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Dividenden und umstrittene Personalie: Munich Re steht in der Kritik

Der Vorstandschef des Rückversicherers erklärt, dass der Konzern wirtschaftlich gut dastehe. Trotz höherer Kosten durch die Pandemie soll eine Dividende ausgeschüttet werden.

Der Blick schweift nicht ab. Joachim Wenning schaut direkt in die Kamera, als er am Mittwoch seinen Rechenschaftsbericht für Aktionäre mit ruhiger Stimme vorträgt. Der Vorstandschef des Dax-30-Konzerns Munich Re weiß, wo sein Publikum sitzt.

Auf der ersten digitalen Hauptversammlung des Rückversicherers sind die Reihen vor dem Podium leer – die Investoren können das Treffen lediglich per Livestream am heimischen Computer verfolgen.

Doch Wenning lässt sich nicht beirren. „Auch wenn die genauen Folgen des Coronavirus zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar sind, eines ist klar: Unser Konzern steht wirtschaftlich stark da“, sagt er in Richtung der Aktionäre. Die Kosten der Pandemie seien zwar erheblich. Konkret belaste zum Beispiel die Kapitalmarktschwäche der letzten Wochen. „Sie werden für Munich Re aber wirtschaftlich gut verkraftbar bleiben.“

Munich Re gibt damit erstmals nach der Gewinnwarnung Ende März eine grundsätzliche Einschätzung ab, wie der Konzern durch die Coronakrise steuert. Munich Re bleibe sehr solide kapitalisiert, betont Wenning. „Wir sind überdies zuversichtlich, vergleichsweise gestärkt aus der Coronakrise herauszugehen und die Chancen nutzen zu können, die sich perspektivisch ergeben.“

Einseitige Kommunikation trotz Fragen

Zugleich verteidigte Wenning die teilweise strikte Haltung der Versicherer bei Betriebsunterbrechungen. „Der weitgehende Ausschluss von systemischen Risiken wie Pandemien sei geradezu ein Gebot verantwortungsbewusster Risikopolitik“, sagt er. „Sie stellt sicher, dass wir für Millionen von Kunden auch in Zukunft stets das leisten werden, was wir ihnen versprochen haben, und dieses Versprechen nicht dadurch gefährden, dass wir uns finanziell übernehmen.“

Es ist jedoch eine einseitige Kommunikation. Die Investoren konnten ihre Fragen lediglich vorab einreichen. Bis zum Ende der Frist am vergangenen Montag sind 159 Fragen eingegangen. Nach Abzug der Redundanzen sind rund 100 übrig, so viele wie bei der Präsenzveranstaltung im vergangenen Jahr.

Geordnet nach Themenblöcken arbeiten der Aufsichtsratsvorsitzende Nikolaus von Bomhard, Vorstandschef Joachim Wenning, Finanzvorstand Christoph Jurecka, Rückversicherungs-Chef Torsten Jeworrek und Ergo-Chef Markus Rieß die Fragen ab. Wortbeiträge, wie auf einer normalen Versammlung, sind nicht vorgesehen. Rund 4000 Aktionäre verfolgen das Geschehen via Internet.
Das Management hat sich für die erste virtuelle Hauptversammlung in der 140-jährigen Geschichte des Konzerns in einem Konferenzraum in der von Jugendstil und Klassizismus geprägten Zentrale des Dax-30-Konzerns vor einer Videokamera eingefunden, um vor allem mehrere wichtige Beschlüsse zu ermöglichen.

So soll sichergestellt werden, dass die Munich Re – wie ursprünglich geplant – ihren Dividendenvorschlag beschließen kann, der für viele Anleger große Bedeutung hat. Denn die Münchener wollen für das abgelaufene Geschäftsjahr die im Dax-30 mit Abstand höchste Einzeldividende ausschütten: 9,80 Euro je Aktie. Rund 1,4 Milliarden Euro wandern so in der Corona-Krisenzeit in die Taschen der Aktionäre. Außerdem wurde der Lufthansa-Chef Carsten Spohr für den Ex-BASF-Boss Kurt Bock mit 96,79 Prozent Zustimmung der Aktionäre neu in den Aufsichtsrat gewählt.

Kritik gegen Personalie und Dividende

Doch nicht alle Anleger sind zufrieden. Der Munich-Re-Investor Dekabank lehnt einen Einzug des Lufthansa-Chefs Spohr in den Aufsichtsrat offen ab. „Die Annahme eines Aufsichtsratsmandats ist unverantwortlich“, kritisierte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, bereits vor der Hauptversammlung schriftlich.

„Die Deutsche Lufthansa steht mit dem Rücken zur Wand und erfordert auch über die derzeitige Krise hinaus die volle Aufmerksamkeit des CEOs. Laut Speich fehle nicht nur die Zeit für die Wahrnehmung des Mandates, sondern auch die Zeit zur Einarbeitung in das „komplexe Rückversicherungsgeschäft, um fundierte Entscheidungen überhaupt erst treffen zu können“.

Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat nicht nur Lob für den Vorstand übrig. „2019 war ein sehr gutes Jahr für die Munich Re“, betonte die DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt zwar.

„Bis zu Corona standen also eigentlich alle Zeichen auf grün“, schrieb sie in einer Stellungnahme. Doch wegen Corona wurde inzwischen vom Management das Gewinnziel kassiert und eingeräumt, dass im ersten Quartal ein Gewinneinbruch erwartet wird.

„Warum zahlen Sie angesichts der möglichen Belastungen eine erhöhte Dividende? Hätten Sie die Dividende nicht auf dem gleichen Niveau wie 2018 lassen sollen, um so Liquidität für das Unternehmen zu sichern?“, fragt die Aktionärsschützerin.

Doch Wenning beschwichtigt. Die Finanzaufsicht Bafin habe keine Bedenken gegen die Dividendenzahlung geäußert, sagt er. „Angesichts unserer starken Kapitalisierung können wir uns diese Dividende gut leisten.“ Später betont Finanzvorstand Christoph Jurecka noch den hohen Stellenwert einer stabilen und verlässlichen Ausschüttungspolitik für viele Aktionäre. Immerhin zahlt der Versicherer bereits seit dem Jahr 1970 kontinuierlich eine Ausschüttung.

Beruhigende Worte zur Coronakrise

Auch für Spohr findet Aufsichtsratschef Nikolaus von Bomhard lobende Worte. Spohr verfüge über große Management-Erfahrung und sei ein ausgewiesener Finanzexperte, betont von Bomhard. Zudem habe Spohr versichert, dass er seine Verpflichtungen trotz Coronakrise wahrnehmen könne und es handele sich um sein einziges Aufsichtsratsmandat. Schon mit seinem Vorgänger Wolfgang Mayrhuber habe der Konzern vor Jahren gute Erfahrungen im Kontrollgremium gemacht.

Wie in einem länglichen Monolog versuchen Vorstand und Aufsichtsrat die eingereichten Fragen zu beantworten. Das gilt auch für die wichtigste Frage im Moment: Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Munich Re?

Joachim Wenning und seine Kollegen geben sich fast schon demonstrativ Mühe, beruhigende Worte zu finden. Finanzvorstand Christoph Jurecka gewährt dazu einen Einblick in die interne Beurteilung der Krise. Ein 200-Jahre-Szenario werde herangezogen, daraus ergebe sich das Bild einer mittelgroßen Katastrophe.

Maximal 1,4 Milliarden Euro könnten sich demnach bei weltweit zehn Millionen Toten in diesem Jahr an Kosten ergeben. Das wäre die Dimension wie bei der Spanischen Grippe vor rund hundert Jahren. Davon sei man jedoch weit entfernt.

Das Management begreift die Coronakrise aber auch als Chance. Beispielsweise bei Zukäufen. „Es ist nicht auszuschließen, dass es coronabedingt gute Kaufgelegenheiten geben könnte“, gab Konzernchef Wenning die frühere Zurückhaltung bei dieser Frage auf. Auch ein Anforderungsprofil hatte er schon parat: Einen Erstversicherer bevorzugt er, wenn der noch technisch spezifisch und komplex wäre, wäre er für Munich Re noch attraktiver.

Das erste virtuelle Aktionärstreffen ist kürzer als eine normale Hauptversammlung – und wegen der langen Monologe von nur fünf Rednern auch etwas langweiliger. Mehr Antworten könnte es bereits in der kommenden Woche geben. Am 7. Mai wird der Rückversicherer seine Zahlen für das erste Quartal vorlegen.