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Kommentar: Die Mitte wird es in der Pandemie nicht richten

Yasmine M'Barek
·Freie Autorin
·Lesedauer: 3 Min.
Homeschooling stellt erneut vor allem sozial schlechter gestellte Familien und Alleinerziehende vor gewaltige Herausforderungen (Symbolbild: Getty Images)
Homeschooling stellt erneut vor allem sozial schlechter gestellte Familien und Alleinerziehende vor gewaltige Herausforderungen (Symbolbild: Getty Images)

Gnade uns Gott, wenn das wirtschaftliche System zusammenbricht - soweit die Devise der Regierungen auf Bundes- und Länderebene. Diese Rechnung hat einen Haken, denn den Mittelstand jetzt zu befriedigen führt nur dazu, dass der Zusammenbruch am Ende unausweichlich wird.

Niemand weiß eigentlich genau, was die Strategie ist. Natürlich lässt sich aus journalistischer Perspektive die Fülle der Anordnungen durchgehen, die sich dann doch wieder ändern, bei denen einzelne Ministerpräsidenten vorpreschen oder am Ende festgestellt wird, dass diese Maßnahme doch gar nicht rechtens ist. Was bei all der Undurchsichtigkeit jedoch glasklar ist: Hier wird besonders darauf geachtet, keinen Jähzorn einer bestimmten Bevölkerungsschicht zu ernten: Der Mittelschicht.

Die, die ständig überhört werden

Der Staat mutierte zum Sozialstaat für den Mittelstand, die Diskrepanz zwischen jenen, die Hilfe verdient haben und jenen, die ja vorher schon auf der Tasche lagen, ist so groß wie nie. Die Sorgen der liebsten Wähler sind am präsentesten. Natürlich ist der Staat dafür verantwortlich, die Miesen, die ein Lockdown dem Mittelstand bescherte, auszugleichen. Doch die sprunghafte Coronapolitik ist eher das Produkt der Angst vor der Wut, die strengere und klarere Maßnahmen mit sich ziehen würden. Das Beispiel Lockerungen zu Weihnachten lässt sich gut nennen. Die meisten derzeitigen Infektionen lassen sich auf Weihnachten und Silvester zurückführen. Das kann niemand gebrauchen, vor allem die nicht, die ohnehin schon die ganze Zeit überhört werden.

Eine Pandemie bietet eigentlich keinen Komfort, besonders nicht, wenn man finanziell am unteren Ende des Spektrums verortet ist. Alleinerziehende, Geringverdienende, Studierende, Auszubildende und Arbeitslose sowie jene, die nicht wissen, ob nächsten Monat auch ihre Stelle gestrichen wird, sind jene, die im Diskurs nahezu gar nicht präsent sind.

Auch unter der Schließung der Gastronomie leiden zahlreiche Geringverdienende (Bild: Reuters/Hannibal Hanschke)
Auch unter der Schließung der Gastronomie leiden zahlreiche Geringverdienende (Bild: Reuters/Hannibal Hanschke)

Die Politik weiß vor allem um die Fragilität des wirtschaftlichen Systems. Und in jenem halten eben die Mittelständler alles zusammen, so simpel ist es. Deswegen werden auch keine Büros geschlossen, deswegen müssen aber die Restaurants schließen, denn genau jene könnten ja die sein, die dann auch dort essen gehen und sich dort infizieren. Als wäre das auf dem Arbeitsplatz undenkbar. Die Unsinnigkeit der einzelnen Maßnahmen wird erst klar, wenn es einen selber betrifft.

Derweil stehen Systemberufe immer noch nicht im Fokus. Manche scheinen zu vergessen, wer die ganzen Gebäude reinigt, wer den Müll abholt, wer die bequemen Lieferando-Bestellungen liefert und die Avocado abkassiert. Allen voran: Was macht eigentlich das Pflegepersonal mit seinen Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen und dem derzeit allseits beliebten Spaziergang, der zur Besinnung auf das Wesentliche führen soll? Die reine Berücksichtigung der Mitte wird spätestens nach der Pandemie verheerende Zustände bewirken. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, Gleichberechtigung und Chancengleichheit, allen voran in der Bildung, schrumpfen.

Die Privilegierten schreien am lautesten

Knapp 13 Millionen Menschen leben in Deutschland an der Armutsgrenze. Das bedeutet meist: Mehrere Jobs gleichzeitig haben oder arbeitslos sein, alleinerziehend, kleiner Wohnraum und meist keine Chancengleichheit für die Kinder. Die miserable Situation des Online-Unterrichtes ist dabei das I-Tüpfelchen. Selbst wenn die Betroffenen laut schreien, schallt der Appell nicht in die Parlamente dieses Landes. Ihre Not ist keine akute Bedrohung für den Wohlstand. Auch die steigende häusliche Gewalt, die gerade auch Familien mit Problemen betrifft, ist dabei egal. Das Potenzial der Gewalt wird in existenzbedrohenden Situation mehr bestärkt als sonst, vor allem gegenüber Kindern und Frauen. Aber Hauptsache die, die am privilegiertesten sind, schreien am lautesten.

Was müsste die Bundesregierung jetzt tun? Total simpel es klingt: Lernen, Fehler einzugestehen und in reflektierter Kommunikation die Kurve kriegen - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Maßnahmenpakete müssen eine höhere soziale Komponente erhalten und die Bildung muss teuer saniert werden, besonders im Bereich Digitalisierung. Der Staat wird so oder so tief in die Tasche greifen müssen. Prävention ist dabei wohl erträglicher als die Nachsorge mit dem Wissen, dass man es hätte verhindern können.

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