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Kontrollverlust: Eine Trennung kann schmerzhaft sein, unter Umständen aber auch stärker machen, zeigt eine Studie

Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, kann während einer Trennung abnehmen. (Symbolbild)  - Copyright: Getty Images/ Moyo Studio
Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, kann während einer Trennung abnehmen. (Symbolbild) - Copyright: Getty Images/ Moyo Studio

„What doesn’t kill you makes you stronger”? Diese Lyrics eines Kelly Clarkson Songs haben wohl schon so manchen über eine schmerzliche Trennung hinweggetröstet. Was aber ist dran an diesen Worten? Eine kürzlich veröffentlichte Studie zweier Forscherinnen liefert wertvolle Einblicke bezogen auf das wahrgenommene Kontrollgefühl und damit auf das persönliche Wachstum von Menschen, die eine Trennung durchmachen.

Wie wirken sich Verluste auf die wahrgenommene Kontrolle aus?

Eva Asselmann von der Medizinischen Hochschule Potsdam (HMU) und Jule Specht von der Humboldt-Universität zu Berlin veröffentlichten kürzlich eine Studie, welche die wahrgenommene Kontrolle eines Menschen nach dem Verlust einer Beziehung beleuchtet.

Wahrgenommene Kontrolle meint dabei einfach gesagt die Überzeugung eines Menschen, das eigene Leben selbst bestimmen zu können. Personen mit einer hoch ausgeprägten wahrgenommenen Kontrolle sind also überzeugt, dass sie ihre Umgebung und ihre Zukunft durch ihr eigenes Verhalten bestimmen können. Menschen, bei denen dieses Persönlichkeitsmerkmal weniger stark ausgeprägt ist, neigen dagegen eher dazu, die Dinge, die ihnen widerfahren, äußeren Einflüsse wie beispielsweise dem Schicksal, Zufall oder Glück zuzuschreiben.

Paar Bett
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Hohe wahrgenommene Kontrolle = glückliches und gesundes Leben

Dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten die Kontrolle, dient dabei nicht nur dem eigenen Ego, sondern stellt laut Asselmann und Specht ein menschliches Grundbedürfnis dar. Mehr noch: Je größer die wahrgenommene Kontrolle, desto wohler fühlt man sich, desto gesünder ist man körperlich wie geistig und desto länger lebt man verschiedenen Studien zufolge. Rundum ist diese gefühlte Kontrolle wesentlich für eine erfolgreiche Entwicklung über die gesamte Lebensspanne.

Laut Selbstwirksamkeitstheorie haben Menschen, die eine romantische Liebesbeziehung pflegen, in der Regel eine höher ausgeprägte wahrgenommene Kontrolle. Das liege daran, dass solche Bindungen Stabilität, Sicherheit, emotionalen Halt und Vorhersagbarkeit geben. Was aber passiert, wenn diese sozialen Bindungen durch eine Trennung, eine Scheidung oder einen Todesfall wegbrechen? Hierzu wurde bislang wenig geforscht. Dabei zeigen Theorien aus der Forschung prinzipiell zwei mögliche Richtungen an:

Stressbedingtes Wachstum vs. erlernte Hilflosigkeit

Forschungen über stressbedingtes Wachstum legen beispielsweise nahe, dass Menschen an negativen Erfahrungen wachsen. Nach einem Beziehungsverlust kann es also durchaus dazu kommen, dass Menschen an innerer Stärke und Reife gewinnen. Folgt man dieser Vorstellung, könnte die wahrgenommene Kontrolle sich nach Verlust einer Beziehung nicht nur erholen, sondern langfristig sogar anwachsen.

Demgegenüber steht die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, welche vermuten lässt, dass Trennungen und andere Verluste die wahrgenommene Kontrolle eher dauerhaft schrumpfen lässt. Das liege daran, da solche Verluste eine Situation erschaffen, welche schlicht nicht durch das eigene Verhalten beeinflusst werden können. Dies befördere starke Gefühle der Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit. Folge seien langfristige Beeinträchtigungen des Kontrollgefühls.

Trennungen führen zur Abnahme der wahrgenommenen Kontrolle – jedenfalls zunächst

Vor diesem theoretischen Hintergrund wollten Asselmann und Specht es genau wissen. Wie wirkt sich ein Verlust der Beziehung also auf die wahrgenommene Kontrolle aus? Dafür analysierten sie Daten aus drei Zeitpunkten einer über mehrere Jahrzehnte angelegten Studie von Haushalten in Deutschland. Genau nutzten sie Ergebnisse jährlicher Fragebögen aus den Jahren 1994, 1995 und 1996 zum einen von 1235 Personen, die in dieser Zeit eine Trennung durchlebten, von 423 Personen, die sich scheiden ließen und von 437 Personen, bei denen der Partner starb.

Das Ergebnis? Menschen, die eine Trennung durchlebten, hatten ein insgesamt geringeres Kontrollgefühl – allerdings nahm dieses in den folgenden Jahren allmählich zu. So zeigten die meisten Menschen lediglich im ersten Jahr einen Rückgang in ihrer wahrgenommenen Kontrolle an, danach kam es zu einer steten Verbesserung.

Auch bei Menschen, bei denen die Partnerin oder der Partner starb, zeigten eine Abnahme der wahrgenommenen Kontrolle. Allerdings entwickelte sich etwa ein Jahr nach dem Verlust sogar eine noch ausgeprägtere wahrgenommene Kontrolle. Das heißt: Der Verlust eines Menschen kann, nachdem er überwunden ist, sogar dazu führen, dass man gefühlt noch mehr Kontrolle hat. Keine Ergebnisse zeigte die Studie bezogen auf Menschen, die eine Scheidung durchlebten.

Menschen können an belastenden Ereignissen wachsen

Die Studienleiterinnen sagen: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Menschen manchmal an belastenden Erfahrungen wachsen – zumindest in Bezug auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale.“ Weiter sagen sie: „In den Jahren nach dem Verlust eines Liebespartners waren die Teilnehmer unserer Studie zunehmend von ihrer Fähigkeit überzeugt, ihr Leben und ihre Zukunft durch ihr eigenes Verhalten zu beeinflussen. Ihre Erfahrungen befähigten sie, mit Widrigkeiten umzugehen und ihr Leben eigenständig zu bewältigen, wodurch sie wachsen konnten.“

Die Studie legt damit nahe, dass der Ausspruch „Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker“ zum Teil sehr viel Wahrheit in sich trägt – zumindest, wenn man ihn auf das eigene Kontrollgefühl bezieht. Zukünftig gilt es nun zu erforschen, welche Mechanismen die Veränderungen des Kontrollgefühls genau begünstigen.