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Privatbankier Evelyn de Rothschild gestorben

London (dpa) - Acht Zeilen hatte Evelyn de Rothschild im «Who’s Who», mehr nicht. Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, doch bei solch einem Namen waren lange Erklärungen nicht nötig.

Es war wahrscheinlich Ende des 16. Jahrhunderts, dass sich in Frankfurt die ersten Leute Rothschild nannten - nach dem roten Schild, das einst an einem Haus in der Judengasse hing. Daraus entstand die bekannteste Bankiersfamilie der Welt. Nun starb der britische Bankier Evelyn Robert Adrian de Rothschild im Alter von 91 Jahren in London nach kurzer Krankheit, wie sein Büro am Dienstag mitteilte. Er hinterlässt seine dritte Frau Lynn und drei Kinder sowie zwei Stiefsöhne.

In eine der wohlhabendsten Bankiersfamilien geboren

1931 in eine der wohlhabendsten Bankiersfamilien geboren, genoss Rothschild als junger Mann das Leben in vollen Zügen: Polo, Pferde- und Autorennen, Partys. Da hatte er mit der Privatschule Harrow und der Universität Cambridge nicht nur die klassische Erziehung der britischen Oberklasse hinter sich, sondern war auch einer der begehrenswertesten Junggesellen in England.

Mit 26 Jahren trat er dem Familienunternehmen N.M. Rothschild & Sons bei und leitete ab 1976 als Vorsitzender das Bankhaus mit mehreren Tausend Angestellten in rund 40 Ländern. Die Londoner Niederlassung ist von den Banken der verschiedenen Rothschild-Zweige die mit der größten Tradition. Ihr gelang es als einzige, zwei Jahrhunderte europäischer Geschichte ununterbrochen zu überleben.

Damit war Evelyn Rothschild etwa ein Vierteljahrhundert lang das Oberhaupt der Dynastie, die ihr Geld mit reichen Privatkunden und Investmentbanking macht. Die erste Heirat war 1966, die zweite, aus der zwei Söhne und eine Tochter stammen, 1973. 2000 heiratete er ein drittes Mal, die amerikanische Unternehmerin und enge Freundin Hillary Clintons, Lynn Forester. Sie brachte zwei Kinder mit in die Ehe.

Unter Rothschilds Führung spezialisierte sich das Unternehmen auf das lukrative Beratungsgeschäft bei Börsengängen, Übernahmen und Fusionen sowie die Privatisierung von Staatsbetrieben. An der Privatisierung der britischen Strom- und Wasserwirtschaft war Rothschild ebenso beteiligt wie an der Übernahme des D2-Mannesmann-Konzerns durch Vodafone oder anderen Milliarden-Deals deutscher Firmen wie Henkel, Eon oder Wella.

1989 zum Ritter geschlagen

1989 wurde der Bankier von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen und durfte sich fortan Sir Evelyn nennen. Erst im hohen Alter zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück - nicht ohne klarzustellen, dass er weiter mitzureden gedenkt. «Ich gehe nicht in Rente», sagte er in einem seltenen Interview. «Wenn man mich braucht, bin ich bereit. Es kann in der Welt stets Situationen geben, in denen man wieder gefragt ist.»

Der Geschäftsmann engagierte sich auch wohltätig. Bereits 1967 gründete er die Eranda-Rothschild-Stiftung, die mehr als 73 Millionen Pfund (83,7 Millionen Euro) für medizinische Forschung, Bildung und Kunst zur Verfügung stellte. Lange Zeit war er auch Vorsitzender des Wochenblattes «The Economist».

Ab und zu veröffentlichte Rothschild aus dem Ruhestand seine Ansichten zur Wirtschaftslage und Bankenethik in der Onlinezeitung Huffington Post. Der britischen Zeitung «Daily Telegraph» sagte er einmal, was ihn am meisten beschäftige, sei «der große Unterschied zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen» sowie das Thema «Impact Investment» - Investitionen mit dem Ziel, messbare soziale und ökologische Ergebnisse neben finanziellen Renditen zu erzielen. Doch meist hielt sich der passionierte Kunstsammler an die alte Bankiersregel, wonach es vor allem auf Diskretion ankommt.