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Als Polizei bei DWS läutete, waren Wöhrmanns Tage schon gezählt

(Bloomberg) -- Asoka Wöhrmann wusste nicht, dass die Polizei am Dienstagmorgen die Zentrale des Fondsmanagers der Deutsche Bank AG in Frankfurt durchsuchen würde. Doch als die Beamten das Gebäude in der Mainzer Landstraße betraten, wurde schnell klar, dass seine Zeit als Chef der DWS vorbei war.

Während Bilder der Kolonne aus Minibussen und Kombis mit Wiesbadener Kennzeichen über Bloomberg in die Welt gingen und Polizisten und Staatsanwälte sich daran machten, nach Beweisen für Greenwashing-Vorwürfe zu suchen, schwanden die Chancen für den 56-jährigen Manager, noch einen gesichtswahrenden Ausstieg zu schaffen.

Mehr zum Thema: DWS ersetzt Wöhrmann nach Razzien zu Greenwashing-Verdacht

Tatsächlich hatte die Führung der Deutschen Bank bereits geplant, Wöhrmann vor der Hauptversammlung der DWS am 9. Juni durch den Chef der Firmenkundensparte, Stefan Hoops, zu ersetzen, und sie hatte auch schon mit Wöhrmann darüber gesprochen. Das berichten Personen mit direkter Kenntnis der Gespräche. Die Razzien beschleunigten diesen Plan erheblich. Noch am selben Tag wurden die Bedingungen festgezurrt und die Bank verkündete Wöhrmanns Rücktritt wenige Minuten vor 4 Uhr morgens am Mittwoch.

Der plötzliche Abgang beendete eine mehr als zwei Jahrzehnte währende Karriere bei der Deutschen Bank, die Wöhrmann zu einem wichtigen Verbündeten von Konzernchef Christian Sewing machte und ihm die Verantwortung für fast 1 Billion Euro Kundenvermögen bei einem der größten europäischen Fondsmanager bescherte. Wöhrmann wurde zu einem wichtigen Fürsprecher des Trends zu umwelt-, sozial- und governancebasierten (ESG) Investitionen - und dann zu einem Blitzableiter für die Enttäuschung über die überzogenen Ansprüche in diesem Bereich.

Dieser Bericht basiert auf Gesprächen mit mehr als einem Dutzend Personen, die der Deutschen Bank und der DWS nahe stehen und die aufgrund der Sensibilität der Angelegenheit nicht genannt werden möchten. Sprecher der DWS und der Deutschen Bank lehnten eine Stellungnahme ab.

Der Anfang von Wöhrmanns Ende als CEO der DWS ereignete sich wohl im Februar letzten Jahres in einem kleinen Besprechungsraum in der Frankfurter Zentrale des Unternehmens. Er saß Desiree Fixler gegenüber, einer amerikanischen Managerin, die er erst im Jahr zuvor geholt hatte, um die Nachhaltigkeitsbemühungen der DWS voranzutreiben. Und er sagte ihr in einem manchmal hitzigen Wortwechsel, dass er sie feuern würde.

Fixler hatte nach eigenen Angaben intern auf eklatante Diskrepanzen hingewiesen zwischen den öffentlichen Behauptungen der DWS zu ihren ESG-Kompetenzen und den tatsächlichen internen Verfahren. Zwei Wochen nach dem Gespräch mit Wöhrmann wurde sie tatsächlich entlassen.

Frustriert sammelte sie Beweise, die angeblich zeigen sollen, dass die DWS unter Wöhrmann den Anlegern gegenüber übertrieben darstellte, wie sehr ihre Fondsmanager ESG-Faktoren bei der Auswahl von Anlagen berücksichtigten.

Der Rücktritt eines Vorstandsvorsitzenden aufgrund von Greenwashing-Vorwürfen könnte eine neue Ära der Rechenschaftspflicht für eine Branche einläuten, die in diesem Jahr auf mehr als 40 Billionen Dollar angewachsen ist.

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Fixlers Behauptungen lösten Untersuchungen von Behörden in den USA und in Deutschland aus und lasteten auf dem Aktienkurs des Unternehmens. Sie wurden auch zum Quell drängender Fragen bei Investorentreffen und unterliefen Wöhrmanns Bemühungen, das Wachstum der DWS zu betonen.

Die DWS hat die Vorwürfe stets bestritten und nach der Razzia am Dienstag bekräftigt, dass sie zu ihren ESG-Angaben steht. Das Unternehmen hat zweimal externe Experten beauftragt, Fixlers Behauptungen zu prüfen, und in beiden Fällen entschieden, dass sie unbegründet sind.

Die Deutsche Bank hat diese Einschätzung geteilt. Die Überzeugung, dass Wöhrmann nichts Falsches getan hatte und die DWS in den Untersuchungen letztlich freigesprochen werden würde, war ein Hauptgrund, warum Sewing so lange an ihm festhielt. Schließlich war es Wöhrmanns Amtsantritt zu verdanken, dass die Abflüsse bei dem Vermögensverwalter eingedämmt und die Stimmung verbessert wurde.

Wöhrmann und Sewing stehen sich schon seit mehreren Jahren nahe. Der Deutsche Bank-Chef beförderte Wöhrmann 2015, um sein deutsches Privatkundengeschäft zu sanieren. Drei Jahre später setzte Sewing ihn an die Spitze der DWS, nachdem er seinen Vorgänger Nicolas Moreau entlassen hatte.

Die Wolken über dem Kopf des DWS-Chefs verdunkelten sich jedoch Anfang dieses Jahres. Zunächst stellte sich heraus, dass er seine private E-Mail für geschäftliche Zwecke genutzt und damit möglicherweise gegen Branchenvorschriften verstoßen hatte. Dann stellte sich heraus, dass er privat Geld mit einem Geschäftsmann ausgetauscht hatte, der auch in Verhandlungen mit Wöhrmann zu einer Transaktion der Deutschen Bank involviert war.

Dies warf Fragen dazu auf, ob Wöhrmann private Angelegenheiten ausreichend von beruflichen trenne. Wöhrmanns Anwälten zufolge sei das Geld für einen Autokauf bestimmt gewesen, der letztlich nicht stattgefunden habe.

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Wöhrmann sah die ESG-Vorwürfe und die weiteren Enthüllungen zunehmend als eine Schmutzkampagne an, hinter der Fixler und andere steckten, darunter auch derzeitige DWS-Mitarbeiter. Etwa zur gleichen Zeit erhielt er auch Drohbriefe von anonymen Absendern, die zum Teil rassistische Beleidigungen enthielten. Er habe mit dem Gedanken gespielt, zu kündigen, sagte er damals in privaten Gesprächen.

Die Führung der Deutschen Bank einschließlich Sewing waren von den ständigen Negativschlagzeilen zur DWS nicht begeistert. Sie sahen, dass die rechtlichen und regulatorischen Probleme die Fortschritte überschatteten, die sie mit der Sanierung der Bank machten. Dennoch beschlossen sie, dass sie Wöhrmann nicht zum Gehen zwingen würden, wenn es ihm gelänge, selbst aus den Schlagzeilen herauszubleiben.

Doch die Stimmung begann im Vorfeld der Hauptversammlung der Deutschen Bank im Mai allmählich zu kippen. Investoren meldeten Bedenken an wegen der Greenwashing-Vorwürfe. Die Stimmrechtsberater von Glass Lewis nannten die Sache als einen der Hauptgründe für ihre Empfehlung, dem Management der Deutschen Bank auf der Veranstaltung die Entlastung zu verweigern.

In der zweiten Maihälfte wuchs in der Führung der Deutschen Bank die Überzeugung, dass Wöhrmann gehen müsse, um einen Schlussstrich unter die Angelegenheit zu ziehen und die DWS vor größerem Schaden zu bewahren. Der Kreditgeber begann mit der Nachfolgeplanung und beabsichtigte, kurz vor der DWS-Hauptversammlung am 9. Juni eine Ankündigung zu machen.

Das Management entschied sich für den Firmenkundenchef Hoops, eine aufstrebende Führungskraft, die Sewing nahe steht und schon früher in heiklen Situationen eingesprungen ist. Seine Aufgabe wird es sein, bei der DWS aufzuräumen, was möglicherweise auch die Entlassung von Mitarbeitern beinhaltet.

Als die Razzia begann, beschloss Sewing, dass er nicht länger warten konnte, und leitete die Ablösung ein. Die Gespräche mit Wöhrmann zogen sich bis in die Nacht und führten schließlich zu der Adhoc-Meldung am frühen Morgen.

Während Wöhrmann selbst in der Mitteilung nicht zu Wort kam, wurde er von Führungskräften der Bank mit Lob überschüttet. Sewing dankte ihm für “seine so eindrucksvolle Arbeit und Leistung für die DWS und die Deutsche Bank”.

In einer Abschiedsbotschaft an die Mitarbeiter der DWS schilderte Wöhrmann seine Sicht. “Die Anschuldigungen, die in den letzten Monaten gegen die DWS und mich erhoben wurden, auch persönliche Angriffe und Drohungen, wie unbegründet oder unhaltbar sie auch sein mögen, haben Spuren hinterlassen”, schrieb er. “Sie waren sowohl für die Firma als auch für mich und vor allem für meine Angehörigen eine Belastung. Daher habe ich mich schweren Herzens mit der Firma darauf geeinigt, als CEO zurückzutreten.”

Überschrift des Artikels im Original:

DWS Chief’s Days Were Already Numbered When Police Showed Up (1)

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