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ROUNDUP: EY auf der Suche nach den Wirecard-Milliarden

·Lesedauer: 4 Min.

BERLIN (dpa-AFX) - Sie flogen auf die Philippinen, um Belege für dubiose Konten zu suchen, wiesen Testüberweisungen in Millionenhöhe an - trotzdem sind die Wirtschaftsprüfer von EY mit dem Vorwurf konfrontiert, im Fall Wirecard <DE0007472060> nachlässig gehandelt und Pflichten verletzt zu haben. Zehn Jahre lang hatte EY die Bilanzen des damals aufstrebenden Fintechs uneingeschränkt abgesegnet - bis zum vergangenen Sommer, als der mutmaßliche Milliardenbetrug aufflog. Jetzt müssen sich die Prüfer im Untersuchungsausschuss des Bundestags rechtfertigen. "Bei Wirecard wurden wichtige Grundsätze des Prüfer-Einmaleins nicht beachtet", wirft der Finanzpolitiker der Grünen, Danyal Bayaz, ihnen am Freitag vor.

Christian Orth, 51 Jahre alt, Wirtschaftsprüfer und Leiter der Qualitätssicherung bei EY, weist das im Bundestag zurück. Alle bei EY hätten sich gewünscht, diesen Betrug früher aufzudecken. "Es ist am Ende des Tages Straftätern mit hoher krimineller Energie gelungen, uns alle zu täuschen", betont er. Doch Orth berichtet auch, die Prüfer hätten es jahrelang nicht für nötig gehalten, eine Bestätigung der Banken für die Existenz von Treuhandkonten in Asien einzuholen. Stattdessen verließ man sich bis zum Jahre 2020 auf die Bestätigungen der Treuhänder. "Das Prüfungsteam ist davon ausgegangen, angemessene und ausreichende Prüfungsergebnisse zu haben", sagt Orth.

Die Abgeordneten reagieren ungläubig. Für die Wirtschaftsprüfer von KPMG, die ein Sondergutachten zu Wirecard schrieben, war eine solche Bankbestätigung selbstverständlich. "Nur der Hartnäckigkeit von KPMG ist zu verdanken, dass der große Schwindel aufgedeckt wurde", sagt der SPD-Finanzpolitiker Jens Zimmermann. EY dagegen habe sich hinter technischen Prüfungsregeln verschanzt und sich von schlecht gefälschten Dokumenten täuschen lassen.

Orth betont im Ausschuss, nach damaliger Rechtslage sei die Bestätigung der Bank nicht notwendig gewesen. "Diese Haltung war seinerzeit vertretbar", heute - im Lichte des Skandals - schätze man das womöglich anders ein.

Durch die Treuhandkonten in Asien sah es so aus, als würden Drittpartner der Wirecard AG offene Rechnungen per Überweisung bezahlen und auf diesen Konten zwischenparken - tatsächlich existierten die 1,9 Milliarden Euro aber wohl nicht. Das Geschäft mit den Treuhandkonten sei der Schlüssel für den großen Bilanzskandal gewesen, sagt der Ausschussvorsitzende Kay Gottschalk von der AfD.

Erst als die Konten von Singapur auf die Philippinen verlagert wurden, sei bei ihm "der Feueralarm" angegangen, sagt Orth. Als angeforderte Testüberweisungen ausblieben, hätten die Wirtschaftsprüfer im Frühjahr 2020 Kontakt mit den Bankvorständen aufgenommen. Diese hätten schließlich bestätigt, dass die Konten nicht existierten. Daraufhin verweigerte EY das Testat für den Jahresabschluss 2019.

Nach Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft waren die Bilanzen des Zahldienstleisters aber spätestens seit 2015 manipuliert. Wirecard war ein Dienstleister für bargeldlose Zahlungen an der Schnittstelle zwischen Händlern und Kreditkartenfirmen. Das Fintech spielte in der obersten deutschen Börsenliga - und machte den Wirtschaftsprüfern offenkundig jahrelang etwas vor. Im Sommer räumte Wirecard ein Bilanzloch von 1,9 Milliarden Euro ein und meldete Insolvenz an. Tausende Anleger verloren Geld, Vorstandschef Markus Braun wurde festgenommen, Manager Jan Marsalek ist auf der Flucht.

Monate, bevor der Skandal aufflog, hatte es bereits Hinweise und Berichte über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard gegeben. Vor diesem Hintergrund sieht Fabio De Masi, der Finanzpolitiker der Linken, "Anzeichen für grobe Pflichtverletzungen" bei EY. "Sie haben Milliardenbeträge auf Treuhandkonten nicht überprüft", sagt er. Auch Bayaz kritisiert: "Wenn Milliarden auf Treuhandkonten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden können, muss das in einem Testat thematisiert werden."

Erst 2020, nach einer Reise nach Manila, fehlgeschlagenen Testkäufen und dem KPMG-Sondergutachten platzte die Wirecard-Blase. Als die Banken ihnen mitgeteilt hätten, dass die Konten nicht existierten, habe EY unverzüglich die Finanzaufsicht Bafin informiert und mit dem Aufsichtsrat telefoniert, sagt Orth. Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann habe mehrfach nachgefragt, ob sich EY sicher sei - und gewarnt, "dass wir damit dem Unternehmen den Stecker ziehen". Am Donnerstag hatte Eichelmann im Untersuchungsausschuss ausgesagt, er selbst habe das Drittpartnergeschäft von Wirecard in Asien nie verstanden - sonst hätte er ja gemerkt, dass es nicht da sei. Er habe sich darauf verlassen, dass etwas, das zehn Jahre lang geprüft werde, auch existiere.

Und wie reagierte Wirecard-Chef Markus Braun auf die Aufdeckung des Skandals? Auch das beschreibt Orth im Ausschuss: Er habe sehr ungläubig gewirkt, von einem riesengroßen Missverständnis gesprochen und schließlich gesagt: "Herr Orth, Sie glauben doch nicht, dass ich mir zwei Milliarden Euro stehlen lasse."