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Wie sich der Kronprinz im Ölpreiskrieg verzockt

Der saudische Kronprinz gilt als machthungrig und kaum berechenbar. Nun dürfte er es sich mit US-Präsident Donald Trump verscherzt haben.

Es war eine ungeahnte Armada an Tankern, die der weltgrößte Ölkonzern da auf die Weltmeere geschickt hatte. Voller Stolz teilte Saudi Aramco Anfang April ein Video über Twitter, in dem 15 Supertanker randvoll mit 18,8 Millionen Barrel Rohöl in See stachen.

Das Fluten der Märkte mit dem schmierigen Rohstoff – es war Saudi-Arabiens Antwort auf das zwischenzeitlich gescheiterte Abkommen mit den anderen großen Förderländern. Im Ölkartell Opec konnte man sich erst nicht auf eine Fördermengensenkung einigen, weil Russland keinen Kompromiss eingehen wollte.

Um den Kreml in die Knie zu zwingen, hatte Saudi-Arabien zusammen mit seinen Verbündeten Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten die Pumpen voll aufgedreht, Weltmarktführer Saudi Aramco hatte zudem massive Rabatte für sein Öl angeboten.

Der Mann hinter diesem Ölpreiskrieg: Kronprinz Mohammed bin Salman. Doch der 34-Jährige, der bisher vor allem auf den Schulterschluss mit Donald Trump gesetzt hatte, machte seine Rechnung in diesem Fall ohne den US-Präsidenten.

Der Chef des Weißen Hauses drohte mit seiner Lieblingswaffe: Strafzöllen – diesmal nicht auf deutsche Autos, sondern auf saudisches Öl. So kam es dann vor gut einer Woche doch zum historischen Abkommen zwischen Opec und Russland. Und dem Beschluss, die Ölförderung um 9,5 Millionen Fass abzusenken – zehn Prozent des vor der Corona-Pandemie üblichen Tageskonsums.

Trumps Drohung sorgt für Kehrtwende

Dennoch kollabierte der Ölpreis immer weiter. Und nun droht Trump dem Kronprinzen damit, das Anlanden saudischen Rohöls in den USA zu verweigern. Es ist eine Kehrtwende. Bisher stand Trump dem Prinzen MbS, wie bin Salman im Königreich nur genannt wird, in allen Krisen treu zur Seite. Selbst nach der Ermordung des oppositionellen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat von Istanbul.

Verzockt habe sich der bei vielen jungen Saudis durchaus beliebte Kronprinz, sagen Öl-Insider. Über den Staatsfonds PIF kontrolliert bin Salman den mächtigsten Ölkonzern der Welt. Behilflich ist ihm dabei sein enger Vertrauter Yasir Al-Rumayyan, Chef des Fonds und Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns.

Und da das Unternehmen Rohöl für nur drei Dollar pro Barrel (je 159 Liter) fördern kann, ist es russischen Rivalen, die bis zum Zehnfachen an Kosten haben, überlegen. Dies wollte bin Salman ausspielen.

Lange Zeit regte sich MbS nicht. Erst als Russland ankündigte, nach immer stärkerem Preisabsturz doch über Mengenbegrenzungen verhandeln zu wollen, ging auch Riad wieder auf diesen Kurs. Nun beraten die Ölminister beider Länder, ob sie wegen der sich vertiefenden Krise weitere Maßnahmen ergreifen sollen.

Des Königs liebster Sohn

„Eine absolute Monarchie ist im Wesentlichen die Demokratie eines Einzelnen, und MbS erhielt die Stimme seines Vaters – die einzige, die wichtig war“, urteilt der Autor Ben Hubbard in seinem gerade erschienenen Buch „MBS: The Rise to Power of Mohammed bin Salman“.

Der Lieblingssohn des 84 Jahre alten Königs Salman hält das Land immer fester im Griff, zuletzt ließ er im März mächtige Prinzen verhaften. Während der König aus Angst vor Corona auf eine Insel vor der Hafenstadt Dschidda floh – 150 Angehörige des Hofes haben sich bis dato mit dem Virus infiziert – regiert MbS von seiner Luxusjacht aus, die durch das Rote Meer kreuzt.

Der De-facto-Machthaber, der als einer der wenigen einflussreichen Saudis nicht im Ausland, sondern in der Hauptstadt Riad Jura studiert hat, gilt als notorischer Zocker: Nachts säße er stundenlang am Computer und spiele „World of Warcraft“, berichten Menschen, die schon zu ihm gerufen wurden, um Lagebesprechungen bis zum Morgengrauen abzuhalten.

Doch anders als in der Simulation ist bin Salmans Einsatz im realen Leben der Milliardenschatz des Königreichs: Aramco pumpt mit großen Rabatten sein Öl in die Märkte – und der Staatshaushalt rutscht immer tiefer in die roten Zahlen.