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Mehr als 100.000 Corona-Tote in Großbritannien – Johnson gibt sich „very sorry“

Volkery, Carsten
·Lesedauer: 4 Min.

Großbritannien meldet mit 100.000 Todesfällen einen neuen traurigen Corona-Rekord. Immerhin sinken die Neuinfektionen – und beim Impfen prescht das Land voran.

Die Einschätzung des wissenschaftlichen Chefberaters der britischen Regierung wirkt wie aus einer anderen Zeit. Es wäre ein „gutes Ergebnis“, wenn die Corona-Opferzahl unter 20.000 bliebe, hatte Patrick Vallance im März zu Beginn der Pandemie gesagt.

Elf Monate später meldete Großbritannien an diesem Dienstag: Mehr als 100.000 Menschen seien nun an dem Virus gestorben.

Premierminister Boris Johnson bemühte sich um einen staatstragenden Ton, als er in London vor die Presse trat. „Ich spreche allen Menschen mein Beileid aus, die einen geliebten Angehörigen verloren haben“, sagte er. Er sei „very sorry“. Das Land erlebe die „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, man werde sie aber als Nation gemeinsam durchstehen. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer sprach von einer „nationalen Tragödie“.

Großbritannien ist das fünfte Land weltweit, das die Marke von 100.000 Toten überschritten hat. Die anderen sind die deutlich größeren Länder USA, Brasilien, Indien und Mexiko. Bei der Todesrate pro Million Einwohner führt jedoch Großbritannien die weltweite Statistik an.

„Ich übernehme die volle Verantwortung für alles, was die Regierung getan hat“, sagte Johnson. Kritiker bemängeln vor allem, dass er häufig nichts getan hat. „Wir haben sehr oft zu spät gehandelt“, sagte der Epidemiologe Andrew Hayward vom University College London der BBC.

So hatte das Königreich lange weder ein funktionierendes Testsystem noch irgendwelche Einreisekontrollen. Um Betten für Corona-Patienten freizumachen, entließen die Krankenhäuser in der ersten Welle Tausende Senioren in die Altenheime, wo sich das Virus in der Hochrisikogruppe ausbreiten konnte. Vor allem jedoch kamen die Lockdowns regelmäßig um Wochen zu spät, weil der Premier bis zur letzten Minute zögerte.

Als die Virologen im September einen zweiten Lockdown empfahlen, wartete Johnson bis Ende Oktober. Als vor Weihnachten die neue ansteckendere Corona-Variante in der Grafschaft Kent auftauchte, ließ der Premier die Briten erst noch gemeinsam Weihnachten feiern und schickte die Schulkinder nach den Ferien für einen Tag in die Schule, bevor er den dritten Lockdown anordnete.

„Wir haben alles getan, was wir konnten“, sagte Johnson nun trotzdem. Man habe viele Lektionen gelernt. Heute sei das Land besser vorbereitet. Das sei allerdings kein Trost angesichts der „fürchterlichen Opferzahl“, räumte er ein.

Die Opferzahl wird weitersteigen. „Wir müssen realistisch sein“, sagte der medizinische Chefberater Chris Whitty. Die Todeszahl werde noch ein paar Wochen bei mehr als 1000 pro Tag verharren. Die Zahl der Corona-Patienten im Krankenhaus sei mit 35.000 immer noch relativ hoch. Deshalb könne man den Lockdown noch nicht lockern. Seit Anfang Januar gilt die Ansage, möglichst zu Hause zu bleiben.

Einer von acht Erwachsenen hat erste Impfdosis erhalten

Es gibt jedoch auch positive Nachrichten: Der Lockdown wirkt, die Zahl der Infektionen ist stark gefallen. Auch stirbt in den Krankenhäusern nur noch ein Fünftel der Corona-Patienten, weil sich die Behandlungsmethoden verbessert haben. Anfangs war es ein Drittel.

Und bei der Impfung der Bevölkerung liegt Großbritannien weltweit hinter Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf dem dritten Platz. Einer von acht Erwachsenen habe inzwischen eine erste Impfdosis erhalten, sagte der Chef des nationalen Gesundheitsdienstes NHS, Simon Stevens.

Das Land hatte bereits Anfang Dezember damit begonnen, das Biontech-Pfizer-Vakzin zu impfen. Seit Anfang Januar wird auch das Präparat von Astra-Zeneca verwendet. Aktuell erhalten pro Minute 200 Menschen die Spritze, insgesamt sind es bisher 6,8 Millionen. Bis Mitte Februar sollen es 15 Millionen sein, hat Johnson versprochen.

Nach Angaben von Gesundheitsminister Matt Hancock haben inzwischen rund 80 Prozent der über-80-Jährigen eine erste Dosis erhalten. Unklar ist, wie viele mit dem Vakzin von Astra-Zeneca und wie viele mit dem von Pfizer geimpft wurden.

Ärzteverband kritisiert Einmalimpfung

Um möglichst viele Menschen mit dem begrenzten Vorrat zu versorgen, hat die Regierung den Abstand zwischen der ersten und der zweiten Dosis von den empfohlenen vier Wochen auf zwölf Wochen ausgedehnt. Oberstes Ziel ist es, möglichst viele Menschen möglichst schnell mit einer Einmalimpfung zu versorgen. „Wir geben eine Dosis an doppelt so viele Menschen“, erklärt Whitty. Denn die erste Dosis biete bereits den größten Schutz.

Es regt sich allerdings Kritik an dieser Strategie. Großbritannien stehe international „zunehmend isoliert“ da, schrieb der britische Ärzteverband in einem Brief an die Regierung. Der Verband fordert, dass der Abstand zwischen den Impfdosen maximal sechs Wochen betragen sollte. Pfizer und Biontech empfehlen einen Abstand von drei Wochen.