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Lufthansa-Aktionäre hadern mit der Rettung durch den Staat

Vorstand und Aufsichtsrat müssen sich auf der Hauptversammlung vor den Aktionären rechtfertigen. Der Frust über die Bedingungen der Staatshilfe ist groß.

Eine Lufthansa-Flugbegleiterin während einer Demonstration vor der Lufthansa-Zentrale am Frankfurter Flughafen. Foto: dpa

Die Anspannung ist den wenigen Anwesenden anzumerken. Neben Vorstandschef Carsten Spohr und Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley hat sich am Mittwoch nur eine Handvoll Manager und Kontrolleure in der Lufthansa-Konzernzentrale eingefunden. Die gute Nachricht erreichte die Runde schon vor Beginn der Außerordentlichen und virtuell abgehaltenen Hauptversammlung. Großaktionär Heinz Hermann Thiele hatte gerade noch rechtzeitig vor dem Aktionärstreffen seinen Segen für das staatliche Rettungspaket erteilt.

Es geht um nicht weniger als die Zukunft der deutschen Airline-Gruppe, die durch Corona in eine Schieflage geraten ist. Neun Milliarden Euro vom Staat werden gebraucht. Dem sollen die Aktionäre auf dieser Hauptversammlung zustimmen.

„Wir haben kein Geld mehr“, machte Aufsichtsratschef Kley gleich zu Beginn deutlich. Und appellierte an die Aktionäre: „Der Aufsichtsrat hat trotz großer Bedenken im Einzelnen der Beschlussvorlage zugestimmt. Bitte tun das auch Sie, liebe Aktionäre.“

Bis in den Abend zieht sich das Aktionärstreffen. Über 600 Fragen wurden vorab eingereicht. Ein Abstimmungsergebnis lag auch gegen 18 Uhr noch nicht vor. Aber nachdem klar ist, dass der Unternehmer Thiele zustimmen wird, gilt eine Zustimmung als relativ sicher.

Bis zum Mittwochabend ließ Thiele sein Abstimmungsverhalten offen. Der Münchener Unternehmer hält 15,52 Prozent an Lufthansa. Laut den Bedingungen des Stabilisierungspakets müssen bei einer Präsenz von unter 50 Prozent zwei Drittel der anwesenden Aktionäre zustimmen. Am Donnerstag lag die Präsenz aber nur bei 39,32 Prozent.

Mit seiner Beteiligung hätte Thiele also die Kapitalerhöhung blockieren können, die notwendig ist, damit der Staat für 300 Millionen Euro mit 20 Prozent bei der Airline einsteigen kann. Ohne Beteiligung des Staates wiederum werden auch die anderen Gelder nicht fließen – ein KfW-Kredit über drei Milliarden Euro sowie eine stille Einlage über insgesamt 5,7 Milliarden Euro.

Der Unternehmer stört sich etwa an der hohen Staatsbeteiligung und fürchtet, dass damit eine harte Sanierung erschwert werden könnte. Außerdem kritisiert er den niedrigen Bezugspreis des Bundes von 2,56 Euro je Aktie. Die Aktie kostet derzeit etwas weniger als zehn Euro.

Thiele hatte deshalb Nachbesserungen verlangt. Ein Gespräch mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Lufthansa-Chef Spohr am Montag in Berlin brachte aber keine Klärung. Lufthansa und auch der Bund hatten sich deshalb auf ein Scheitern vorbereitet.

Doch dann hatte Thiele zur Überraschung aller am Mittwochabend gegenüber der „FAZ“ erklärt, der Beschlussvorlage zustimmen zu wollen. „Es gibt nach wie vor unterschiedliche Positionen mit den Regierungsvertretern“, so Thiele. Es sei klar, dass er als Ankeraktionär künftig im Risiko stehe. „Deshalb werde ich auch in Zukunft Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Lufthansa.“

Thiele hatte viele Fragen

Thiele, der sich nach Aussagen von Spohr bei der Hauptversammlung anwaltlich vertreten ließ, bombardierte das Management mit unzähligen Fragen. Die beantwortete das Management im Block, nicht thematisch gebündelt wie bei den anderen Anteilseignern. Die Konzernspitze wollte wohl keinen Ansatzpunkt für mögliche Anfechtungs- oder andere Klagen liefern.

Unter anderem wollte der Unternehmer wissen, ob anders als in den Vorgaben des zuständigen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) nicht das Bundeswirtschaftsministerium, sondern das Finanzministerium die Federführung der Verhandlungen übernommen habe. Spohr verneinte. Aus Sicht der Lufthansa habe das Finanzministerium zu keinem Zeitpunkt die Federführung gehabt.

Mit seinen kritischen Fragen steht Thiele nicht alleine. Auch andere Anteilseigner stören sich an den Konditionen des Rettungspakets. Die stille Einlage etwa wird in den ersten zwei Jahren mit vier Prozent verzinst, danach steigt der Satz kontinuierlich an, bis er nach 2027 dann 9,5 Prozent erreicht. „Warum darf der Staat an der Lufthansa-Rettung Geld verdienen, während die Altaktionäre bluten müssen?“, fragte Patrick Schuchter, Portfoliomanager bei Union Investment.

„Uns Aktionären bleibt nichts anders übrig, als der Kapitalerhöhung für den Einstieg des Staates zähneknirschend zuzustimmen. Ansonsten wäre der Kranich kein Vogel mehr“, erklärte Vanessa Golz, Spezialistin Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, in ihrem Statement.

Schuchter äußerte Bedenken, dass die Rückzahlung der Staatshilfen die Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu stark einschränken könnte: „Wie können Sie verhindern, dass die Lufthansa von diesem Schuldenberg erdrückt wird?“

Immerhin: Zwei gute Nachrichten konnte das Lufthansa-Management den Anteilseignern präsentieren. Die EU-Kommission genehmigte die zentralen Elemente der Staatshilfe.

Zum anderen einigten sich Management und die Kabinengewerkschaft Ufo auf den Sparbeitrag der Crew-Mitarbeiter zur Rettung des Konzerns. Er umfasst Einsparungen von mehr als einer halben Milliarde Euro. Im Gegenzug soll es einen vierjährigen Kündigungsschutz bis Ende 2023 geben.

Gerettet ist die Lufthansa noch lange nicht. So kündigte der Chef der Billigairline Ryanair, Michael O’Leary, noch während der laufenden Hauptversammlung an, gerichtlich gegen die Entscheidung der EU-Kommission vorzugehen. Die Staatshilfen seien ein „spektakuläres Beispiel dafür, wie ein reicher EU-Mitgliedstaat die EU-Verträge zum Nutzen seiner nationalen Wirtschaft und zum Nachteil ärmerer Länder ignoriert.“
Mitarbeit: Kerstin Leitel