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Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft: Forschungsdaten bleiben oft ungenutzt

Gillmann, Barbara
·Lesedauer: 6 Min.

Der Bund will Datenschätze künftig effektiv nutzen. Doch bei der Nutzung von Forschungsergebnissen herrscht trotz großer Pläne weiter Kleinstaaterei, kritisieren die Grünen.

Die Datenprojekte der Bundesregierung sollen Wirtschaft und Wissenschaft besser vernetzen. Doch die Erfolge sind bislang überschaubar. Foto: dpa
Die Datenprojekte der Bundesregierung sollen Wirtschaft und Wissenschaft besser vernetzen. Doch die Erfolge sind bislang überschaubar. Foto: dpa

Die Pläne wirken vielversprechend: Die Datenplattform Gaia-X soll Daten von und für die Wirtschaft europaweit zugänglich machen. Auch über eine Integration von US-Unternehmen wird schon debattiert. Daneben sollen auch die vor allem mit Steuergeld entstandenen Daten aus der Forschung viel besser genutzt werden – und zwar nicht nur in der Wissenschaft selbst, sondern mittelbar auch in der Wirtschaft.

Bisher werden in der Wissenschaft massenhaft Datenbestände nur lokal genutzt – und zeitlich begrenzt, weil Forschungsprojekte in der Regel nur wenige Jahre laufen. Abhilfe schaffen soll der im Herbst 2020 vorgestellte „Aktionsplan Forschungsdaten“ des Bundesforschungsministeriums. „Daten sind der Treibstoff der Digitalisierung“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bei der Vorstellung und kündigte an, einen „systematischen und nachhaltigen Zugang zu Forschungsdaten“ schaffen zu wollen – als Teil der Datenstrategie der Bundesregierung.

Wie groß die Chancen sind, zeigt die Pandemie: Nie zuvor haben Forscher in Deutschland so schnell und breit Daten ausgetauscht, teilte der Wissenschaftsrat mit. Das gilt als eine zentrale Erklärung für die Erfolge der Impfstoffproduzenten. Nach diesem Modell könnten auch auf anderen Feldern viel schneller Innovationen entstehen.

Ein großer Wurf ist jedoch bisher nicht erkennbar. Der Aktionsplan besteht maßgeblich aus Einzelprojekten, die Daten einer Fachgruppe sammeln sollen. Neun solcher Projekte wurden genehmigt, darunter für „personenbezogene Gesundheitsdaten“ , die Chemie- und die Ingenieurwissenschaften, die jeweils mit bis zu 17 Millionen Euro gefördert werden. Bis Ende 2022 sollen es insgesamt 30 Konsortien sein.

Das zeigt die Antwort des Ministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen, die dem Handelsblatt vorliegt. Seit März 2020 gibt es eine zentrale Geschäftsstelle für die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) in Karlsruhe, die Homepage befindet sich aber noch „im Aufbau“.

Darüber hinaus ist weitgehend unklar, welche Projekte künftig mit welchen Fördermitteln unterstützt werden. Und schließlich gibt es kein Konzept, wie in den Universitäten und Forschungsorganisationen die nötigen Datenkompetenz aufgebaut werden soll, zeigt die Anfrage.

Grüne: Der Aktionsplan greift zu kurz“

„Der Aktionsplan greift deutlich zu kurz“, kritisiert die innovationspolitische Sprecherin der Grünen, Anna Christmann. Es gebe zwar einige vielversprechende Datenprojekte in Bildung, Gesundheit und Klima, sagte sie dem Handelsblatt.

Aber generell „haben wir statt einer guten Dateninfrastruktur bisher einen Flickenteppich aus Datensilos“. Wir brauchen eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Wissenschaft, um beste Bedingungen für datenintensive Forschung zu schaffen.“

Vor allem müsse „die große Frage beantwortet werden, wie die themenspezifischen Konsortien und die Großprojekte ,Nationale Forschungsdateninfrastruktur‘ , ,European Open Science Cloud‘(EOSC) der EU-Kommission und Gaia-X zusammenwirken sollen“. Auf der NFDI-Homepage heißt es bisher nur lapidar, die wertvollen Datenbestände der Forschung sollten „für das gesamte deutsche Wissenschaftssystem systematisch erschlossen, vernetzt und nachhaltig sowie qualitativ nutzbar“ gemacht werden.

Ebenso wenig könne das Ministerium sagen, wie viel Geld für die verschiedenen Projekte wirklich zur Verfügung stehen wird – „was tatsächlich kommt, steht in den Sternen“, kritisiert Christmann. Dabei sei eine bessere Verfügbarkeit der Daten „überfällig“, denn „nur mit guter Datengrundlage können die vielen neuen digitalen Auswertungsmethoden genutzt werden“.

Auch der Präsident des Stifterverbandes, Andreas Barner, hatte jüngst eine Konkretisierung der Datenstrategie der Bundesregierung gefordert und auf ein weiteres Potenzial hingewiesen: So sei noch unklar, „welche Regeln und Anreize es braucht, damit Unternehmen ihre Datenschätze auch verstärkt für die Nachnutzung in der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stellen“, sagte er im Handelsblatt-Interview.

Parallel zum „Aktionsplan Forschungsdaten“ des Ministeriums hatten auch der Wissenschaftsrat, das höchste Beratungsgremium für die Politik in diesem Feld, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft Empfehlungen zur Frage der Datennutzung in der Forschung vorgelegt – allerdings offenbar völlig ohne Austausch mit dem Ministerium. Man habe die Impulse der großen Organisationen vom Oktober 2020 „zur Kenntnis genommen“, schreibt das Forschungsministerium.

Wissenschaftsrat: Ohne gemeinsame Standards geht nichts

Der Wissenschaftsrat hatte auf zwei Grundbedingungen für eine bessere Datennutzung hingewiesen: Einerseits müssten die Forscher selbst auch bereit sein, Daten zu teilen – wie jetzt in der Covid-19-Forschung. Zudem seien auch gemeinsame Standards zu deren Erhebung und Verarbeitung unverzichtbar.

Denn vielfach sind Forschungsdaten für Dritte schon deshalb nicht nutzbar, weil mit unterschiedlicher Software gearbeitet wird. Bund, Länder und Forschungsförderer wie die DFG müssten das aber auch finanziell unterstützen, forderte die Vorsitzende des Wissenschaftsrates Dorothea Wagner. Denn bisher werde „der Ressourcenbedarf datenintensiver Forschung oft noch nicht hinreichend berücksichtigt“.

Damit Forscherinnen und Forscher überhaupt in der Lage sind, die Digitalisierung in ihren Fächern aktiv zu nutzen und voranzutreiben, fehlt es zudem flächendeckend an der nötigen Kompetenz.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher: „Kompetenzen im Umgang mit Daten und Methoden ihrer Verarbeitung müssen für Tätigkeiten innerhalb und außerhalb der Wissenschaft systematisch vermittelt werden.“ Dafür müssten Studierende in allen Disziplinen in Informatik, Statistik, aber auch Ökonomie, Recht und Ethik unterrichtet werden.

Neue Berufsbilder in der Forschung nötig

Doch auch unter den Wissenschaftlern selbst braucht es viel mehr hochspezialisierte Kollegen, um die Digitalisierung zu verwirklichen, mahnt der Rat. Dies müsse dann aber auch „als wissenschaftliche Leistung anerkannt werden“.

Das gehe nicht ohne „neue Berufsbilder, für die attraktive Stellenprofile und Karrierewege geschaffen werden müssen“. Der Wissenschaft fehlt es also nicht nur wie der Wirtschaft an genügend IT-Experten, die zudem in der jeweiligen Disziplin versiert sind – sie hat nicht einmal die nötigen Stellenprofile.

Für eine flächendeckende Verbreitung von Datenkompetenz wirbt auch eine neue vom Stifterverband initiierte „Charta Data Literacy“, der sich bereits viele Organisationen angeschlossen haben. Danach soll Datenkompetenz schnell Teil aller Studiengänge, aber auch der Schullehrpläne werden.

Das Ministerium hat jedoch keine konkreten Pläne zur Datenkompetenz: Das Stichwort taucht in der 20-seitigen Antwort auf die Fragen der Grünen nur im Zusammenhang mit einem einzigen Projekt auf.

Geplant sei dazu jedoch ein Doktorandinnen- und Doktoranden-Programm sowie ein Förderprogramm für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler mit starker datenwissenschaftlicher Perspektive in ihren Fächern, heißt es vage.

Zudem will das Ministerium Fachhochschulen beim Aufbau von Strukturen zum Forschungsdatenmanagement unterstützen. Unklar ist, ob diese Pläne noch in den letzten Monaten dieser Legislaturperiode realisiert werden sollen. Der finanzielle Rahmen hänge dann von den Haushaltsmitteln ab, heißt es.

„Es ist absolut unverständlich, dass die Bundesregierung einen Aktionsplan Forschungsdaten auflegt, kurz bevor mehrere große Wissenschaftsorganisationen ihre Empfehlungen dazu abgeben", kritisiert Christmann.

Da sei es auch „kein Wunder“, dass wichtige Aspekte wie die Datenkompetenz fehlten. Ein „noch nicht näher definiertes Doktorandenprogramm“ werde jedenfalls nicht ausreichen, um die Datennutzung für die Wissenschaft in der Fläche voranzutreiben.

Mehr: Unternehmen und Behörden sollen stärker Daten bereitstellen, um diese kommerziell nutzbar zu machen. Profitieren könnten kleinere Firmen. Doch die Widerstände sind groß.