Vergabe zinsloser Kredite und die Stundung von Krediten an Unternehmen in von der Coronakrise besonders hart getroffenen Branchen, aber auch die zeitlich begrenzte Erhöhung von Arbeitslosengeld und Renten für einzelne Bevölkerungsgruppen.

Die Verteilung von sogenanntem Helikoptergeld lehnt der Kreml aber ab. Dafür fehlten Russland einfach die Mittel, sagt German Gref, Chef der mehrheitlich staatlichen Sberbank.

Zentralbankchefin Elvira Nabiullina hingegen treiben Inflationsängste zu ihrer Ablehnung von Direktzahlungen an die Bevölkerung. Dabei würde staatlich geschenktes Geld wohl nur die Einnahmen ersetzen, die vielen Russen jetzt wegbrechen. Schon im ersten, kaum von der Coronakrise betroffenen Quartal waren die Realeinkommen laut Statistikamt um 0,2 Prozent gefallen.

Für das Gesamtjahr rechnet Igor Poljakow vom Zentrum für makroökonomische Analysen und Kurzzeitprognosen hingegen mit einem Rückgang um bis zu zwölf Prozent. Das wären deutlich höhere Einkommensverluste als die von Russen in der Krim- und Ukrainekrise in den vergangenen Jahren erlittenen.

Damit drohen nun weitere Millionen Menschen unter die Armutsgrenze zu rutschen. Der einbrechende Konsum trifft wiederum die Wirtschaft schwer, besonders Klein- und Mittelständler. „Viele werden aus dem ökonomischen Tiefschlaf nicht mehr erwachen“, warnt die Besitzerin der Cafékette „AnderSon“, Anastasija Tatulowa. Sie hatte in einer vom Fernsehen übertragenen Unternehmersprechstunde Putin um Soforthilfen für Firmen gebeten – vergeblich.

Diese Knauserigkeit könnte sich aber rächen. Denn die Banken warnen vor riesigen Kreditblasen. Der Chef der Staatsbank VTB Andrej Kostin warnt vor Kreditausfällen von über 30 Milliarden Dollar. Dann müsste der Staat auch Banken retten.