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Kroos: "Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es zu viel wird"

Niclas Löwendorf
·Lesedauer: 7 Min.

Felix Kroos ist im Sommer nach vier Jahren bei Union Berlin zum Zweitligaaufsteiger aus Braunschweig gewechselt.

Bei den Niedersachsen, die aktuell 16. in der Tabelle sind, gehört der defensive Mittelfeldspieler zum Stammpersonal und stand in sieben von acht Partien auf dem Platz.

Im SPORT1-Interview spricht der 29-Jährige über seine neue Aufgabe, seinen formstarken Ex-Klub, seinen erfolgreichen Podcast, den er gemeinsam mit Bruder Toni betreibt, und die Übersättigung des Fußballs.

SPORT1: Herr Kroos, Sie sind im Sommer nach Braunschweig gewechselt. Haben Sie sich schon eingelebt?

Felix Kroos: Ja, jetzt bin ich ja schon über zwei Monate hier. Wohnung ist gefunden, die Familie ist hier, im Verein macht es Spaß. Die Jungs sind total angenehm.

SPORT1: Sie waren bei Union, haben dort in der Vorsaison auch das eine oder andere Spiel gemacht. Warum haben Sie den Schritt zurück in die zweite Liga gewählt?

Kroos: Im Endeffekt muss man auch schauen, welche Angebote da sind. Es war ein schwieriger Sommer für alle Beteiligten, gerade für diejenigen, die keinen Vertrag hatten. Deswegen war es für mich auch klar, dass ich für viele Sachen offen bin. Wichtig ist für mich immer, einen Verein zu finden, wo was dahinter steckt, wo Tradition da ist, wo ich das Gefühl habe, dass auch ein bisschen Power da ist und auch Potenzial, was die Zukunft betrifft. Das Gefühl habe ich hier. Deswegen war für mich die Entscheidung für die Eintracht nicht schwer.

"Da war viel Geduld gefragt"

SPORT1: Wie schwer war denn die Vereinssuche?

Kroos: Es war vor allen Dingen schwer, weil man Geduld haben musste. Viele Vereine hatten keine Planungssicherheit. Diese Situation (in der Coronakrise, Anm.d.Red.) war für alle neu. Keiner konnte richtig sagen, was können wir ausgeben, wie können wir planen. Da war viel Geduld gefragt. Ich war zwei Monate ohne Verein, das war für mich auch eine neue Situation. Damit muss man umzugehen lernen. Ich hatte das Glück, dass in der Zeit mein erstes Kind geboren wurde. Deswegen hatte ich da sehr viele positive Ablenkung. Jetzt bin ich froh, dass ich hier einen guten Verein gefunden habe und sich die Geduld ausgezahlt hat.

SPORT1: Eintracht Braunschweig ist ein Aufsteiger. Lautet daher das Ziel Klassenerhalt?

Kroos: Ja, alles andere wäre Quatsch. Klar ist die zweite Liga eine sehr enge Liga. Wenn man jetzt auf die Tabelle schaut, geht es ganz schnell nach oben wie nach unten. Eine Liga, wo jeder jeden schlagen kann. Deswegen sehe ich uns da gut aufgestellt, wenn wir in jedem Spiel ans Limit kommen. Hier herrscht ein sehr gutes Miteinander. Innerhalb der Mannschaft ist eine gute Stimmung. Selbst nach Niederlagen sind in der Kabine alle positiv, nur so geht es. Die Saison ist immer lang, da brauchst du eine gute Stimmung in der Kabine, ebenso wie eine gute Trainingsqualität.

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SPORT1: In der Bundesliga macht gerade Union Berlin von sich reden. Wie sehen sie die Entwicklung bei ihrem Ex-Verein?

Kroos: Ich freue mich sehr, schaue so viele Spiele wie möglich und drücke die Daumen. Es ist ja kein Geheimnis, dass das für mich ein Verein ist, der mir sehr ans Herz gewachsen ist. Deswegen kann ich da nur loben und hoffen, dass sie die Ruhe bewahren, wenn wieder ein paar Niederlagen kommen. Aber da mach ich mir keine Sorgen.

Wird Kroos nach der Fußballkarriere Kommentator?

SPORT1: Heißt das, Union wird nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben?

Kroos: Als nicht mehr aktiver Spieler kann man das immer leicht sagen. Ich gehe fest davon aus, dass sie nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Ich weiß, die Aktiven bei Union würden nicht so weit gehen. Aber so wie ich das beurteilen kann, müssen sie sich keine Sorgen machen.

SPORT1: Wie kamen Sie und Ihr Bruder auf die Idee, einen Podcast zu starten?

Kroos: Wir haben eine Anfrage bekommen, ob wir da Lust drauf hätten, weil man gesehen hat, dass wir auf Social Media ein bisschen Spaß miteinander machen. Dann habe ich aber gesagt nein, ich kann ich mir nicht vorstellen, dass das interessant ist, was ich zu erzählen habe. Deswegen lag das alles immer so ein bisschen in der Luft, aber wir haben nie konkret darüber gesprochen. Irgendwann haben wir dann gesagt: "Komm, einfach mal was Neues ausprobieren! Wenn's nix ist, kann man immer noch aufhören." Und jetzt haben wir mittlerweile vierzehn oder fünfzehn Folgen gemacht, und es macht richtig Spaß. Es läuft gut, es kommt wohl auch ganz gut an. Es hören viele Leute. Deswegen war es wohl doch eine ganz gute Idee, das zu machen.

SPORT1: Welche Rolle spielt dabei Ihr Opa?

Kroos: Er spielt in unserem Leben sowieso eine große Rolle. Nach einer Aussage von ihm im Kinofilm meines Bruders haben wir den Podcast ja auch benannt. Er spielt auch im Podcast eine große Rolle. Wir haben jetzt auch als ersten Gast in unserem Podcast gehabt, von daher ist er ein sehr großer Baustein in unserem Podcast.

Bruder Toni beim Podcast "sehr engagiert"

SPORT1: Ist das vielleicht auch was für die Zeit nach der Karriere? Sie haben zuletzt auch ein Spiel bei den Kollegen von DAZN kommentiert.

Kroos: Wer weiß? Der Podcast und das Kommentieren sind Sachen, wo man sagt, "okay, das probiere ich einfach mal aus, etwas Neues, da kann ich Erfahrung sammeln". Ob es etwas Langfristiges ist, das wird man sehen. Das ist jetzt schwer planbar. Es ist aber nicht schlecht, wenn man die Erfahrung schon mal gemacht hat.

SPORT1: Wie es ist, mit dem eigenen Bruder einen Podcast zu machen?

Kroos: Es macht Spaß. Wir sind ja nicht so diejenigen, die viel telefonieren, sondern wir schreiben uns immer. Jetzt haben wir alle zwei Wochen nochmal die Möglichkeit, wieder miteinander zu sprechen, deswegen hilft das uns auch. Toni ist auch immer sehr engagiert, was die Vorbereitung betrifft. Solange es Spaß macht, werden wir es auch weiter machen.

SPORT1: Ist der Podcast auch Gesprächsthema in Braunschweig in der Kabine?

Kroos: Da kommen schon mal ab und zu ein, zwei Sprüche, aber auch positive Kommentare. Bis jetzt habe ich noch nichts Negatives gehört.

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Kroos: Es ist zu viel Fußball

SPORT1: Sie haben in Ihrem Podcast über die vielen Spiele gesprochen und gesagt, dass Sie kaum noch Spiele schauen. Herrscht eine Übersättigung im Fußball?

Kroos: Ja, es ist zu viel. Klar ist das jetzt noch kompakter durch die derzeitige Situation: Sonst war immer alle zwei Wochen Champions League, jetzt jede Woche. Hinzu kommt, dass die Nationalmannschaft drei Länderspiele in den Länderspielpausen gemacht hat. Das ist zu viel, nicht nur für die Zuschauer, auch für die Spieler. Gerade für die Nationalspieler ist die Belastung viel zu hoch. Das sieht man an der Zahl der Verletzten, und das wird auch nicht weniger werden. Wir reden immer davon, dass Gesundheit an erster Stelle steht, was Corona betrifft. Aber Gesundheit ist ja nicht nur Corona. Es gibt ja auch Verletzungen und da ist irgendwann ein Punkt erreicht, wo es zu viel wird. Viele Trainer sprechen das auch schon an. Nur bis jetzt hat das noch keine Wirkung gezeigt. Ich weiß nicht, wie weit die das noch treiben wollen.

SPORT1: Gibt es da eine Idee, dagegen anzugehen?

Kroos: Es gibt ein Spielerbündnis hier in Deutschland. Die Frage ist nur: Wie stark ist die Stimme, wie stark wird das auch eingesetzt und angenommen in den entscheidenden Gremien?

SPORT1: Sie treffen im Pokal auf den BVB. Ein Wunschlos oder hätten Sie sich lieber einen unterklassigen Verein gewünscht?

Kroos: Es ist ein schönes Los. Gerade auch ein Heimspiel gegen einen Bundesligisten, gegen eine absolute Topmannschaft - für mich persönlich ist es in den letzten fünf Jahren das dritte Mal, dass ich in der zweiten Runde gegen Dortmund spiele. Vielleicht hätte ich mir dahingehend einen anderen Gegner gewünscht. Aber wer sich auf das Spiel nicht freut, ist fehl am Platz.