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Wann ist man zu krank zum Arbeiten? Wir haben Menschen auf der Straße gefragt, wie sie diese Entscheidung treffen

Krankmelden oder doch noch arbeiten gehen? Menschen entscheiden sehr individuell. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Krankmelden oder doch noch arbeiten gehen? Menschen entscheiden sehr individuell. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Wer trotz Infekt, starker Kopfschmerzen oder Blasenentzündung arbeitet, betreibt Präsentismus – das gilt auch fürs Home Office. Die Wortneuschöpfung beschreibt das Gegenteil von Absentismus, dem übermäßigen und absichtlichen Fernbleiben vom Arbeitsplatz. Dabei ist bekannt, dass kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger produktiv und leistungsfähig sind; sie machen eher Fehler oder verursachen Unfälle. Außerdem hilft das Arbeiten auch nicht beim Gesundwerden: Schlimmstenfalls fehlen die Betroffenen am Ende noch viel länger – und stecken bis dahin andere an.

Dennoch fällt es einigen schwer, sich beim Arbeitgeber krankzumelden. Manche gehen aus Pflichtbewusstsein trotzdem zur Arbeit, andere stehen unter Druck oder haben ein schlechtes Gewissen, die Kollegen allein zu lassen. Und manchmal fühlt man sich vielleicht auch nicht komplett krank, sondern ist einfach angeschlagen. Was tut man dann? Krankmelden? Oder doch arbeiten?

In Zeiten der Pandemie erscheint es noch einfacher, mit einer Erkältung zumindest von zuhause zu arbeiten. Wie treffen Menschen die Entscheidung, wann krank wirklich krank genug ist, um sich abzumelden? Wir haben Menschen zwischen 22 und 35 Jahren mit unterschiedlichen Berufen auf der Straße gefragt: Wie oft melden sie sich krank? Wie entscheiden sie, ob sie zuhause bleiben? Haben sie sich schon einmal zur Arbeit gequält, obwohl es ihnen gesundheitlich nicht gut ging?

Die Beraterin, Studentin und Mutter

Natalija Hinz, 29, war erst Beraterin und ist nun Studentin.  - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Natalija Hinz, 29, war erst Beraterin und ist nun Studentin. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Derzeit besucht Natalija Hinz wieder Vorlesungen, sie studiert Deutsch auf Grundschullehramt. Einen Abschluss in BWL hat sie bereits. Die 29-Jährige hat zuvor als Beraterin in der IT-Branche gearbeitet. Dazu ist sie Mutter von zwei Kindern – und kann nur selten richtig krank sein. Eigentlich nur „wenn nichts mehr geht“, wie sie berichtet. Da müsse sie etwa mit einer Magen-Darm-Entzündung im Bett liegen. Schon oft sei sie körperlich angeschlagen ins Büro gegangen oder habe im Home Office gearbeitet, erzählt Hinz. Seit Beginn der Pandemie hätten die Arbeitgeber aus ihrer Sicht allerdings mehr Verständnis. Sich krankzumelden sei nun üblicher als vorher, findet sie.

Der Gartenpfleger

Ismail Mefin, 23, arbeitet als Gartenpfleger in der Firma seines Vaters. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Ismail Mefin, 23, arbeitet als Gartenpfleger in der Firma seines Vaters. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

„Mein Vater ist mein Chef, ich melde mich so gut wie gar nicht krank“, sagt Ismail Mefin. Der 23-Jährige arbeitet in einer Gartenbaufirma, die seinem Vater gehört. Nach der Ausbildung zum Gartenpfleger ist er in den Familienbetrieb eingestiegen. Nur wenn er etwas Ernstes habe oder sich wegen starker Kopfschmerzen nicht konzentrieren könne, bleibe er ausnahmsweise zuhause. In seinem Beruf arbeitet Mefin nicht nur draußen, oft sitzt er auch am Computer. Da Vater und Sohn nur zu zweit seien, komme er auch mit einem leichten Schnupfen ins Büro, erzählt er. In einem Großraumbüro würde er das aber nicht tun.

Die Unternehmerin

Als Selbstständige kann Sabrina K. niemals ausfallen. So nimmt sie es zumindest wahr. Wenn die 35-jährige Gründerin eines Startups im Food-Bereich wirklich einmal krank sein sollte, ist sie trotzdem für ihre Mitarbeiter rund um die Uhr auf dem Handy erreichbar. Dann gibt sie früh am Morgen Bescheid, dass sie angerufen werden kann, wenn es im Büro brennt. „Einfach den Knopf ausstellen geht nicht“, sagt sie.

Wird K. gefragt, ob sie schon einmal krank gearbeitet hat, muss sie nicht lange überlegen. „Definitiv“, sagt sie. Selbst dann falle es ihr schwer abzuschalten. Ständig verspüre sie Druck, die anfallenden Aufgaben abzuarbeiten. So sei es schon öfter vorgekommen, dass sie Mails beantwortete und Teammeetings abhielt, obwohl sie sich nicht gesund gefühlt habe.

Der Wirtschaftsjurist

Wayne C., 29, Wirtschaftsjurist. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Wayne C., 29, Wirtschaftsjurist. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Im Jahr meldet sich Wayne C. durchschnittlich ein einziges Mal krank, wie er schätzt. Der 29-jährige Wirtschaftsjurist macht das nur, wenn er "flachliegt" und es ihm so schlecht geht, dass er auf keinen Fall ins Büro fahren kann. Mit einer Erkältung habe er im Home Office bereits gearbeitet, berichtet C. Eine Kopfschmerztablette habe ihm geholfen, den Tag zu überstehen. Das sei allerdings seine Entscheidung gewesen und nicht vom Unternehmen gefordert worden. Im Nachhinein habe er es dennoch bereut, erzählt er. Heute würde er nicht mehr krank arbeiten.

Die Finanzbeamtin

Finanzbeamtin Madeleine C., 30, findet, dass das Home Office eher dazu verleitet, trotz Krankheit zu arbeiten. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Finanzbeamtin Madeleine C., 30, findet, dass das Home Office eher dazu verleitet, trotz Krankheit zu arbeiten. - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Im Vergleich zu ihrem Ehemann ist die 30-jährige Madeleine C. etwas öfter krank: knapp drei- bis viermal im Jahr, erzählt sie. Die Finanzbeamtin geht entspannter damit um. „Dann bin ich eben einen Tag nicht da“, sagt sie. Was sollte auch passieren? Das letzte Mal sei sie wegen einer Corona-Infektion ausgefallen, berichtet C. Ihr Mann habe sich ebenfalls angesteckt und diesmal beim Arbeitgeber abgemeldet. Trotzdem hat die Finanzbeamtin das Gefühl, dass die Möglichkeit Home Office zu machen eher dazu verleitet, trotz Krankheit zu arbeiten.

Die Lehramtsstudentin

Nele E., 22, Lehramtsstudentin - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider
Nele E., 22, Lehramtsstudentin - Copyright: Lisa Kempke für Business Insider

Neben dem Studium jobbt Nele E. im Einzelhandel. Krank meldet sich die 22-Jährige dort sehr wenig – vielleicht zweimal im Jahr, schätzt sie. „Auch wenn es Mist ist, quäle ich mich manchmal zur Arbeit, obwohl ich krank bin.“ Da müsse schon eine Zahnoperation oder Ähnliches anstehen, damit sie im Bett bleibe. Sie habe es schon in der Schule nicht gemocht, sich krankschreiben zu lassen. Aber warum? Ihr Team bei der Arbeit sei klein und auf sie angewiesen, berichtet E. Sie habe ein schlechtes Gewissen, wenn sie spontan ausfalle.

Frau krank
Frau krank