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EZB-Chefin Lagarde fordert gemeinsamen europäischen Finanzstimulus in der Coronakrise

Die EZB-Chefin warnt mit drastischen Worten vor den Corona-Folgen. Laut einem Bericht ist es möglich, dass die Notenbank bald Anleihen mit Ramschstatus kauft.

Die EZB-Chefin geht in einem mittelschweren Pandemie-Szenario davon aus, dass die Wirtschaft im Euroraum um acht Prozent schrumpft. Foto: dpa

Drei Tage nach dem Karlsruher Urteil zu den Anleihekäufen der EZB hat Notenbankchefin Christine Lagarde die EU-Staaten aufgefordert, in der aktuellen Krise finanziell zusammenzustehen. Niemand sei Schuld an der aktuellen Coronakrise. Daher müsse jedes Land den Spielraum haben, um angemessen darauf zu reagieren. „Das unterstreicht, weshalb eine gemeinsame finanzpolitische Reaktion Europas so nötig ist“, sagte Lagarde.

Zum einen werde dies dabei helfen, Lücken in Mitgliedsstaaten zu schließen und der Gefahr entgegenwirken, dass sie sich auseinanderentwickeln. Angesichts des sich abzeichnenden Finanzbedarfs müsse die Reaktion schnell, umfangreich und gleichmäßig sein.

Zum anderen gehe es aber auch darum, Impulse zu geben für das Europa nach der Krise. „Wir haben die Chance erhalten, einen Sprung nach vorne zu machen.“ Europa könne seinen Gesellschaftsvertrag weiterentwickeln, seine strategische Autonomie neu definieren und die Risiken für die Umwelt ernst nehmen. „Das sind alles Felder, wo es in unserem gemeinsamen Interesse liegt, zusammen zu handeln.“

Lagarde wiederholte Schätzungen der EZB, wonach sie im mittelschweren Pandemie-Szenario davon ausgeht, dass die Wirtschaft im Euroraum um acht Prozent schrumpft. Daraus ergebe sich ein großer Finanzbedarf, der zehn Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum übersteigen könnte.

Allein für 2020 könnte die Ausgabe neuer Staatsanleihen aufgrund der Pandemie ein Volumen von 1,0 bis 1,5 Billionen Euro erreichen. Die Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung der Virus-Ausbreitung hatte die Wirtschaftsaktivität in den vergangenen Wochen in allen Euro-Ländern weitgehend zum Erliegen gebracht.

Möglicher Kauf von Ramschanleihen

Nach einem Bericht der Agentur Reuters prüfen EZB-Experten angesichts der Coronakrise Insidern zufolge auch den Ankauf von Unternehmensanleihen mit Ramschstatus durch die Euro-Notenbank. Interne Fachleute seien beauftragt worden, die Vor- und Nachteile eines solchen Schritts auszuloten, meldete die Agentur unter Berufung auf vier mit den Überlegungen vertraute Personen.

Mit dem Erwerb von derartigen Firmenbonds würde die EZB die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen erleichtern, die besonders schwer von der Viruskrise getroffen wurden. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab.

Unternehmensanleihen, die nicht das Gütesiegel „Investmentgrade“ besitzen und damit als ausfallgefährdet gelten, sind bislang von den Anleihekaufprogrammen ausgeschlossen. Denn mit dem Erwerb solcher Papiere würde sich die Notenbank dem Risiko aussetzen, Verluste bei den Titeln einzufahren, sollten Unternehmen im Zuge der Viruskrise zahlungsunfähig werden.

Den Insidern zufolge muss noch eine Reihe von Währungshütern von der Idee überzeugt werden. Es könne aber womöglich eine Mehrheit für ein solches Vorgehen gefunden werden. Allerdings wurde laut der Insider bislang noch kein konkreter Vorschlag gemacht. Das Thema sei weiterhin offen, hieß es. Die US-Notenbank Federal Reserve hatte im vergangenen Monat entschieden, auch hochverzinsliche Schuldenpapiere zu erwerben.