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Kreml erlaubt dosierte Wahrheit über Putins stockenden Krieg

(Bloomberg) -- Angesichts beinahe täglicher Geländeverluste russischer Truppen in der Ukraine hat der Kreml ausgewählte staatliche Medien angewiesen, die Fehlschläge des von Präsident Wladimir Putin verantworteten Einmarsches nicht mehr komplett unter den Teppich zu kehren. Grund für den Kurswechsel ist informierten Kreisen zufolge die Einsicht, dass eine unablässig optimistische Propaganda wachsende öffentliche Zweifel eher noch schüren könnte.

Der Kurswechsel über die letzten Wochen hat eine Welle ungewöhnlich öffentlicher Kritik am Militär ausgelöst. Nachdem monatelang praktisch nur über Erfolge auf dem Schlachtfeld berichtet wurde, hat das staatliche Fernsehen in letzter Zeit Rückzüge und Niederlagen Russlands aufgelistet - ohne die übliche Beschönigung seitens des Verteidigungsministeriums.

“Wir müssen aufhören zu lügen”, sagte Andrej Kartapolow, ein Ex-General, der jetzt dem Verteidigungsausschuss im Unterhaus vorsitzt, letzte Woche in einer beliebten Online-Talkshow. “Unsere Leute sind nicht dumm.”

Allzu weit wird der Kreml die streng kontrollierten Medien natürlich nicht von der Leine lassen, und es ist weiterhin nicht erlaubt, Putin oder seine Entscheidung zum Einmarsch in Frage zu stellen. Da jedoch kaum zu erwarten ist, dass die eigenen Streitkräfte die ukrainische Gegenoffensive in naher Zukunft aufhalten können, hoffen die Verantwortlichen, dass der Anschein von weniger “Spin” dazu beitragen kann, die öffentliche Unterstützung zu sichern.

Putin-Treffen

Der neue Ansatz spiegelt sich auch auf höchster Ebene wider. Der Präsident hat seit dem Frühsommer mindestens zwei nichtöffentliche Treffen mit einer kleinen Gruppe russischer Militärkorrespondenten abgehalten, darunter eines kurz vor der plötzlichen Entscheidung des letzten Monats, die Einberufung von 300.000 Reservisten anzuordnen, wie mit der Situation vertraute Personen berichten.

Das plötzliche Aufkommen von Kritik an der Kriegsführung des Militärs im Staatsfernsehen könnte den Forderungen der Falken in der russischen Elite nach verstärkten Angriffen auf ukrainische Städte und Infrastruktur eine Rechtfertigung verschaffen, so Tatjana Stanowaja, Gründerin der Forschungsgruppe R.Politik.

“In der herrschenden Klasse gibt es eine große Debatte darüber, wie man diesen Krieg gewinnen kann, nachdem die Armee gezeigt hat, dass sie dazu nicht in der Lage ist”, sagte sie. “Es gibt eine Jagd nach den Verantwortlichen und Bemühungen, Putin dazu zu bringen, nach anderen Lösungen zu suchen.”

Bei ihrem letzten Treffen mit Putin hätten die Kriegsberichterstatter, die für ihre nationalistischen Ansichten und ihre Skepsis gegenüber der Militärführung bekannt sind, ein düsteres Bild von der Lage an der Front gezeichnet, heißt es. In nur wenigen Wochen hatten die ukrainischen Streitkräfte große Teile des Territoriums eingenommen, um dessen Besetzung die russischen Truppen monatelang gekämpft hatten. Einige der Korrespondenten hätten sich gefragt, ob Putin von seinen Militärs ein vollständiges Bild von der tatsächlichen Lage erhalten habe.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow reagierte nicht auf die Bitte um einen Kommentar zu diesem Artikel.

‘Elemente eines Rückzugs’

Innerhalb weniger Tage hatte Putin Schritte eingeleitet, um die Gebiete, die seine Truppen noch hielten, dauerhaft zu russischem Territorium zu erklären und die Teilmobilisierung einzuleiten. Mehr als 300.000 Menschen flohen daraufhin aus dem Land.

Als die ukrainische Gegenoffensive die russischen Linien weiter zurückdrängte und Land zurückeroberte, das Putin gerade erst annektiert zu haben behauptet hatte, ließ das Staatsfernsehen die offizielle Behauptung fallen, die Rückzüge seien sorgfältig geplante strategische Schritte.

“Gestern haben wir 16 Siedlungen in der Region Cherson verloren. Was werden wir heute verlieren?”, fragte die Moderatorin Olga Skabejewa am 5. Oktober einen Besatzungskommandanten in ihrer Talkshow zur Hauptsendezeit. “Wir manövrieren mit Elementen eines Rückzugs”, war alles, was er als Antwort murmeln konnte.

“Auf dem Schlachtfeld läuft es für uns nicht gut”, beklagte Wladimir Solowjow, der bekannteste Nachrichten-Moderator des staatlichen Fernsehens, in seiner abendlichen Sendung Anfang letzter Woche.

In Talkshows wurden die Militärs dafür kritisiert, dass es ihnen nicht gelungen ist, den ukrainischen Vormarsch abzuwehren, sowie für die missglückte Einberufungskampagne, die überschattet wird von Berichten über alte, kranke oder anderweitig untaugliche Personen, die in Ausbildungslager geschickt wurden.

“Die Schwierigkeit der Situation war vorhersehbar”, sagte der Kriegsberichterstatter Alexander Sladkow letzte Woche in einer Talkshow zur Hauptsendezeit auf Rossiya 1. “Wir lernen immer noch dazu. Ich weiß, es ist schrecklich, das im achten Monat der Operation zu hören.“

Umfragen zeigen, dass der plötzliche Mobilisierungsbefehl viele Russen schockiert hat. Einige hat das dazu veranlasst, den Erfolg der Invasion zum ersten Mal in Frage zu stellen. Im Kreml befürchtete man, dass die Diskrepanz zwischen den Schlachtfeldberichten in der beliebten Nachrichten-App Telegram und den täglichen Berichten des Verteidigungsministeriums über die Erfolge an der Front das Vertrauen der Öffentlichkeit untergraben könnte.

Bei aller neuen Bereitschaft, Fehler einzugestehen und das Militär zu kritisieren, bleibt eine Kritik von Putin selbst tabu.

“Die Frage ist: Wenn wir über das Chaos und die teilweise Mobilisierung sprechen, warum die Dinge so passiert sind, wie sie es in Lyman, Balaklija, getan haben, haben wir alle die gleiche Frage: Ist sich unser Oberbefehlshaber bewusst? Ist sich Wladimir Wladimirowitsch dessen bewusst?“ fragte Margarita Simonjan, Chefredakteurin der Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja, am vorvergangenen Sonntag im Fernsehen. “Ich denke, er ist sich dessen bewusst und versteht es sehr gut.”

Überschrift des Artikels im Original:Kremlin Lets State Media Tell Some Truth on Putin’s Stalling War

(Wiederholung vom Freitag)

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