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Lufthansa diskutierte Vorstandsboni – trotz Staatshilfe

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Der Luftfahrtkonzern darf in der Rettungsphase keine Boni zahlen. Das behindert das Casting von Spitzenpersonal – und verleitet zu Gedankenspielen.

Die Idee ist heikel: Obwohl Lufthansa derzeit nur mit der neun Milliarden Euro schweren Finanzhilfe mehrerer Staaten überleben kann, hat es wohl Überlegungen gegeben, wie der Vorstand dennoch in den Genuss von Bonuszahlungen kommen kann. Entsprechende Pläne präsentierte Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley nach Informationen des Handelsblatts auf der letzten Sitzung des Kontrollgremiums vor einigen Tagen. Doch die Überlegungen seien dann vorerst verworfen worden, heißt es. Lufthansa will sich nicht zu den Informationen äußern.

In dem Rahmenvertrag zwischen dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) und dem Luftfahrtkonzern ist festgelegt, dass der Vorstand um Lufthansa-Chef Carsten Spohr und auch alle Führungskräfte auf Bonuszahlungen verzichten müssen, solange der Staat Mittel des WSF in Anspruch nimmt.

Weder Boni noch andere variable oder vergleichbare Vergütungsbestandteile dürften gewährt werden, heißt es im Vertrag wörtlich. Auch Sonderzahlungen wie Aktienpakete sind untersagt. Das schreibt ebenfalls die EU-Kommission vor.

Wie zu hören ist, wurde überlegt, die Boni-Ansprüche so lange zu sammeln, bis die Finanzmittel des WSF zurückgezahlt sind und dann die Erfolgsprämie rückwirkend zu gewähren. Verpackt war das Ansinnen Kleys in einem beigefügten Brief, auf der Tagesordnung für die Sitzung tauchte das Thema Vorstandsboni nicht auf.

Bei einigen Anwesenden habe das Vorgehen und der Vorschlag für Irritation gesorgt, gerade weil das Unternehmen mit Steuergeldern gestützt werde. Es sei die Frage, ob das nicht die Einführung der Boni-Zahlungen durch die Hintertür sei. Angesichts der miesen wirtschaftlichen Lage sei dies nicht verantwortlich, wie es hieß. Mit einiger Verwunderung sollen auch Vertreter der Bundesregierung die Diskussion verfolgt haben.

Der Vorstoß hat einen ernsten Hintergrund. Die strikten Vorgaben des WSF in puncto Bonuszahlungen stellen das Unternehmen und dessen Aufsichtsratschef Kley vor eine Herausforderung: Die Aussicht, für mehrere Jahre auf die erfolgsabhängige Vergütung verzichten zu müssen, verschreckt zunehmend Führungskräfte. So hat mit Torsten Dirks bereits ein Vorstand den Konzern verlassen, weil er keine Abstriche bei seinen Ansprüchen machen wollte.

Auch bei der Nachfolgersuche für den gerade erst zurückgetretenen Chef der Tochter Swiss, Thomas Klühr, gibt es wegen des Themas Boni-Verzicht wohl Schwierigkeiten, wie aus dem Unternehmensumfeld zu hören ist. So soll es bereits Absagen erster interner Kandidaten gegeben haben. Zudem wollte Kley eigentlich schon längst einen neuen Finanzvorstand präsentieren, nachdem der bisherige bereits vor Monaten gesundheitsbedingt ausgeschieden ist.

„Die Beschränkungen bei der Vergütung infolge des staatlichen Rettungspakets machen die Personalie sicher nicht einfacher“, sagte Kley Anfang Juli im Gespräch mit dem Handelsblatt. Wohl auch deshalb sucht der Chefkontrolleur jetzt nach Auswegen, dem Vorstand und der Führungsmannschaft trotz der Auflagen die Aussicht auf eine Erfolgsbeteiligung geben zu können.

Doch birgt schon die Diskussion über Erfolgsprämien für Vorstand und Führungskräfte Zündstoff. Das Management verlangt von den 128.000 Mitarbeitern massive Zugeständnisse, um möglichst viele Arbeitsplätze erhalten zu können. Rund 27.000 Vollzeitstellen will die Lufthansa rechnerisch streichen und ihre Flotte um rund 150 Flugzeuge verkleinern. Zuletzt hatte diese eine Stärke von rund 800 Maschinen.

Führungskräfte hängen von variabler Vergütung ab

„Die Herleitung der Boni-Regelung mag formal in Ordnung sein. Auch wenn Lufthansa irgendwie die Führungskräfte an Bord halten will, ist zumindest der Zeitpunkt eine echte Katastrophe“, kritisiert Daniel Flohr, Vorstandsmitglied der Kabinengewerkschaft UFO. Offensichtlich sei dem Management mehr daran gelegen, eine Lösung für die Führungskräfte zu finden, als für die vielen Tausend Mitarbeiter, von denen man einen enormen Verzicht verlange. „Den Spitzenverdienern jetzt das Einkommen erhöhen zu wollen ist vollkommen instinktlos.“

Bei den Mitarbeitern wird über einen Gehaltsverzicht von teilweise bis zu 20 Prozent gesprochen, gerade nicht gut bezahlte Mitarbeiter wie Kabinen- oder Bodenpersonal könnten dadurch unter das Existenzminimum fallen. Zudem ist mittlerweile klar, dass es ohne betriebsbedingte Kündigungen nicht gehen wird. Die Gespräche stocken seit Wochen.

Derweil hängen bei Lufthansa viele Führungskräfte an hohen variablen Vergütungen. Auf Vorstandsebene beträgt der Anteil im Schnitt fast 57 Prozent. 2019 wurden für die „Bezahlung“ des Gremiums laut Geschäftsbericht insgesamt 13,967 Millionen Euro fällig. Davon waren 6,044 Millionen Euro Grundvergütung sowie 7,923 Millionen Euro variable Bezahlung.

Lufthansa-Chef Spohr bekam im Jahr 2019 in Summe 3,925 Millionen Euro. Davon entfielen 1,662 Millionen Euro erfolgsunabhängig auf die Grundvergütung. 2,263 Millionen Euro entfielen auf variable Bestandteile. Dazu zählten eine einjährige variable Vergütung, eine mehrjährige variable Vergütung sowie ein Optionsprogramm.

In den Führungsebenen darunter liegt der Anteil der variablen Gehaltsbestandteile bei bis zu 40 Prozent. Das Verbot von Boni-Zahlung gilt für die Führungsebenen ein bis drei, das sind rund 1000 Mitarbeiter. Auch der Leiter eines kleinen Betriebes wie etwa einer Küche der Cateringtochter LSG im Ausland ist betroffen. Die Headhunter würden schon Schlange stehen, heißt es im Unternehmensumfeld.

Um den Verlust von Führungskräften zu verhindern, wurde nun ein anderes Programm vom Aufsichtsrat verabschiedet. Beim sogenannten Long-Term-Incentive-Plan (LTI) können Führungskräfte und Vorstandsmitglieder in Aktien investieren. Ab 2024 können sie dann von einem bis dahin gestiegenen Kurs profitieren.

Voraussetzung ist, dass zuvor die Finanzhilfen des WSF abgelöst wurden. Der Plan sei konform mit dem WSF-Vertrag, alles werde transparent an den WSF berichtet, erklärte eine Sprecher auf Anfrage. Doch auch dieses Programm dürfte auf Arbeitnehmerseite für Unmut sorgen.

Lufthansa leidet massiv unter den Reisebeschränkungen, die weltweit wegen der Corona-Pandemie verhängt wurden. Die Airline-Gruppe führt nur noch weniger als ein Drittel aller Flüge durch. Der Konzern schreibt hohe Verluste und verliert derzeit Monat für Monat rund eine halbe Milliarde an Cash.