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„Rainbow Tours"-Pleite: Ex-Chef gesteht Bankrott, Betrug und Insolvenzverschleppung

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2011 ging dem Hamburger Kultveranstalter das Geld aus. Nun legt Ex-Chef Mathias Kampmann vor Gericht ein Geständnis ab – als Teil eines Deals.

Tour und Tortur lagen bei „Rainbow Tours“ immer ganz nah beieinander. Ein Wochenende in Paris hatte der Reiseanbieter für 59 Mark im Angebot. Abfahrt Freitagabend, Ankunft zum Frühstück, Stadtrundfahrt, Partynacht, Rückkehr Sonntagnachmittag. Auch wenn Mitreisende die Busse mit einem „Pumakäfig“ verglichen, für viele Gäste galt der Firmenslogan: „Ich würd’s immer wieder tun!“

„Rainbow Tours“ fuhr Jugendliche in Metropolen und an Strände in ganz Europa – ein Geschäftsmodell, das so lange funktionierte, wie es die Billigflieger von Ryanair und Easyjet noch nicht gab. Die jungen Gäste fanden es super: Fernab der Heimat heizten ihnen Animateure ein wie Don Francis, der selbsternannte „König von Lloret de Mar“. Sein Motto: „Wir feiern nicht nur, wir eskalieren.“

Im Laufe des Jahres 2011 eskalierte jedoch etwas anderes: die Finanzsituation der beiden Firmen hinter „Rainbow Tours“ , der A.S. Reiseveranstaltungs GmbH und der Thies Bustouristik GmbH. „Der Kuchen wurde nicht größer“, sagte Geschäftsführer Mathias D. Kampmann (58) im Oktober und verkaufte die Firmen an einen Unternehmer in Neustrelitz.

Jahrelang haben die Behörden ermittelt, am Freitagvormittag verlas der Staatsanwalt im Plenarsaal des Hamburger Strafgerichts mit leiser monotoner Stimme die Anklage: Kampmann und der Käufer in Neustrelitz sollen die Insolvenzen der Firmen verschleppt, ihre Finanzlage verschleiert, Bankrott- oder Betrugstaten begangen haben. Ein Berater und der Insolvenzverwalter müssen sich wegen des Vorwurfs der Beihilfe verantworten.

Eigentlich hätte die Hauptverhandlung vor drei Wochen beginnen sollen, aber sowohl der Berater als auch der Firmenkäufer kamen nicht zu den Terminen. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Kai-Alexander Heeren ließ sie in U-Haft nehmen. Am Freitag wurden sie von Justizbeamten zur Anklagebank geführt.

Ein merkwürdiger Verkauf nach Neustrelitz

Im Zentrum der Pleite sieht die Staatsanwaltschaft jedoch Kampmann, einen kleinen Herren mit flachsblonden Haaren, der einst als Chef und Gesellschafter die Geschicke von „Rainbow Tours“ lenkte. Am 1. September 2011 habe ihn ein Manager per Mail gewarnt, heißt es in der Anklage: Die Zeit sei gekommen, die Reißleine zu ziehen. Doch dem Chef erschien der Verkauf als bessere Alternative.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass dieser letzte Deal der Regenbogen-Firma auf die krumme Tour ablief. In der 96 Seiten dicken Anklageschrift spricht sie von einem „abgestimmten Plan zur Firmenbestattung“, den die Angeklagten unter anderem bei Treffen im 5-Sterne-Hotel Neptun in Warnemünde vereinbart hätten. Ziel sei es gewesen, die Insolvenz aus Hamburg fernzuhalten und den Gläubigern zu erschweren, Forderungen geltend zu machen.

Es gibt ein Gutachten des Landeskriminalamts, demzufolge die Firmen bereits am 5. September 2011 pleite gewesen seien. Das Management habe die Drei-Wochen-Frist für den Insolvenzantrag verstreichen lassen, sagte der Staatsanwalt. Den Antrag stellte schließlich der Käufer beim Amtsgericht in Neubrandenburg, da war es schon Anfang Dezember. Laut Ermittlern hatte er den Wortlaut zuvor mit Kampmann und dessen Berater abgestimmt.

Die A.S. GmbH habe auch im September weiter Pauschalreisen verkauft, sagte der Ankläger, obwohl „eine Fortführung der Geschäfte weder möglich noch beabsichtigt war“. Seine Behörde wirft Kampmann deshalb 30 Betrugstaten an Kunden vor. Schließlich klagten die Strafverfolger Kampmann auch wegen einem illegalen Hütchenspiel mit Firmenhüllen an. Er habe versucht, profitable Geschäfte der Thies Bustouristik GmbH heimlich in eine neu errichtete, namensgleiche GmbH & Co. KG zu überführen. Es ging dabei wahrscheinlich um einen lukrativen städtischen Auftrag.

Kampmann legt Geständnis ab

Kampmanns Strafverteidigerin, die Hamburger Juristin Ina Franck wollte sich vor Verhandlungsbeginn nicht im Detail äußern und verwies auf offene Verständigungsgespräche mit Gericht und Staatsanwaltschaft. Gegen Mittag umriss Richter Heeren einen möglichen Deal. Die Kammer könne sich eine Bewährungsstrafe zwischen 16 und 22 Monaten Haft für Kampmann vorstellen, wenn er ein vollumfängliches Geständnis ablege und die geprellten Reisekunden mit 15.000 Euro entschädige.

Diese Chance ergriff der frühere Geschäftsführer. Anwältin Franck verlas am Nachmittag sein Geständnis: „Ich räume die gegen mich erhobenen Tatvorwürfe vollumfänglich ein.“ Er habe mit dem Verkauf der Firmen versucht, „aus der Schlusslinie“ zu kommen und seine Familie zu schützen. „Es war ein Riesenfehler.“ Er habe nicht allein gehandelt und sich beraten lassen. Wahr sei aber auch: „Letztlich habe ich bis zum Schluss jede Entscheidung mitgetragen und genehmigt.“

Das Ende der Firmen tue ihm leid. „Plötzlich brachen die Buchungen so stark ein, dass ich es kaum glauben konnte.“ Er habe versäumt, die Reißleine zu ziehen, obwohl es ihm geraten worden sei. An die Opfer unter den Kunden richtete er die Worte: „Ich bin bereit, den Schaden wiedergutzumachen“. Die 15.000 Euro seien auf einem Anderkonto seiner Verteidigerin hinterlegt. „Dieses nicht so ruhmreiche Kapitel in meinem Leben war mir eine Lehre.“

Insolvenzverwalter beteuert Unschuld

Eine Rechtsanwältin des Käufers aus Neustrelitz hatte vor Prozessauftakt gesagt, dass ihr Mandant alle Vorwürfe bestreite. In der Klage wird er als „Strohgeschäftsführer“ bezeichnet. „Dagegen wehren wir uns leidenschaftlich.“ Im Saal signalisierte ein weiterer Anwalt, dass es noch keine abschließende Meinung zu einer Verständigung mit seinem Mandanten gebe.

Dem Insolvenzverwalter Christian Langhoff war das Treffen im Hotel Neptun zum Verhängnis geworden. Dorthin hatte ihn Kampmann im September 2011 eingeladen, um grundsätzlich über die Voraussetzungen und den Ablauf von Insolvenzverfahren zu referieren. So schilderte es Langhoff dem Handelsblatt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm jedoch vor, dass er den „Bestatter“ vermittelt habe.

Langhoff bestreitet das: „Das ist eine Verwechselung, die sogar aus den Akten hervorgeht.“ Der wahre Vermittler – ein anderer Jurist – habe in einer eidesstattlichen Versicherung bestätigt, den Neustrelitzer bei „Rainbow Tours“ eingeführt zu haben. Diese Version wiederholte Langhoff vor Gericht: „Ich bin unschuldig.“

Im Insolvenzverfahren schonte Langhoff die Verantwortlichen jedenfalls nicht. Mehrfach verklagte er Kampmann und Geschäftspartner zivilrechtlich, um Mittel für die Insolvenzmasse zu akquirieren. In Urteilen konnte er Titel über insgesamt 315.000 Euro gegen Kampmann erwirken.

Kein Schadensersatz in Millionenhöhe

Nur beim größten Posten scheiterte er: einem Schadensersatz von 1,8 Millionen Euro. Es handelte sich dabei um Gelder, die Reisebegleiter beim Verkauf von Klubkarten in den Bussen kassierten und dann auf Konten in Spanien hinterlegten. Die Erlöse seien nicht „Rainbow Tours“ zuzuordnen, argumentierte Kampmann. Er habe ein weiteres einzelkaufmännisches Unternehmen betrieben, das die Tickets angeboten und in Spanien versteuert habe.

Das Landgericht in Stralsund wies Langhoffs Klage 2017 zurück. Dann verweigerte das Oberlandesgericht Rostock die Prozesskostenhilfe, weshalb der Insolvenzverwalter aufgeben musste. Neun Jahre später können die Gläubiger kaum noch auf eine gute Quote hoffen. Die zur Insolvenztabelle gemeldeten Forderungen beziffere der Insolvenzverwalter auf rund fünf Millionen Euro, steht in der Klageschrift.

Die lange Zeitdauer bis zur Hauptverhandlung wirkt sich zugunsten der Angeklagten aus. Von Kampmanns Endstrafe sollen vier Monate als verbüßt gelten, sagte Richter Heeren, weil ihm die lange Wartezeit als „rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung“ nicht zuzumuten sei. Peinlich für die Hamburger Justiz: Bereits im Januar 2012 hatte das „Hamburger Abendblatt“ dubiose Vorgänge beim „Niedergang von Rainbow Tours“ enthüllt. Doch die Anklage wurde erst im August 2017 fertig. Dann lag das Verfahren weitere drei Jahre beim Landgericht.